Geschichten und Musik

Schlagwort: Kurzgeschichten Seite 2 von 9

Lesestoff – Dämlich, aber froh 1

Passend zu Ostern gibt es neuen Lesestoff: “Dämlich, aber froh”, Teil 1 meiner fantastischen Kurzgeschichte mit umfassender Eiersuche. Ich wünsche gute Unterhaltung.

Lesestoff - Dämlich, aber froh

Harry fuhr nach Hause. Endlich war es abends wieder hell, die Straße trocken, rechts und links nur Wiesen, freie Sicht. Da konnte er mal Gummi geben und über die Hügelkuppe schießen wie im Flug.

Dahinter waren Tiere auf der Weide, ziemlich viele, ziemlich kleine Tiere, und sie strömten auf die Straße zu.

Hühner. Nicht gerade das typische Weidevieh. Da sauste ein Grüppchen unter dem Zaun durch und kabbelte sich auf der Straße.

Harry bremste scharf, riss das Lenkrad zur Seite. Eine Hupe tönte.

Hatte es nun gekracht oder nicht?

Harry fuhr rechts ran, stieg aus und den Hügel wieder hinauf. Nein, da lag kein plattgefahrenes Federvieh auf der Straße.

Er atmete auf und merkte, wie sehr er zitterte.

Bevor er die letzten paar Kilometer in Angriff nahm, ging er lieber noch ein Stück über die Wiese. Mitten zwischen Gras und Hühnern stand eine Art Bauwagen. Vielleicht fand er dort eine Kontaktadresse, wo er sich melden konnte, falls doch etwas schiefgegangen wäre.

Er drehte langsam eine Runde um den Wagen, misstrauisch beäugt von den braun glänzenden Hennen und einer schwarz gescheckten Ziege. „Rent-a-Chicken“ stand auf der Seite des Wagens, sonst nichts. Harry fotografierte trotzdem. Er atmete noch ein paarmal tief durch und machte sich auf den Rückweg. So langsam knurrte ihm doch der Magen.

Da funkelte etwas im Gras, als die Sonne darauf schien. Harry ging hin.

Ein Ei. Aber es war nicht eierschalenfarben sondern golden. Deshalb glänzte und blinkte es so. Harry schaute sich um. Wo war die versteckte Kamera? Am Wagen entdeckte er nichts, was danach aussah. Er hob das Ei auf und steckte es ein. Es fühlte sich schwerer an als es sich für diese Größe gehörte. Vielleicht fing er auch an zu spinnen, aber darüber konnte er zu Hause nachdenken.

Als Harry in seinem kleinen Häuschen an einem ebenso kleinen, quadratischen Niemandsland angekommen war, fühlte er immer noch das Gewicht des goldenen Eis in seiner Hosentasche. Während das Nudelwasser heiß wurde, legte Harry das Ei auf die Küchenwaage. Es wog etwas über neunzig Gramm. Gold war eben schwerer als Eiweiß und Dotter.

Bis die Nudeln gar waren, hatte er das Ganze in Feinunzen umgerechnet und den aktuellen Goldpreis festgestellt. Vor ihm auf dem Tisch lagen mehr als zwei Monatsgehälter.

Natürlich musste er das Ei noch legal verkaufen, sonst hatte er nichts davon, aber das brauchte er wiederum nicht zu überstürzen. Diese Art von Ei wurde bestimmt nicht faul.

Mechanisch holte er sein Essen vom Herd, bevor es anbrannte, und schaufelte es in sich hinein, während er überlegte, was er mit all dem Geld anfangen könnte.

* * *

Fortsetzung folgt.

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Bild: Simon Meyer, foto-x.ch, CC BY-SA 3.0

Lesestoff – Verhandlungspartner 4

Heute wird der Lesestoff von gestern fortgesetzt: “Verhandlungspartner” – Teil 4 einer SF-Geschichte aus dem vorigen Jahrhundert. Hier sind Teil 1, Teil 2 und Teil 3.

* * *

Aljoscha hatte seinen Kollegen nie geglaubt, wenn sie sagten, von einem Fun­ker würden übermenschliche Fähigkeiten verlangt. Gewöhnlich verbrachte er seine Zeit im Orbit damit, mit der Pilotin Stual Schach zu spielen. Wenn Stepian auch an Bord blieb, reichte es für ein ausgedehntes Durak-Spiel. Aber heute …

Erst hatte Miriam angerufen und für “den späten Nachmittag” ein Trans­port­shuttle mit Sirup angefordert. Das war noch normal. Die Cresdecks reagierten auf Zucker und Ähnliches wie auf eine Droge, was sie in Aljoschas Augen gleich viel sym­pa­thischer machte. Für einen Vertragsabschluß konnte diese Vorliebe natürlich sehr praktisch sein. Aber dann hatte Miriam ihm ihr soeben er­fundenes Lely-Pro­jekt er­klärt. Es kostete ihn einige Stunden, sechs Wasser­bau­ingeni­eure in der näheren Um­ge­bung von Studhor ausfindig zu machen, die grund­sätz­lich bereit waren, bei der Trockenlegung eines Meeresarms mit­zuarbeiten. Bei vieren davon hielt sich so­gar die geforderte Be­zah­lung in dem von Tenzerpharma gesteckten Rahmen. Mit den beiden anderen verhandelte Aljoscha noch.

* * *

Da meldete sich Dr. Koneïda. Das kam sehr selten vor. Sie bat um ein Trans­port­shuttle mit einer Reihe von Medi­ka­men­ten und Geräten. Aljoscha verstand nicht viel von Medizin, aber das klang nach einem größeren Unfall oder gar einem Kampf. Er gab den Technikern die nötigen Anweisungen, wobei er sich mehrfach auf den Regel 18, Notfälle, berufen mußte. Natürlich war es gegen die Vor­schrif­ten, daß er irgend jemandem Instruktionen erteilte, und einen Ungläubigen wie ihn verwiesen die Neokaledonier besonders gern auf seinen Platz.

Aber Dr. Koneïda hatte noch mehr zu berichten. Die Direktoren, mit denen Miriam und Stepian verhandelten, hatten keinen frischen Ceresch-Tang zur Ver­fü­gung, denn die Erntearbeiter auf den Tangfeldern streikten gegen harte Arbeits­be­din­gun­gen und zu niedrige Löhne. Bewaffnete Einheiten des Konsortiums ver­such­ten, den Aufstand niederzuschlagen. Auch der Sirup, den die Techniker ge­ra­de ver­lu­den, war da­zu bestimmt, die Unruhen zu unterdrücken. Die Aufständischen waren ebenfalls bewaffnet, und sie planten, das Shuttle zu überfallen und den Sirup zu vernichten.

Aljoscha mußte den Transport verhindern. Bei seinem Verhältnis zu den Tech­nikern brauchte er dazu eine Anweisung des Kommandanten. Außerdem mußten die beiden Unter­händ­ler über die neue Lage informiert werden. Er überprüfte den Auto­dol der Protokolleinheit im Sitzungssaal. Nur die gängigen Handels­spra­chen wa­ren pro­grammiert. Sehr praktisch.

* * *

“Milotschka, posluschai minutku…”

Miriam erschrak, als sie die Stimme des Funkers hörte, und als sie verstand, was er sagte, wurde sie äußerst besorgt. Sie schaute Stepian an; offenbar hörte er ge­rade die gleiche Nachricht. Er schaute sie an.
Was jetzt? Sie hatten keine Gelegenheit, sich abzusprechen, ohne von den Cres­decks verstanden zu werden. Während Miriam noch fieberhaft überlegte, wie sie die Direktoren am besten hinhalten konnten, sagte Stepian laut und deut­lich auf In­terkosmo: “Stop­pen Sie den Sirup-Transport auf der Stelle. Dies ist ein Befehl des Kom­man­dan­ten.”

E N D E

Lesestoff – Verhandlungspartner 3

Heute wird der Lesestoff von gestern fortgesetzt: “Verhandlungspartner” – Teil 3 einer SF-Geschichte aus dem vorigen Jahrhundert. Hier sind Teil 1 und Teil 2.

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Wie Miriam erwartet hatte, reagierten die Direktoren nicht begeistert auf den Vor­schlag, frischen Ceresch-Tang zu verkaufen. Der Direktor der Tang­trock­nungs­an­la­gen fürchtete um die Arbeitsplätze seiner Belegschaft. Der Ge­ne­ral­di­rek­tor sah sogar den Frieden auf Studhor in Gefahr. Miriam erinnerte die Herren da­ran, daß Tenzerpharma bisher der einzige Interessent für Frischtang sei und al­le Lie­ferungen streng geheimgehalten werden sollten. Nach längerem Feil­schen einig­ten sie sich, daß die ersten sieben Lieferungen je­weils ein Viertel Trocken­tang ent­hal­ten sollten. Für dieses Ent­ge­gen­kom­men verlangte der Direktor der Tang­trock­nungs­anlagen hundert Liter Orña-Sirup, lieferbar noch am glei­chen Tag. Der Ge­ne­raldirektor und der Handelsdirektor gaben sich mit jeweils fünfzig Litern zufrieden.

Nachdem dieses Hindernis überwunden war, konnten sie an die Preis­ver­hand­lun­gen gehen. Üblicherweise ließen sich die Cresdecks in medi­zi­ni­schen oder tech­ni­schen Geräten oder Informationen bezahlen. Miriam unterbreitete ihre Angebote, vier Projekte, die Tenzerpharma von vielversprechenden, aber wenig fordernden Me­dizinern ausarbeiten ließ.

Die Herren Direktoren diskutierten die Vorzüge und vor allem die Nachteile eines jeden Vorschlags ausführlich. Schließlich fanden sie an jedem Projekt einen Haken, der ihnen so schwerwiegend erschien, daß sie ablehnten.

Der Handelsdirektor machte einen Gegenvorschlag: “Wir haben vor, die Bucht von Llarung trockenzulegen, um einen Raumhafen zu bauen. Dort sollen Raum­schiffe direkt landen können, so daß der aufwendige Transport entfällt. Für die erste Phase des Projekts, die Trockenlegung, wäre uns die Mitwirkung Ihrer In­ge­nieure willkommen.”

* * *

In einer Bucht mit breitem Sandstrand fand Dr. Koneïda gleich mehrere ver­letzte Cresdecks. Auf den ersten Blick schienen sie die Opfer einer Messer­ste­che­rei zu sein. Einige gesunde Cresdecks fungierten als Wachen und Krankenpfleger; sie waren zum Teil bewaffnet und ließen sich nur mühsam überreden, die Außen­welt­le­rin zu ihren Kameraden zu lassen. Dr. Koneïda fühlte ihr Mißtrauen; einige von ihnen hegten äußerst finstere Pläne mit ihr.

Trotzdem wurde sie zu den Verletzten vorgelassen. Ihre Messerwunden wa­ren bereits ordentlich versorgt, und Dr. Koneïda hütete sich, dem Cresdeck-Hei­ler außerweltliche Wundermittel anzubieten. Er beobachtete jede ihrer Bewegungen ge­nau und war offenbar zufrieden mit dem, was sie tat.

Bei der genaueren Unter­su­chung der Patienten fand sie Ner­venschäden, die durch Elektrizität her­vor­ge­rufen worden waren. Der Fall war eine Nummer zu groß für ihr Arznei­kästchen. Für eine sinnvolle Be­hand­lung müßte sie die Cres­decks an Bord der Tinka VI bringen. Die Reaktion auf diesen Vor­schlag war je­doch äußerst ungehalten. Immerhin konnte der Heiler die Wachen davon abhalten, sie zu lynchen.

“Wer hat das getan?” fragte sie, als ein Gespräch wieder möglich erschien.

* * *

Fortsetzung folgt.

Lesestoff – Verhandlungspartner 2

Heute wird der Lesestoff von gestern fortgesetzt: “Verhandlungspartner” – Teil 2 einer SF-Geschichte aus dem vorigen Jahrhundert.

* * *

Während Ste­pian die Cresdecks be­schäf­­tigte, be­auf­trag­te sie ein inaktives Ter­mi­nal der Pro­to­koll­einheit, regelmäßig eine han­dels­prin­tische Fas­sung aller Ge­sprä­che in die Außen­welt­­ler­quar­tiere zu schicken. Dr. Koneïda soll­te wissen, was vor­ging, auch wenn sie sich auf Befehl des Kom­man­dan­ten von den Ver­hand­lun­gen fern­hielt. Stepian mißtraute den PSI-Fähigkeiten der Ärztin. Diese Haltung war aus der Ge­schich­te seines Volkes erklärlich, aber Miriam fand sie ein­fach un­praktisch.

* * *

Dr. Koneïda ging am Strand entlang. Sie hatte die ersten Jahr­hun­der­te ihres Le­bens weit im Binnenland verbracht und die See faszinierte sie noch im­mer, der Ge­ruch nach Salzwasser und Tang, das gleichmäßigen Rol­len der Wel­len und die grau-blauen Farben, in denen Himmel und Meer ver­schwam­men.

Nur wenige Schritt hinter ihr führten steile Felsen hinauf in das Innere der In­sel. Grau und kahl sahen die Berge aus; nur an geschützten Stellen ließen sich eini­ge wenige Pflanzen entdecken. Vielleicht hatte Dr. Koneïda noch Ge­le­gen­heit zu einem Ausflug dort hinauf, wenn die Verhandlungen länger dauerten.

Als der Wind an ihren langen schwarzen Haaren zauste und winzige Wel­len um ihre braunen Zehen spülten, war sie froh, daß Stepian ihr ver­bo­ten hatte, im Sit­zungssaal zu erscheinen. Auch wenn seine Gründe dafür eher fragwürdig waren.

Mehrere Personen waren in der Nähe. Draußen im Wasser, also wohl Cres­decks. Dr. Koneïda hatte die Aufzeichnungen über die Bewohner der Meere von Stu­d­hor ge­sehen und war neugierig, einige von ihnen kennenzulernen.

Die Wesen kamen tatsächlich näher; nicht weit von Dr. Koneïda robbten sie auf den Strand. Es waren drei. Offenbar nahmen sie die Außenweltlerin jetzt erst wahr. Sie blieb ste­hen und begrüßte die drei freundlich auf Interkosmo. Die Cres­decks hielten ebenfalls an. Einer von ihnen stieß ein paar gurgelnde Töne aus. Der Auto­dol hin­ter ihrem Ohr machte daraus eine höfliche Begrüßung. Dabei fühlte sie deutlich, daß die Cresdecks neugierig aber nicht gerade freundlich gesinnt waren.

“Ein Außenweltler am Meer – das wundert mich,” sagte der Cresdeck, der auch vorhin gesprochen hatte.

“Ich bin Ärztin. Bei den Verhandlungen brauchen sie mich nicht.”

“Warum bist du dann da?” Der Cresdeck wackelte mit dem Rüssel, offenbar ein Zei­chen, daß er sich amüsierte. “Haben die Außenweltler solche Angst vor uns, daß sie ihren Arzt mit auf den Planeten bringen müssen? Euer Schiff mit dem Zucker ist doch noch nicht gelandet.”

“Nein, und es landet auch nicht. Alles, was wir brauchen, wird mit dem Trans­port­shuttle gebracht.”

Der Cresdeck war mit dieser Antwort nicht sehr zufrieden und beharrte: “Dann habt ihr doch Angst vor uns!”

“Große Angst,” lachte Dr. Koneïda und setzte sich hin. “Siehst du, wie ich mich fürchte? Wer seid ihr überhaupt, daß ihr meint, mich erschrecken zu können?”

“Wir gehören zur Sicherheitsabteilung dieser Insel.”

Das war gelogen. Die drei hatten die Wachen eher zu fürchten. “Keine Angst,” sagte Dr. Koneïda, “ich verrate euch nicht. Ihr solltet jetzt eigentlich bei der Arbeit auf den Tangfeldern sein, stimmt’s?”

“Du kannst Gedanken lesen,” sagte der Cresdeck unwillig. “Ihr Außen­welt­ler könnt einfach alles.” Er erzählte seinen Begleitern, was er ent­deckt hatte.

“Ihr habt noch ein anderes Problem,” fuhr Dr. Koneïda fort. “Kann es sein, daß ihr meine Hilfe braucht?”

Der Sprecher wollte nicht antworten. Aber die Gefühle eines zweiten Cres­decks waren deutlich genug. Dr. Koneïda fühlte in ihrer Tasche nach dem Arznei­käst­chen. Wenn Stepian davon wüßte, würde er sie auf Studhor zurücklassen. “Bringt mich zu eurem Kranken,” sagte sie.

* * *

Fortsetzung folgt.

#Autor_innensonntag – Erstkontakt

Beim heutigen #Autor_innensonntag von Justine Pust ist nach dem Erstkontakt zu anderen Schreibenden gefragt. Das muss in irgendeinem Forum oder über eine Mailingliste gewesen sein, dachte ich.

Falsch.

Wolfenbütteler Gespräch - Nachlese Teil 1Es ging völlig analog vor sich, wie das vor 25 Jahren noch üblich war. In der Mensa des FASK in Germersheim (inzwischen umbenannt und umnummeriert) stieß ich auf die Zeitschrift Unicum und darin auf ein Kursangebot: fantastische Kurzgeschichten schreiben. Veranstaltungsort war die Bundesakademie für kulturelle Bildung in Wolfenbüttel, der Referent war Klaus N. Frick und die Gruppe teilte sich ziemlich genau hälftig in Perry-Rhodan-Fans und andere. Ich gehöre zu den anderen.

In Wolfenbüttel war ich später noch zu anderen Seminaren (und zur VdÜ-Jahrestagung; vielleicht klappt es ja nächstes Jahr wieder), die Schreibkontakte haben sich seit 1996 allerdings doch stark ins Netz verlagert.

Hier kommt noch ein Geschichten-Fragment, das damals entstanden ist, komplett mit alter Rechtschreibung.

* * *

Verhandlungspartner

Miriam Tols war mit ihrem jetzigen Auftrag zufrieden. Sie sollte auf Studhor für den Konzern Tenzerpharma frischen Ceresch-Tang einkaufen. Das war eine Neue­rung und konnte die Verhandlungen etwas ausdehnen, aber Miriam hielt sich für ausreichend vorbereitet. Sie hatte sich alle Auf­zeich­nun­gen von früheren Ver­trags­abschlüssen mit den Cresdecks an­ge­sehen und für eine Ladung Orña-Sirup gesorgt, damit sie an den richtigen Stellen schmieren konnte. Das Geschäft sollte in Zukunft regelmäßig abgewickelt werden. Das bedeutete sichere Einnahmen für die Tinka VI und ihre Mannschaft. Tenzerpharma zahlte vielleicht nicht über­mäßig gut, aber pünktlich.

Jetzt schritt Miriam gemeinsam mit dem Kommandanten Stepian Fe durch die auf der Landseite gelegene Tür des flachen Gebäudes, in dem sich die Ver­hand­lun­­gen zwi­schen dem Konsortium von Studhor und Außenweltlern für ge­wöhn­lich ab­spiel­ten. Die Luft im Sitzungssaal war außerordentlich ­feuch­t und warm. Aber Miriam hatte schon unter bedeutend un­gün­stigeren Um­stän­den verhan­delt.

* * *

Die drei Herren des Konsortiums robbten zur gegenüberliegenden Tür he­rein und begaben sich zu ihren flachen Liegen. Mit ihren lächerlich kurzen Bei­nen soll­ten sie wirklich nicht versuchen, aufrecht zu gehen. Miriam und Stepian lie­ßen sich auf den beiden Stühlen am entfernten Ende des Ver­hand­lungs­tisches nie­der. Offen­bar waren ihre Gesprächspartner nicht auf allzu große Nähe aus.

In der Regel sah für Miriam ein Angehöriger einer Fremdrasse aus wie der an­de­re, aber die drei Cresdecks stellten eine Ausnahme dar. Der auf der mitt­le­ren Lie­ge war von etwas dunklerem Grau als die beiden anderen und stellte sich gleich als Generaldirektor des Konsortiums vor. Den Namen ver­stand Miriam nicht rich­tig. Sie verließ sich darauf, daß die Pro­to­koll­ein­heit bei Bedarf die kor­rek­te Anrede ein­setzen würde. Die kurzen Flossen des Ge­neraldirektors waren bei jedem Wort in Be­wegung. Miriam staunte über die Biegsamkeit seiner dünnen Finger.

Auch die beiden anderen Herren stellten sich kurz vor. Der Han­dels­di­rek­tor brach­te mit seinem langen Rüssel besonders schöne Blubberlaute her­vor; der Di­rek­tor der Tangtrocknungsanlagen hatte leicht bräunliche Haut, die mit vielen Nar­ben bedeckt war.

Stepian stellte sich und Miriam vor, dankte dem Konsortium für den freund­li­chen Empfang und sprach seine Hoffnung auf eine allseits zu­frie­den­stel­len­de Eini­gung aus. Im Stillen amüsierte sich Miriam darüber, wie sehr er es genoß, seine Gala­uniform spa­zie­ren­zu­füh­ren und den Ster­nenadmiral zu spielen.

* * *

Fortsetzung folgt.

#Autor_innensonntag – Schubladenprojekte

#Autorinnensonntag - SchubladenprojekteDas Thema zum heutigen #Autor_innensonntag von Justine Pust lautet Schubladenprojekte. Davon habe ich eine ganze Menge, auch wenn die wenigsten davon in der Schublade bzw. im Regal liegen, sondern elektronisch irgendwo verstaut sind. Viele davon grabe ich wieder aus und verwende sie als Grundlage für neue Geschichten und Welten – zum Beispiel Das Schwert des Wilden Landes.

Es gibt allerdings einen Entwurf, der wohl in diesem Stadium stecken bleiben muss, denn die Zeit hat ihn eingeholt. Er ist Mitte der 1990er entstanden, angeregt durch ein Erasmus-Semester in Spanien, und sollte in ferner Zukunft spielen, zum Beispiel 2021.

Heiliges Jahr

In diesem Jahr fällt der 25. Juli, der Jakobstag, auf einen Sonntag und in Compostela wird ein heiliges Jahr gefeiert. Wer an den nötigen Gottesdiensten teilnimmt, bekommt sämtliche zeitlichen Sündenstrafen erlassen, oder auch einen vollständigen Ablass. Traditionelle Pilger_innen sind zu Fuß, zu Pferd oder mit dem Fahrrad unterwegs. Also habe ich meine Heldin mit dem Liegerad losgeschickt. E-Bikes kamen damals zwar bereits auf, ich hatte sie allerdings noch nicht wirklich auf dem Schirm. Stattdessen wollte ich eine andere Zukunftstechnolgie einbauen, die um diese Zeit von sich reden machte, nämlich Virtual Reality.

Im Mittelalter war es nicht unüblich, andere Leute anstelle der eigentlich Büßenden auf Pilgerfahrt zu schicken, manchmal erst nach dem Tod der betreffenden Person; das wurde zum Beispiel in Testamenten verfügt. An diese Gepflogenheit habe ich angeknüpft. Die Auftraggeberin meiner Heldin sollte allerdings noch leben und zu Hause im Pflegebett mitverfolgen, was ihre Stellvertreterin unterwegs anstellt. Dass diese sich nicht in allen Lebenslagen mustergültig fromm verhalten würde, war mir schon klar. Ebenso sollten die potenziellen Erb_innen und die beteiligten Pflegekräfte von der Aktion nur teilweise begeistert sein. Weiter bin ich mit der Entwicklung des Konflikts nicht gekommen, auch nicht, als ich die Geschichte im Windschatten von Ich bin dann mal weg wieder aufbacken wollte.

Idee freigegeben

Inzwischen ist mir klar, dass ich die Geschichte nicht mehr schreiben werde, obwohl ich die Idee immer noch mag. Wenn jemand mit mehr Verstand von den aktuellen technischen Möglichkeiten sich davon inspiriert fühlt – bitte sehr, bedienen Sie sich.

Mein damaliger Besuch in Compostela hat zudem in einer anderen Geschichte Spuren hinterlassen, die a) fertig und b) auch veröffentlicht wurde: Die Herrin der Insel. Und der dekorative Gaitero, der mich überhaupt dahin gelockt hat, bekam einen eigenen NaNo-Roman – aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

* * *

Literatur: Norbert Ohlert, Pilgerstab und Jakobsmuschel, Patmos Verlag, 2000.

Bild: Hannes Rohringer via Pixabay

Weihnachtsgeschichte: Meister Pérez der Organist 4

Es folgt eine Weihnachtsgeschichte aus Spanien: „Meister Pérez der Organist“ (Teil 4 und Schluss) von Gustavo Adolfo Becquer (1836-1870) in meiner Übersetzung, leicht bearbeitet. Die ersten drei Teile finden sich hier, hier und hier.

Weihnachtsgeschichte: Meister Pérez der Organist

IV

Ein weiteres Jahr war ins Land gegangen. Die Äbtissin des Klosters Santa Inés und die Tochter von Meister Pérez sprachen leise miteinander, halb verborgen im Schatten des Chors ihrer Kirche. Das Glöckchen rief die Gläubigen mit schwacher Stimme vom Turm herab, und gelegentlich durchquerte eine Person den stillen, verlassenen Vorhof, tauchte die Finger ins Weihwasser und suchte sich einen Platz in einer Ecke des Kirchenschiffs, wo einige Anwohner des Viertels geduldig darauf warteten, dass die Christmette begann.

„Ihr seht ja“, sagte die Oberin, „Eure Furcht ist ausgesprochen; es ist niemand in der Kirche. Ganz Sevilla geht heute in die Kathedrale. Spielt nur die Orgel, spielt nur mit dem nötigen Selbstvertrauen; wir sind unter uns … aber … Ihr schweigt noch, Eure Seufzer reißen nicht ab. Was bedrückt Euch?

„Ich habe … Angst“, rief die junge Frau tief bewegt.

„Angst! Wovor?“

* * *

„Ich weiß es nicht … vor etwas Übernatürlichem … Gestern Abend habe ich Euch sagen hören, dass ich bei der Messe die Orgel spielen sollte, und voller Hochmut über diese Auszeichnung wollte ich die Register warten und stimmen, um Euch heute überraschen zu können … Ich betrat den Chor … ganz allein … öffnete die Tür, die zur Empore führt … In diesem Augenblick schlug die Turmuhr der Kathedrale … ich weiß nicht, welche Stunde … Aber die Glockenschläge klangen traurig und es waren viele … sehr viele … die Uhr schlug die ganze Zeit, und ich stand wie angewachsen in der Tür, es kam mir vor, als wären es hundert Jahre.

Die Kirche war dunkel und verlassen … Weit weg, im Hintergrund leuchtete, wie ein verlorener Stern am Nachthimmel, ein verlöschendes Licht, das in der Ampel am Hauptaltar brennt … In seinem schwachen Schein, der tiefen, schrecklichen Schatten nur noch sichtbarer machte, sah ich … ich habe ihn gesehen, Mater, glaubt mir … einen Mann, der schweigend mit dem Rücken zu mir saß, eine Hand ließ er über die Tasten der Orgel gleiten und mit der anderen zog er die Register … und die Orgel spielte; aber der Klang war unbeschreiblich. Jeder Ton schien mir wie ein erstickter Seufzer in den Pfeifen, er vibrierte mit der Luft, die ausströmen wollte, aber es kam nur ein dumpfer, kaum hörbarer Klang.

Und die Uhr der Kathedrale schlug noch immer die Stunde, und dieser Mann drückte noch immer die Tasten. Ich hörte sogar seinen Atem.

Die Angst ließ mir das Blut in den Adern gefrieren; mein Körper fühlte sich an wie Eis und meine Schläfen brannten … Ich wollte schreien, aber ich konnte nicht. Dieser Mann hatte sich umgedreht und schaute mich an … nein, das war falsch, er konnte mich nicht anschauen, denn er war blind … Es war mein Vater!“

„Ach, Schwester, vertreibt diese Hirngespinste, mit denen der böse Feind unsere schwachen Seelen stören will … Betet ein Paternoster und ein Ave Maria zum Erzengel Michael, den Herrn der himmlischen Heerscharen, dass er Euch gegen die bösen Geister beisteht. Legt Euch einen Anhänger um den Hals, der die Reliquie des Heiligen Pachomius berührt hat, der Schutzpatron gegen Versuchungen, und geht, geht hinauf zur Orgelempore; die Messe fängt gleich an, die Gläubigen warten schon … Euer Vater ist im Himmel, und er wird Euch gewiss nicht erschrecken, sondern herabkommen, um seine Tochter für diese Zeremonie zu inspirieren, die ihm immer so viel bedeutet hat.“

Die Äbtissin nahm ihren Platz im Chor zwischen den Klosterschwestern ein. Die Tochter des Meisters Pérez öffnete mit zitternder Hand die Tür zur Empore, setzte sich auf die Orgelbank und begann die Messe.

* * *

Die Messe lief ab, ohne dass etwas Bemerkenswertes geschah, bis der Augenblick der Konsekration kam. Da erklang die Orgel und zugleich ein Aufschrei der Tochter von Meister Pérez …

Die Äbtissin, die Nonnen und ein paar Gläubige liefen zur Empore.

„Schaut! Da ist er!“, sagte die junge Frau, die weit aufgerissenen Augen fest auf die Orgelbank gerichtet. Sie selbst war erschrocken aufgesprungen und hielt sich an der Balustrade der Empore fest.

Alle richteten den Blick auf dieselbe Stelle. Die Orgel war verlassen, und trotzdem spielte sie weiter … sie klang, wie nur die Erzengel es konnten, aufgehend in ihren mystischen Jubel.

* * *

„Hab ich es Euch nicht tausendmal gesagt, Doña Baltasara, hab ich es Euch nicht gesagt! … Hier geht es nicht mit rechten Dingen zu! … Hört nur. Was, Ihr wart heute nicht in der Christmette? Aber Ihr sollt trotzdem erfahren, was geschehen ist. Ganz Sevilla redet von nichts anderem … Der Herr Erzbischof ist außer sich, und das mit gutem Grund … Er ist nicht mehr nach Santa Inés gegangen; er hat das Wunder nicht miterlebt … und wofür? Um grässlichen Lärm zu hören; denn Leute, die es gehört haben, sagen, dass dieser vermaledeite Organist von San Bartolomé nichts anderes zustande gebracht hat … Wenn ich es Euch sage. So etwas hätte dieser Fatzke niemals spielen können, der Lügner … Hier geht es nicht mit rechten Dingen zu, und was hier umgeht, ist die Seele von Meister Pérez.“

E N D E

Bild: Ed Schipul via Flickr, CC BY-SA 2.0

Weihnachtsgeschichte: Meister Pérez der Organist 3

Es folgt eine Weihnachtsgeschichte aus Spanien: „Meister Pérez der Organist“ (Teil 3) von Gustavo Adolfo Becquer (1836-1870), in meiner Übersetzung, leicht bearbeitet. Die ersten beiden Teile finden sich hier und hier.

Weihnachtsgeschichte: Meister Pérez der Organist

III

„Guten Abend, meine beste Doña Baltasara. Geht Ihr auch zur Christmette? Ich für meinen Teil hatte ja vor, sie in der Pfarrkirche zu hören, aber wie es so kommt … Wo geht Vicente hin? Dorthin, wo alle hingehen. Und außerdem, wenn ich die Wahrheit sagen soll, seit Meister Pérez gestorben ist, liegt es mir jedes Mal wie ein Stein auf dem Herzen, wenn ich bei Santa Inés eintrete … Der Ärmste! Er war ein Heiliger! … Ich kann von mir sagen, dass ich ein Stück von seinem Rock aufbewahre, wie eine Reliquie, das hat er verdient … und bei Gott und meiner Seele, wenn der Herr Erzbischof die Sache in die Hand nimmt, dann werden unsere Enkel ihn auf den Altären sehen … Aber wie soll es dazu kommen? … Aus den Augen, aus dem Sinn, das gilt für die, die weggehen, und noch mehr für die Toten … Heutzutage lockt nur das Neue … Ihr versteht mich doch. Was! Ihr wisst gar nicht, was geschehen ist? Ja, in diesem Punkt sind wir uns ähnlich; aus dem Haus in die Kirche und aus der Kirche wieder nach Hause, ohne darauf zu achten, welcher Klatsch gerade die Runde macht … Nur in diesem Fall … da habe ich es aufgeschnappt … ein Wort hier, ein Wort da … ich wollte mich nicht näher erkundigen, aber bei manchen Neuigkeiten bin ich doch auf dem Laufenden … Und in dem Fall war es so, dass der Organist von San Bartolomé, diese hagere Gestalt, der immer über die anderen Organisten schimpft, dieser Taugenichts, der eher wie ein Schlachter von der Puerta de la Carne aussieht als wie ein Meister der Musik, also der spielt an diesem Heiligen Abend anstelle von Meister Pérez. Ihr wisst ja, das weiß ja ganz Sevilla, dass niemand diese Aufgabe übernehmen wollte. Nicht einmal seine Tochter, die Lehrerin ist und die nach dem Tod ihres Vaters als Novizin ins Kloster gegangen ist. Und das ist nur natürlich: Wir haben uns daran gewöhnt, diese Wunder zu hören, uns käme alles andere schäbig vor, und deshalb wollten alle den Vergleich meiden. Aber als die Gemeinde schon beschlossen hatte, dass zu Ehren des Verstorbenen die Orgel in dieser Nacht still bleiben sollte, kam unser Mann angelaufen und sagte, er wollte es wagen zu spielen … Es wagt eben niemand mehr als der Ignorant … Dabei ist es nicht einmal so sehr seine Schuld, als die der Leute, die diesem Sakrileg zugestimmt haben … aber so ist der Lauf der Welt … und ich sage, wenn man sich anschaut, wer kommt … man könnte meinen, seit dem letzten Jahr hätte sich gar nichts verändert. Die gleichen Leute, der gleiche Luxus, das gleiche Gedränge an der Tür, der gleiche Tumult im Vorhof, die gleiche Menge in der Kirche … Ach, wenn der Verstorbene das sehen könnte! Er würde auf der Stelle noch einmal sterben, weil seine Orgel nicht von kundigen Händen gespielt wird. Aber wenn mir die Leute aus diesem Viertel die Wahrheit gesagt haben, dann haben sie etwas für den Eindringling vorbereitet. Wenn es so weit ist und er die Hände auf die Tasten legt, dann fängt eine Katzenmusik an mit Schellen, Tamburins und Rummeltöpfen, dass man sonst nichts mehr hört … aber still! Da betritt der Held der Vorstellung die Kirche. Jesus, was für ein farbenfroher Aufzug, was für ein Mühlstein von Halskrause, was für ein Gehabe! Kommt, kommt, der Erzbischof ist schon eine Weile da, die Messe fängt gleich an … Kommt, ich habe das Gefühl, dass wir von dieser Messe noch lange erzählen werden.“

So sprach die gute Frau, deren Gesprächigkeit uns bereits bestens bekannt ist, und betrat die Kirche Santa Inés. Wie gewohnt bahnte sie sich mit den Ellenbogen einen Weg durch die Menge. Die Zeremonie würde sogleich beginnen.

* * *

Das Gotteshaus war ebenso strahlend erleuchtet wie im Jahr zuvor.

Der neue Organist durchquerte die Menge der Gläubigen im Kirchenschiff, um den Ring des Erzbischofs zu küssen, und stieg zur Empore hinauf. Dort spielte er ein Register der Orgel nach dem anderen an, mit ebenso aufgesetzter wie lächerlicher Wichtigkeit.

Unter den Menschen, die zahlreich im Kirchenschiff versammelt waren, hörte man ein dumpfes, wirres Murmeln, eine leise Vorahnung des Sturms, der sich bald erheben würde.

„Er ist ein Betrüger, er kann überhaupt nichts, außer vielleicht geradeaus schauen“, sagten die einen.

„Er versteht sein Fach nicht. Er hat die Orgel seiner Gemeinde in ein Wrack verwandelt, und jetzt will er Meister Pérez’ Instrument entweihen“, sagten die anderen.

Und während der eine den Umhang ablegte, um gleich umso fester das Tamburin schlagen zu können, und der andere die Schellen herausholte und alle sich darauf vorbereiteten, den größten Lärm zu machen, wagte es kaum einer, den seltsamen Menschen halbherzig zu verteidigen, der mit seinem stolzen Auftreten und seiner Pedanterie einen so deutlichen Gegensatz zur bescheidenen Erscheinung und herzlichen Güte des verstorbenen Meister Pérez bildete.

Endlich kam der erwartete, feierliche Augenblick, in dem der Priester sich verneigte, heilige Worte murmelte und die Hostie in die Hände nahm … Die Glocken läuteten; ihr Klingen erinnerte an einen kristallklaren Regen von Tönen. Durchscheinende Wellen von Weihrauch stiegen auf. Die Orgel erklang.

* * *

Lärmend erhob sich die Katzenmusik, füllte augenblicklich das Kirchenschiff und erstickte den ersten Akkord.

Panflöten, Dudelsäcke, Schellen, Tamburins, alle Instrumente der einfachen Leute erhoben zugleich ihre Stimmen; aber das Durcheinander und das Getöse dauerten nur Sekunden. So gleichzeitig, wie sie eingesetzt hatten, verstummten sie wieder.

Der zweite Akkord, voll, schneidig, großartig, drang aus den Orgelpfeifen hervor wie ein unerschöpflicher Wasserfall von harmonischen Klängen.

Himmlische Klänge, wie sie in Momenten der Verzückung den Ohren schmeicheln; Gesänge, wie sie der Geist wahrnimmt und der Mund nicht wiederholen kann; einzelne Töne einer fernen Melodie, die in Abständen erklingen, herbeigeweht vom Wind, das Murmeln der Blätter, die sich an den Bäumen küssen, ein Rauschen wie von Regen, das Trillern der Lerchen, die sich zwitschernd aus Blüten erheben wie Pfeile, die zu den Wolken hinaufschießen; Donner ohne Namen, beeindruckend wie das Brausen eines Sturms; der Chor der Seraphim ohne Rhythmus oder Kadenz, die unbekannte Musik des Himmels, die nur die Fantasie begreifen kann; geflügelte Hymnen, die sich zum Thron des Herrn erheben wie ein Wirbelsturm aus Licht und Klang … all das drückten die hundert Stimmen der Orgel aus, mit größerer Wucht, mit geheimnisvollerer Poesie, mit fantastischeren Farben, als man je gehört hatte.

* * *

Als der Organist von der Empore herabstieg, drängte sich an der Treppe eine solche Menge, so voller Eifer, ihn zu sehen, dass der Stadtrichter nicht ohne Grund fürchtete, man werde den Musikanten noch erdrücken, und die Büttel losschickte, ihm einen Weg zum Hauptaltar zu bahnen, wo der Erzbischof ihn erwartete.

„Ihr wisst“, sagte dieser, als man den Organisten vor ihn brachte, „dass ich nur deshalb aus meinem Palast hierher komme, um Euch spielen zu hören. Seid Ihr ebenso grausam wie Meister Pérez, der mir diesen Weg niemals ersparen und in der Heiligen Nacht zur Messe in der Kathedrale spielen wollte?“

„Im nächsten Jahr“, erwiderte der Organist, „werde ich Euren Wunsch erfüllen, das verspreche ich. Denn für alles Gold der Welt werde ich diese Orgel nicht mehr spielen.“

„Und warum nicht?“, unterbrach ihn der Kirchenfürst.

„Weil …“, fuhr der Organist fort und versuchte, das Gefühl zu unterdrücken, das in der Blässe seines Gesichts erkennbar wurde, „weil sie alt und in schlechtem Zustand ist. Sie kann nicht alles ausdrücken, was man von ihr wünscht.“

* * *

Der Erzbischof entfernte sich mit seinem Gefolge. Eine nach der anderen zogen die Sänften der Herrschaften vorbei und verschwanden um die nächsten Straßenecken; die Gruppen im Innenhof lösten sich auf, die Gläubigen gingen in verschiedene Richtungen davon; die Pförtnerin war schon im Begriff, das Tor zum Vorhof abzuschließen, als sie noch zwei Frauen erblickte, die sich bekreuzigten, vor dem Bild von San Felipe ein Gebet murmelten und sodann ihren Weg in die Callejón de las Dueñas fortsetzten.

„Sagt, was Ihr wollt, Doña Baltasara“, sagte die eine, „ich komme nicht darüber hinweg. So hat jedes sein Steckenpferd … Und wenn es mir die barfüßigen Kapuziner selbst versichern würden, könnte ich es doch nicht glauben … Dieser Mensch kann das nicht gespielt haben, was wir gerade gehört haben … Ich habe ihn tausendmal in seiner Gemeinde in San Bartolomé gehört, und dort musste ihn der Herr Pfarrer vor die Tür setzen, weil er so schlecht war, dass sich die Leute lieber die Ohren mit Watte verstopften … Und man braucht ihm doch nur ins Gesicht zu sehen, das ist ja, wie man sagt, der Spiegel der Seele … Ich weiß noch, der Ärmste, als ich ihn gesehen habe, dachte ich an das Gesicht von Meister Pérez, wie er in einer anderen Nacht wie dieser von der Empore gekommen ist, nachdem er uns alle mit seinen Meisterwerken fasziniert hat … Dieses gütige Lächeln, diese lebhafte Farbe! … Er war alt und sah aus wie ein Engel … nicht wie dieser, der die Treppe heruntergestolpert kam, als ob ihn oben ein Hund vergebellt hätte, und im Gesicht war er blass wie eine Leiche … Kommt, Doña Baltasara, glaubt mir, glaubt mir nur … das geht nicht mit rechten Dingen zu …“

Bei diesen letzten Worten bogen die beiden Frauen in die Gasse ein und verschwanden.

Es ist wohl unnötig, darauf hinzuweisen, wer die eine von ihnen war.

* * *

Fortsetzung folgt.

Bild: Ed Schipul via Flickr, CC BY-SA 2.0

 

Weihnachtsgeschichte: Meister Pérez der Organist 2

Es folgt eine Weihnachtsgeschichte aus Spanien: „Meister Pérez der Organist“ (2. Teil), von Gustavo Adolfo Becquer (1836-1870), in meiner Übersetzung, leicht bearbeitet. Teil 1 steht hier.

Weihnachtsgeschichte: Meister Pérez der Organist

II

Die Kirche war großartig beleuchtet. Wie ein Sturzbach ergoss sich Licht von den Altären, erfüllte das ganze Kirchenschiff, funkelte von dem reichen Geschmeide der Damen, die auf von ihrem Pagen ausgebreiteten Samtkissen knieten und von ihrer Begleiterin das Gebetbuch angereicht bekamen; so bildeten einen strahlenden Kreis vor dem Gitter des Altarraums. Bei diesem Gitter standen, die Stadträte, ihre farbenfrohen, goldbesetzten Mäntel über den Schultern, sodass sie mit sorgfältiger Nachlässigkeit ihre roten und grünen Orden hervorblitzen ließen, in einer Hand den Filzhut, dessen Federn den Teppich liebkosten, die andere auf der polierten Parierstange des Rapiers oder auf dem Heft des ziselierten Dolches. Bei ihnen befand sich ein großer Teil der vornehmsten Adligen von Sevilla, und sie schienen eine Mauer zu bilden, die ihre Töchter und Frauen vor dem Kontakt mit dem Pöbel abschirmte. Dieser wiederum rumorte sich in der Tiefe des Kirchenschiffs wie das rauschende Meer und brach in Jubelrufe aus, begleitet von schrillen Schellen und Tamburins, als man den Erzbischof erscheinen sah. Dieser nahm neben dem Altar auf einem scharlachroten Thron platz, umstanden von seinem Gefolge, und segnete das Volk dreimal.

Die Messe sollte beginnen.

Dennoch vergingen einige Minuten, ohne dass der Zelebrant sich zeigte. Die Menge wurde unruhig und ließ ihre Ungeduld merken; die Herren wechselten mit gedämpfter Stimme einige Worte, und der Erzbischof schickte einen seiner Leute in die Sakristei, um zu erfragen, was den Beginn des Gottesdienstes verzögerte.

„Meister Pérez ist erkrankt, schwer erkrankt, er kann heute unmöglich an der Christmette teilnehmen.“ So lautete die Antwort des Gefolgsmanns.

* * *

Die Nachricht breitete sich augenblicklich in der Menge aus. Es wäre unmöglich, die negativen Reaktionen zu beschreiben, die sie überall hervorrief; es muss genügen, dass eine solche Unruhe in der Kirche aufkam, dass der Stadtrichter sich erhob und die Büttel hereinkamen, um für Ruhe zu sorgen, sich aber in der zusammengedrängten, wogenden Menge verloren.

In diesem Augenblick schob sich ein hagerer, knochiger Mensch nach vorn, bis zu der Stelle, wo der Erzbischof saß.

„Meister Pérez ist krank“, sagte er, „der Gottesdienst kann nicht beginnen. Wenn Ihr wünscht, spiele ich in seiner Abwesenheit die Orgel. Weder ist Meister Pérez der beste Organist der Welt, noch wird dieses Instrument nach seinem Tod ungespielt bleiben, weil es keinen geeigneten Nachfolger gäbe …“

Der Erzbischof deutete mit dem Kopf sein Einverständnis an, aber manche unter den Gläubigen erkannten den Fremden als einen neidischen Organisten, einen Rivalen desjenigen von Santa Inés, und sie machten ihrem Unmut Luft, als plötzlich auf dem Vorhof seltsame Geräusche aufkamen.

„Meister Pérez ist da! … Meister Pérez ist da! …“

Bei diesen Rufen von der Tür her drehten sich alle um. Meister Pérez, mit blassem, verzerrtem Gesicht, kam in der Tat in die Kirche, getragen auf einem Sessel, und alle stritten sich um die Ehre, ihn auf die Schultern heben zu dürfen.

Weder die Vorstellungen der Ärzte noch die Tränen seiner Tochter hatten ihn im Bett halten können.

„Nein«, sagte er, „dies ist das letzte Mal. Ich weiß es gewiss, und ich will nicht sterben, ohne meine Orgel noch einmal zu besuchen, und das gerade heute, am Heiligen Abend. Gehen wir, ich will es so, ich befehle es; gehen wir in die Kirche.“

Sein Wunsch wurde erfüllt; die Gläubigen trugen ihn auf den Armen zur Orgelempore, und die Messe konnte beginnen.

In diesem Augenblick schlug die Uhr der Kathedrale Mitternacht.

* * *

Der Introitus, das Evangelium, das Offertorium gingen vorüber, und es kam der feierliche Augenblick, in dem der Priester die geweihte Hostie zwischen seine Fingerspitzen nahm und sie langsam erhob.

Eine Weihrauchwolke breitete sich in bläulichen Wellen im Kirchenraum aus; die Glocken läuteten mit lebhaftem Klang, und Meister Pérez legte seine verkrampften Hände auf die Tasten der Orgel.

Die hundert Stimmen der Metallpfeifen erklangen in einem majestätischen, lang anhaltenden Akkord, der sich nach und nach verlor, als ob ein Windstoß seinen letzten Nachhall davongeweht hätte.

Diesem ersten Akkord, der sich wie die Stimme eines Menschen von der Erde zum Himmel erhob, antwortete ein zweiter ganz sanft aus der Ferne; er schwoll an zu einem Strom brausender Harmonie. Es war der Gesang der Engel, der durch die Weiten des Raums zur Erde drang.

Danach hörte man wie ferne Choräle aus den Rängen der Seraphim erklingen, tausend Hymnen zugleich, die zu einer einzigen verschmolzen, und doch waren sie nur die Begleitung einer fremdartigen Melodie, die auf diesem Meer geheimnisvoller Echos zu treiben schien, wie ein Nebelstreif über dem Ozean schwebt.

Später verlor sich ein Teil der Gesänge, das Gewebe wurde schlichter. Da klangen nur noch zwei Stimmen, im Echo miteinander verflochten; schließlich blieb eine allein übrig und hielt einen strahlenden Ton wie einen Faden aus Licht … Der Priester neigte den Kopf, und über seinem grauen Haar erschien, durch den blauen Schleier des Weihrauchs verhüllt, die Hostie vor den Augen der Gläubigen. In diesem Augenblick weitete sich der Ton, auf dem Meister Pérez beständig trillerte, öffnete sich, und die Explosion einer gigantischen Harmonie erschütterte die Kirche, in deren Winkeln die Luft unter Druck vibrierte, dass die Buntglasfesnter in ihren Rahmen zitterten.

Aus jedem einzelnen Ton dieses großartigen Akkords entwickelte sich ein Thema; manch eines nah, ein anderes fern, dieses strahlend, jenes dumpf – es klang, als ob Wasser und Vögel, Wind und Blätter, Menschen und Engel, Erde und Himmel, in ihrer je eigenen Sprache eine Hymne zur Geburt des Erlösers sängen.

Die Menge lauschte sprachlos hingerissen. In jedem Auge stand eine Träne, in jedem Geist tiefe Ergriffenheit.

Dem Priester am Altar zitterten die Hände, den er hielt Ihn empor, Ihn, den die Menschen und Erzengel grüßten, seinen Gott, und es schien ihm, als ob sich vor ihm der Himmel geöffnet und er mit eigenen Augen die Wandlung der Hostie beobachtet hätte.

* * *

Die Orgel spielte weiter, aber ihre Stimmen erloschen nach und nach, wie ein Ruf, der sich in Echo über Echo verliert, sich entfernt und dabei schwächer wird, als plötzlich ein Schrei von der Empore erklang, ein herzzerreißender, spitzer Schrei, der Schrei einer Frau.

Die Orgel atmete mit einem seltsamen Missklang wie seufzend aus und verstummte.

Die Menge drängte sich an der Treppe zur Empore, auf die sich angsterfüllt die Augen aller Gläubigen richteten, die plötzlich aus ihrer frommen Verzückung gerissen wurden.

„Was ist geschehen? Was ist los?“, fragten sie einander, und niemand wusste eine Antwort, alle gaben sich Mühe, eine zu erraten. Die Verwirrung wuchs, und das Stimmengewirr schwoll an, bis es die Ordnung und Zurückhaltung störte, die in einer Kirche geboten sind.

„Was war das?“, fragte eine der Damen den Stadtrichter, der von den Bütteln geleitet als einer der Ersten auf die Empore gelangt war und sich nun blass und mit Anzeichen tiefer Trauer zu dem Thron wandte, wo der Erzbischof ihn erwartete, begierig wie alle anderen, den Grund für diese Unruhe zu erfahren.

„Was gibt es?“

„Meister Pérez ist soeben verstorben.“

Und in der Tat, als die ersten Gläubigen nach einigem Gerangel auf der Treppe die Empore erreichten, sahen sie den unglücklichen Organisten mit dem Gesicht auf den Tasten seines alten Instrumentes liegen, das noch immer dumpf vibrierte; seine Tochter indes kniete zu seinen Füßen und rief zwischen Schluchzen und Seufzern vergebens nach ihm.

* * *

Fortsetzung folgt.

Bild: Ed Schipul via Flickr, CC BY-SA 2.0

Weihnachtsgeschichte: Meister Pérez der Organist 1

Es folgt eine Weihnachtsgeschichte aus Spanien: „Meister Pérez der Organist“ (Teil 1), von Gustavo Adolfo Becquer (1836-1870), in meiner Übersetzung, mit geringfügigen Bearbeitungen.

Weihnachtsgeschichte - Meister Pérez der Organist

In Sevilla, im Vorhof der Kirche Santa Inés, hörte ich von einer Pförtnerin des Klosters die folgende Geschichte, während ich auf den Beginn der Christmette wartete. Natürlich wartete ich danach um so ungeduldiger auf den Beginn des Gottesdienstes, begierig, ein Wunder mitzuerleben.

Aber nichts Wunderbares ist an der Orgel von Santa Inés, nichts Gewöhnlicheres gibt es als die öden Motetten, die uns der Organist an jenem Abend zu Gehör brachte. Als ich die Kirche nach der Messe verließ, konnte ich mich nicht enthalten, gegenüber der Pförtnerin scherzhaft anzumerken: „Was hat es damit auf sich, dass die Orgel von Meister Pérez heute so schlecht klingt?“

„Ganz einfach“, erwiderte die Alte, „das ist gar nicht seine Orgel.“

„Nicht seine Orgel? Was ist mit ihr passiert?“

„Sie ist schon vor ein paar schönen Jahren in Stücke gefallen, aus Altersschwäche.“

„Und die Seele des Organisten?“

„Ist nicht mehr erschienen, seit man die neue Orgel eingebaut hat.“

Falls sich jemand nach der Lektüre dieser Erzählung dieselbe Frage stellen sollte, sei hiermit erklärt, warum das Wunder sich in unseren Tagen nicht mehr ereignet.

I

„Seht Ihr den mit dem roten Mantel und der weißen Feder auf dem Filzhut, der aussieht, als ob er alles Schätze Amerikas auf dem Wams trüge? Der gerade aus seiner Sänfte steigt und dieser Dame die Hand gibt … sie ist ebenfalls ausgestiegen und kommt jetzt auf uns zu, und vier Pagen mit Fackeln bahnen ihr den Weg? Das ist der Marqués de Moscoso, der Verehrer der verwitweten Gräfin Villapineda. Es heißt, dass er, bevor er ein Auge auf diese Dame geworfen hat, um die Hand der Tochter eines reichen Herrn angehalten hat; aber der Vater des Fräuleins, von dem sagt man, er wäre doch ein wenig geizig … aber still! Wenn man den … na, du weißt schon, nennt … ¿Siehst du den, der da unter dem Bogen von San Felipe vorbeigeht, mit dem dunklen Mantel, und nur ein Diener mit Laterne, der ihm leuchtet? Jetzt kommt er an dem Heiligenbild vorbei …

Habt Ihr gesehen, wie er das Bild gegrüßt hat und dabei den Orden an seiner Brust funkeln lässt?

Ohne diese edle Auszeichnung würde man ihn glatt für einen Fischhändler aus der Calle de Culebras halten … Das ist der Vater, den ich meine; schaut nur, wie ihm die Leute Platz machen und ihn grüßen.

Ganz Sevilla weiß von seinem kolossalen Reichtum. Er allein hat mehr Golddukaten in seinen Truhen als unser Herr und König Felipe Soldaten unterhält, und mit seinen Galeonen könnte er ein Geschwader zusammenstellen, vor dem alle Piraten Reißaus nähmen …

Schaut da, die Gruppe von würdigen Herren: Das sind die Stadträte. Hola, hola! Da ist auch dieser Flame, von dem es heißt, dass ihn die Herren von der Inquisition nur in Ruhe lassen, weil er den nötigen Einfluss bei den Magnaten in Madrid hat … Er kommt nur in die Kirche, um Musik zu hören … Aber wenn Meister Pérez mit seiner Orgel ihm keine faustgroßen Tränen entlockt, dann steht es fest, dass er keine Seele mehr hat, sondern dass sie schon in den Kesseln der Hölle schmort … Ah, Nachbarin! Das wird übel … Da bekommen wir wohl eine Schlägerei; ich ziehe mich in die Kirche zurück, denn ich sehe schon, hier wird es mehr Prügel geben als Vaterunser. Schaut da; die Leute des Herzogs von Alcalá kommen um die Ecke an der Plaza de San Pedro, und im Callejón de las Dueñas habe ich, glaube ich, schon die von Medinasidonia gesehen … Hab ich’s nicht gesagt?

Sie haben sich gesehen, sie versperren einander den Weg … die Leute laufen auseinander … die Büttel ziehen sich zurück, denn auf die gehen bei solchen Gelegenheiten Freund und Feind gemeinsam los … Sogar der Herr Stadtrichter mit Amtsstab und allem sucht Zuflucht im Vorhof … und da sagen sie, es gäbe eine Gerechtigkeit.“

„Für die Armen …“

„Kommt, kommt, da funkeln schon die Schilde … Allmächtiger Herr, beschütze uns! Da gehen sie aufeinander los … Nachbarin, Nachbarin! Hierher … bevor sie die Türen schließen. Aber still! Was ist das? Sie haben noch nicht richtig angefangen, da hören sie schon wieder auf. Was ist das für ein Auflauf? … Brennende Fackeln! Sänften! Der Herr Bischof!

Die Muttergottes der Hilflosen, die ich gerade im Geist angerufen habe, schickt ihn mir zur Hilfe … Ay! Niemand weiß, was ich dieser Lieben Frau verdanke!… Mit so hohen Zinsen zahlt sie mir die armseligen Kerzen zurück, die ich jeden Samstag für sie anzünde!… Schaut nur, wie großartig er aussieht, mit seinem violetten Habit und dem roten Birett … Gott erhalte ihn noch so viele Jahre auf seinem Sitz, wie ich mir noch Leben wünsche. Ohne ihn wäre schon halb Sevilla verbrannt in den Streitigkeiten der Herzöge. Schaut nur, wie die beiden Heuchler an die Sänfte des Bischofs herantreten und ihm den Ring küssen … Wie sie ihm folgen und ihn begleiten, als ob sie zu seiner Entourage gehörten. Wer würde glauben, dass die zwei, die sich jetzt als beste Freunde geben, wenn sie in einer halben Stunde in einer dunklen Gasse wieder zusammentreffen … ich meine, dann!… Gott weiß, dass ich sie nicht für feige halte. Das haben sie schon bewiesen, haben mehr als einmal gegen die Feinde des Königs gekämpft … Aber es ist doch wahr, wenn sie wollten … wenn sie wirklich wollten, könnten sie diesen ständigen Streitereien ein Ende machen. Denn in Wahrheit sind vor allem ihre Verwandten und ihre Diener mit Feuereifer dabei.

* * *

Aber kommt, Nachbarin, gehen wir in die Kirche, bevor wir dort gar keinen Platz mehr finden … manchmal ist es an Heiligabend so voll, dass kein Weizenkorn mehr hineinpasst … Die Nonnen haben großes Glück mit ihrem Organisten … War das Kloster überhaupt schon einmal in einer so glücklichen Lage? … Von den anderen Orden hört man, dass sie Meister Pérez großartige Angebote gemacht haben, was auch gar kein Wunder ist, sogar der Herr Erzbischof selbst hat ihm schon Berge von Gold geboten, um ihn für die Kathedrale abzuwerben … aber er sagt nein … Eher lässt er sein Leben, als seine Lieblingsorgel aufzugeben … Kennt Ihr etwa Meister Pérez noch nicht? Ach, Ihr seid ja neu in der Gemeinde … Er ist fast ein Heiliger. Arm, ja, aber wohltätig wie kein anderer … Er hat keine Verwandten außer seiner Tochter und keine Freunde außer der Orgel. Er verbringt sein ganzes Leben damit, über die Unschuld der einen zu wachen und die Register der anderen in bester Form zu halten … Natürlich ist die Orgel schon alt!… Trotzdem gibt er sich so viel Mühle sie zu pflegen und zu warten, dass ihr Klang ein wahres Wunder ist … Er kennt sie so gut, hat alles im Gespür … ich weiß nicht, ob ich es dir schon gesagt habe, aber der arme Mann ist blind von Geburt an … Und trägt dieses Unglück mit so viel Geduld! … Wenn man ihn fragt, was er dafür geben würde, wieder sehen zu können, antwortet er: ‚Viel, aber weniger als ihr glaubt, denn ich habe Hoffnung.‘ – ‚Hoffnung, zu sehen?‘ – ‚Ja, und schon bald‘, fügt er mit einem engelsgleichen Lächeln hinzu. ‚Ich bin schon sechsundsiebzig; auch wenn mein Leben lang war, bald werde ich Gott sehen …

Der arme Kerl! Und er wird ihn sehen … denn er ist bescheiden wie ein Pflasterstein, über den alle Welt hinweggeht … Er sagt, er sei nicht mehr als ein armer Klosterorganist, dabei könnte er dem Kantor der Kathedrale noch Musikunterricht geben; sein Amt ist ihm schon in die Wiege gelegt worden … Sein Vater hatte den gleichen Beruf; ich habe ihn nicht gekannt, aber meine Frau Mutter, Gott hab sie selig, sagt, dass er ihn immer mit an die Orgel genommen hat, um die Bälge zu treten. Später hat der Junge so viel Talent gezeigt, was ja nur natürlich ist, dass er nach dem Tod seines Vaters das Amt geerbt hat Und seine Hände! Gott segne sie. Sie hätten es verdient, dass man sie in die Calle de Chicarreros bringt und vergolden lässt … Er spielt immer gut, immer; aber in Nächten wie dieser ist es ein wahres Wunder … Die Christmette ist ihm sehr wichtig, und wenn um Schlag zwölf, zu der Stunde in der unser Herr Jesus Christus geboren wurde, die Hostie erhoben wird … da klingen die Stimmen der Orgel wie der Gesang der Engel …

Aber wozu soll ich Euch erzählen, was Ihr in dieser Nacht hören werdet? Ihr braucht doch nur zu sehen, wie sich die Blüte von Sevilla, sogar der Herr Erzbischof persönlich, in diesem bescheidenen Kloster versammelt, um ihn spielen zu hören; und es sind nicht nur die gebildeten Leute oder solche, die sich auf Musik verstehen, die seinen Wert kennen, sondern auch das einfache Volk. Diese Menschenmengen, die Ihr mit brennenden Kienfackeln hereinströmen seht, die hemmungslos Weihnachtslieder grölen und dazu mit Tamburins und Rummeltöpfen lärmen, wie es selbst in der Kirche ihre Gewohnheit ist, sind mäuschenstill, wenn Meister Perez die Hände auf die Tasten legt … und wenn er anhebt … wenn er anhebt, regt sich nicht einmal eine Fliege … aus allen Augen fließen dicke Tränen, und wenn sein Spiel endet, hört man einen gewaltigen Seufzer, nichts anderes als der Atem, den das ganze Publikum angehalten hat, solange die Musik erklang … Aber kommt, kommt, die Glocken hören schon auf zu läuten, gleich fängt die Messe an; gehen wir hinein.

Heiligabend ist für alle, aber so selig wie für uns wird er sonst nirgends.“

So sprach die gute Frau, die ihre neue Nachbarin ausführlich mit dem Leben in der Gemeinde bekannt gemacht hatte, überquerte den Vorhof des Klosters Santa Inés, und mit einem Ellbogenstoß hier und einem Schubs dort betrat sie das Gotteshaus und verschwand in der Menge, die sich durch die Tür drängte.

* * *

Fortsetzung folgt.

Bild: Ed Schipul via Flickr, CC BY-SA 2.0

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