Es folgt eine Weihnachtsgeschichte aus Spanien: „Meister Pérez der Organist“ (Teil 1), von Gustavo Adolfo Becquer (1836-1870), in meiner Übersetzung, mit geringfügigen Bearbeitungen.

Weihnachtsgeschichte - Meister Pérez der Organist

In Sevilla, im Vorhof der Kirche Santa Inés, hörte ich von einer Pförtnerin des Klosters die folgende Geschichte, während ich auf den Beginn der Christmette wartete. Natürlich wartete ich danach um so ungeduldiger auf den Beginn des Gottesdienstes, begierig, ein Wunder mitzuerleben.

Aber nichts Wunderbares ist an der Orgel von Santa Inés, nichts Gewöhnlicheres gibt es als die öden Motetten, die uns der Organist an jenem Abend zu Gehör brachte. Als ich die Kirche nach der Messe verließ, konnte ich mich nicht enthalten, gegenüber der Pförtnerin scherzhaft anzumerken: „Was hat es damit auf sich, dass die Orgel von Meister Pérez heute so schlecht klingt?“

„Ganz einfach“, erwiderte die Alte, „das ist gar nicht seine Orgel.“

„Nicht seine Orgel? Was ist mit ihr passiert?“

„Sie ist schon vor ein paar schönen Jahren in Stücke gefallen, aus Altersschwäche.“

„Und die Seele des Organisten?“

„Ist nicht mehr erschienen, seit man die neue Orgel eingebaut hat.“

Falls sich jemand nach der Lektüre dieser Erzählung dieselbe Frage stellen sollte, sei hiermit erklärt, warum das Wunder sich in unseren Tagen nicht mehr ereignet.

I

„Seht Ihr den mit dem roten Mantel und der weißen Feder auf dem Filzhut, der aussieht, als ob er alles Schätze Amerikas auf dem Wams trüge? Der gerade aus seiner Sänfte steigt und dieser Dame die Hand gibt … sie ist ebenfalls ausgestiegen und kommt jetzt auf uns zu, und vier Pagen mit Fackeln bahnen ihr den Weg? Das ist der Marqués de Moscoso, der Verehrer der verwitweten Gräfin Villapineda. Es heißt, dass er, bevor er ein Auge auf diese Dame geworfen hat, um die Hand der Tochter eines reichen Herrn angehalten hat; aber der Vater des Fräuleins, von dem sagt man, er wäre doch ein wenig geizig … aber still! Wenn man den … na, du weißt schon, nennt … ¿Siehst du den, der da unter dem Bogen von San Felipe vorbeigeht, mit dem dunklen Mantel, und nur ein Diener mit Laterne, der ihm leuchtet? Jetzt kommt er an dem Heiligenbild vorbei …

Habt Ihr gesehen, wie er das Bild gegrüßt hat und dabei den Orden an seiner Brust funkeln lässt?

Ohne diese edle Auszeichnung würde man ihn glatt für einen Fischhändler aus der Calle de Culebras halten … Das ist der Vater, den ich meine; schaut nur, wie ihm die Leute Platz machen und ihn grüßen.

Ganz Sevilla weiß von seinem kolossalen Reichtum. Er allein hat mehr Golddukaten in seinen Truhen als unser Herr und König Felipe Soldaten unterhält, und mit seinen Galeonen könnte er ein Geschwader zusammenstellen, vor dem alle Piraten Reißaus nähmen …

Schaut da, die Gruppe von würdigen Herren: Das sind die Stadträte. Hola, hola! Da ist auch dieser Flame, von dem es heißt, dass ihn die Herren von der Inquisition nur in Ruhe lassen, weil er den nötigen Einfluss bei den Magnaten in Madrid hat … Er kommt nur in die Kirche, um Musik zu hören … Aber wenn Meister Pérez mit seiner Orgel ihm keine faustgroßen Tränen entlockt, dann steht es fest, dass er keine Seele mehr hat, sondern dass sie schon in den Kesseln der Hölle schmort … Ah, Nachbarin! Das wird übel … Da bekommen wir wohl eine Schlägerei; ich ziehe mich in die Kirche zurück, denn ich sehe schon, hier wird es mehr Prügel geben als Vaterunser. Schaut da; die Leute des Herzogs von Alcalá kommen um die Ecke an der Plaza de San Pedro, und im Callejón de las Dueñas habe ich, glaube ich, schon die von Medinasidonia gesehen … Hab ich’s nicht gesagt?

Sie haben sich gesehen, sie versperren einander den Weg … die Leute laufen auseinander … die Büttel ziehen sich zurück, denn auf die gehen bei solchen Gelegenheiten Freund und Feind gemeinsam los … Sogar der Herr Stadtrichter mit Amtsstab und allem sucht Zuflucht im Vorhof … und da sagen sie, es gäbe eine Gerechtigkeit.“

„Für die Armen …“

„Kommt, kommt, da funkeln schon die Schilde … Allmächtiger Herr, beschütze uns! Da gehen sie aufeinander los … Nachbarin, Nachbarin! Hierher … bevor sie die Türen schließen. Aber still! Was ist das? Sie haben noch nicht richtig angefangen, da hören sie schon wieder auf. Was ist das für ein Auflauf? … Brennende Fackeln! Sänften! Der Herr Bischof!

Die Muttergottes der Hilflosen, die ich gerade im Geist angerufen habe, schickt ihn mir zur Hilfe … Ay! Niemand weiß, was ich dieser Lieben Frau verdanke!… Mit so hohen Zinsen zahlt sie mir die armseligen Kerzen zurück, die ich jeden Samstag für sie anzünde!… Schaut nur, wie großartig er aussieht, mit seinem violetten Habit und dem roten Birett … Gott erhalte ihn noch so viele Jahre auf seinem Sitz, wie ich mir noch Leben wünsche. Ohne ihn wäre schon halb Sevilla verbrannt in den Streitigkeiten der Herzöge. Schaut nur, wie die beiden Heuchler an die Sänfte des Bischofs herantreten und ihm den Ring küssen … Wie sie ihm folgen und ihn begleiten, als ob sie zu seiner Entourage gehörten. Wer würde glauben, dass die zwei, die sich jetzt als beste Freunde geben, wenn sie in einer halben Stunde in einer dunklen Gasse wieder zusammentreffen … ich meine, dann!… Gott weiß, dass ich sie nicht für feige halte. Das haben sie schon bewiesen, haben mehr als einmal gegen die Feinde des Königs gekämpft … Aber es ist doch wahr, wenn sie wollten … wenn sie wirklich wollten, könnten sie diesen ständigen Streitereien ein Ende machen. Denn in Wahrheit sind vor allem ihre Verwandten und ihre Diener mit Feuereifer dabei.

* * *

Aber kommt, Nachbarin, gehen wir in die Kirche, bevor wir dort gar keinen Platz mehr finden … manchmal ist es an Heiligabend so voll, dass kein Weizenkorn mehr hineinpasst … Die Nonnen haben großes Glück mit ihrem Organisten … War das Kloster überhaupt schon einmal in einer so glücklichen Lage? … Von den anderen Orden hört man, dass sie Meister Pérez großartige Angebote gemacht haben, was auch gar kein Wunder ist, sogar der Herr Erzbischof selbst hat ihm schon Berge von Gold geboten, um ihn für die Kathedrale abzuwerben … aber er sagt nein … Eher lässt er sein Leben, als seine Lieblingsorgel aufzugeben … Kennt Ihr etwa Meister Pérez noch nicht? Ach, Ihr seid ja neu in der Gemeinde … Er ist fast ein Heiliger. Arm, ja, aber wohltätig wie kein anderer … Er hat keine Verwandten außer seiner Tochter und keine Freunde außer der Orgel. Er verbringt sein ganzes Leben damit, über die Unschuld der einen zu wachen und die Register der anderen in bester Form zu halten … Natürlich ist die Orgel schon alt!… Trotzdem gibt er sich so viel Mühle sie zu pflegen und zu warten, dass ihr Klang ein wahres Wunder ist … Er kennt sie so gut, hat alles im Gespür … ich weiß nicht, ob ich es dir schon gesagt habe, aber der arme Mann ist blind von Geburt an … Und trägt dieses Unglück mit so viel Geduld! … Wenn man ihn fragt, was er dafür geben würde, wieder sehen zu können, antwortet er: ‚Viel, aber weniger als ihr glaubt, denn ich habe Hoffnung.‘ – ‚Hoffnung, zu sehen?‘ – ‚Ja, und schon bald‘, fügt er mit einem engelsgleichen Lächeln hinzu. ‚Ich bin schon sechsundsiebzig; auch wenn mein Leben lang war, bald werde ich Gott sehen …

Der arme Kerl! Und er wird ihn sehen … denn er ist bescheiden wie ein Pflasterstein, über den alle Welt hinweggeht … Er sagt, er sei nicht mehr als ein armer Klosterorganist, dabei könnte er dem Kantor der Kathedrale noch Musikunterricht geben; sein Amt ist ihm schon in die Wiege gelegt worden … Sein Vater hatte den gleichen Beruf; ich habe ihn nicht gekannt, aber meine Frau Mutter, Gott hab sie selig, sagt, dass er ihn immer mit an die Orgel genommen hat, um die Bälge zu treten. Später hat der Junge so viel Talent gezeigt, was ja nur natürlich ist, dass er nach dem Tod seines Vaters das Amt geerbt hat Und seine Hände! Gott segne sie. Sie hätten es verdient, dass man sie in die Calle de Chicarreros bringt und vergolden lässt … Er spielt immer gut, immer; aber in Nächten wie dieser ist es ein wahres Wunder … Die Christmette ist ihm sehr wichtig, und wenn um Schlag zwölf, zu der Stunde in der unser Herr Jesus Christus geboren wurde, die Hostie erhoben wird … da klingen die Stimmen der Orgel wie der Gesang der Engel …

Aber wozu soll ich Euch erzählen, was Ihr in dieser Nacht hören werdet? Ihr braucht doch nur zu sehen, wie sich die Blüte von Sevilla, sogar der Herr Erzbischof persönlich, in diesem bescheidenen Kloster versammelt, um ihn spielen zu hören; und es sind nicht nur die gebildeten Leute oder solche, die sich auf Musik verstehen, die seinen Wert kennen, sondern auch das einfache Volk. Diese Menschenmengen, die Ihr mit brennenden Kienfackeln hereinströmen seht, die hemmungslos Weihnachtslieder grölen und dazu mit Tamburins und Rummeltöpfen lärmen, wie es selbst in der Kirche ihre Gewohnheit ist, sind mäuschenstill, wenn Meister Perez die Hände auf die Tasten legt … und wenn er anhebt … wenn er anhebt, regt sich nicht einmal eine Fliege … aus allen Augen fließen dicke Tränen, und wenn sein Spiel endet, hört man einen gewaltigen Seufzer, nichts anderes als der Atem, den das ganze Publikum angehalten hat, solange die Musik erklang … Aber kommt, kommt, die Glocken hören schon auf zu läuten, gleich fängt die Messe an; gehen wir hinein.

Heiligabend ist für alle, aber so selig wie für uns wird er sonst nirgends.“

So sprach die gute Frau, die ihre neue Nachbarin ausführlich mit dem Leben in der Gemeinde bekannt gemacht hatte, überquerte den Vorhof des Klosters Santa Inés, und mit einem Ellbogenstoß hier und einem Schubs dort betrat sie das Gotteshaus und verschwand in der Menge, die sich durch die Tür drängte.

* * *

Fortsetzung folgt.

Bild: Ed Schipul via Flickr, CC BY-SA 2.0