Es folgt eine Weihnachtsgeschichte aus Spanien: „Meister Pérez der Organist“ (Teil 4 und Schluss) von Gustavo Adolfo Becquer (1836-1870) in meiner Übersetzung, leicht bearbeitet. Die ersten drei Teile finden sich hier, hier und hier.

Weihnachtsgeschichte: Meister Pérez der Organist

IV

Ein weiteres Jahr war ins Land gegangen. Die Äbtissin des Klosters Santa Inés und die Tochter von Meister Pérez sprachen leise miteinander, halb verborgen im Schatten des Chors ihrer Kirche. Das Glöckchen rief die Gläubigen mit schwacher Stimme vom Turm herab, und gelegentlich durchquerte eine Person den stillen, verlassenen Vorhof, tauchte die Finger ins Weihwasser und suchte sich einen Platz in einer Ecke des Kirchenschiffs, wo einige Anwohner des Viertels geduldig darauf warteten, dass die Christmette begann.

„Ihr seht ja“, sagte die Oberin, „Eure Furcht ist ausgesprochen; es ist niemand in der Kirche. Ganz Sevilla geht heute in die Kathedrale. Spielt nur die Orgel, spielt nur mit dem nötigen Selbstvertrauen; wir sind unter uns … aber … Ihr schweigt noch, Eure Seufzer reißen nicht ab. Was bedrückt Euch?

„Ich habe … Angst“, rief die junge Frau tief bewegt.

„Angst! Wovor?“

* * *

„Ich weiß es nicht … vor etwas Übernatürlichem … Gestern Abend habe ich Euch sagen hören, dass ich bei der Messe die Orgel spielen sollte, und voller Hochmut über diese Auszeichnung wollte ich die Register warten und stimmen, um Euch heute überraschen zu können … Ich betrat den Chor … ganz allein … öffnete die Tür, die zur Empore führt … In diesem Augenblick schlug die Turmuhr der Kathedrale … ich weiß nicht, welche Stunde … Aber die Glockenschläge klangen traurig und es waren viele … sehr viele … die Uhr schlug die ganze Zeit, und ich stand wie angewachsen in der Tür, es kam mir vor, als wären es hundert Jahre.

Die Kirche war dunkel und verlassen … Weit weg, im Hintergrund leuchtete, wie ein verlorener Stern am Nachthimmel, ein verlöschendes Licht, das in der Ampel am Hauptaltar brennt … In seinem schwachen Schein, der tiefen, schrecklichen Schatten nur noch sichtbarer machte, sah ich … ich habe ihn gesehen, Mater, glaubt mir … einen Mann, der schweigend mit dem Rücken zu mir saß, eine Hand ließ er über die Tasten der Orgel gleiten und mit der anderen zog er die Register … und die Orgel spielte; aber der Klang war unbeschreiblich. Jeder Ton schien mir wie ein erstickter Seufzer in den Pfeifen, er vibrierte mit der Luft, die ausströmen wollte, aber es kam nur ein dumpfer, kaum hörbarer Klang.

Und die Uhr der Kathedrale schlug noch immer die Stunde, und dieser Mann drückte noch immer die Tasten. Ich hörte sogar seinen Atem.

Die Angst ließ mir das Blut in den Adern gefrieren; mein Körper fühlte sich an wie Eis und meine Schläfen brannten … Ich wollte schreien, aber ich konnte nicht. Dieser Mann hatte sich umgedreht und schaute mich an … nein, das war falsch, er konnte mich nicht anschauen, denn er war blind … Es war mein Vater!“

„Ach, Schwester, vertreibt diese Hirngespinste, mit denen der böse Feind unsere schwachen Seelen stören will … Betet ein Paternoster und ein Ave Maria zum Erzengel Michael, den Herrn der himmlischen Heerscharen, dass er Euch gegen die bösen Geister beisteht. Legt Euch einen Anhänger um den Hals, der die Reliquie des Heiligen Pachomius berührt hat, der Schutzpatron gegen Versuchungen, und geht, geht hinauf zur Orgelempore; die Messe fängt gleich an, die Gläubigen warten schon … Euer Vater ist im Himmel, und er wird Euch gewiss nicht erschrecken, sondern herabkommen, um seine Tochter für diese Zeremonie zu inspirieren, die ihm immer so viel bedeutet hat.“

Die Äbtissin nahm ihren Platz im Chor zwischen den Klosterschwestern ein. Die Tochter des Meisters Pérez öffnete mit zitternder Hand die Tür zur Empore, setzte sich auf die Orgelbank und begann die Messe.

* * *

Die Messe lief ab, ohne dass etwas Bemerkenswertes geschah, bis der Augenblick der Konsekration kam. Da erklang die Orgel und zugleich ein Aufschrei der Tochter von Meister Pérez …

Die Äbtissin, die Nonnen und ein paar Gläubige liefen zur Empore.

„Schaut! Da ist er!“, sagte die junge Frau, die weit aufgerissenen Augen fest auf die Orgelbank gerichtet. Sie selbst war erschrocken aufgesprungen und hielt sich an der Balustrade der Empore fest.

Alle richteten den Blick auf dieselbe Stelle. Die Orgel war verlassen, und trotzdem spielte sie weiter … sie klang, wie nur die Erzengel es konnten, aufgehend in ihren mystischen Jubel.

* * *

„Hab ich es Euch nicht tausendmal gesagt, Doña Baltasara, hab ich es Euch nicht gesagt! … Hier geht es nicht mit rechten Dingen zu! … Hört nur. Was, Ihr wart heute nicht in der Christmette? Aber Ihr sollt trotzdem erfahren, was geschehen ist. Ganz Sevilla redet von nichts anderem … Der Herr Erzbischof ist außer sich, und das mit gutem Grund … Er ist nicht mehr nach Santa Inés gegangen; er hat das Wunder nicht miterlebt … und wofür? Um grässlichen Lärm zu hören; denn Leute, die es gehört haben, sagen, dass dieser vermaledeite Organist von San Bartolomé nichts anderes zustande gebracht hat … Wenn ich es Euch sage. So etwas hätte dieser Fatzke niemals spielen können, der Lügner … Hier geht es nicht mit rechten Dingen zu, und was hier umgeht, ist die Seele von Meister Pérez.“

E N D E

Bild: Ed Schipul via Flickr, CC BY-SA 2.0