Geschichten und Musik

Kategorie: Geschichten Seite 1 von 10

Lesestoff – Eskapadenbrunnen

Heute gibt es wieder etwas Lesestoff aus der Reihe «optimistischer Eskapismus», die Geschichte «Eskapadenbrunnen» von Leonore Dubach, mit einer Heldin, die nicht ganz alltägliche Auswege findet.

Lesestoff - Eskapadenbrunnen

Beim Eintreten in die Galerie duftete es fein nach diversen Gerichten, besonders der Geruch von Schokolade stieg Clara in die Nase, während sie grosse, breite Treppe hinauflief.

Im Saal präsentierten sich Springbrunnen auf langen Tischen, weisse, helle und dunkle Schokolade floss in Kaskaden herunter. Auf riesigen Glastellern lagen mundgerecht geschnittene Obststücke, auf langen Holzstäbchen aufgespiesst, die unter die flüssige Schokolade gehalten wurden.

In Gedanken sah sich Clara mit perfekter Figur unter einer herunterstürzenden Schokoladenmasse, den Mund weit geöffnet. Die Masse bedeckte ihren gesamten Körper. Sie genoss die Süsse, die Wärme und das verführerische Aroma, das ihren Körper streichelte.

Ihr Leben war sonst trostlos, sie hatte keine Arbeit und keine Freunde, musste mit wenig Geld auskommen. Ein Schokoladenhersteller, der immer auf der Suche nach schönen Frauen war, sah dem Treiben mit Vergnügen zu. Clara kam seiner Vorstellung einer Schokoladen-Göttin am nächsten. Ein Chocolatier nahm ihre Masse. An der Messe «Schokoladen Träume» präsentierte der Hersteller seine Göttin in Lebensgrösse, Clara war anwesend. Diese Kreation brachte ihm und ihr viel Bewunderung ein. Die Figur wurde zerstört. Man brachte sie zu Fall. Wie im richtigen Leben war ihr Glück nur von kurzer Dauer. Der Hersteller bot die Bruchstücke dem Kunsthaus zu einem guten Preis für den Springbrunnen an.

* * *

Clara hielt lachend den Spiess in der Hand, die Schokolade lief über ihre Hände und das Kleid.

Auf den Tischen nebenan gab es verschiedene Sorten an Salzgebäck, Oliven, Partybrote, die in Dreiecke geschnittenen waren, belegt mit Schinken, Salami, Lachs und diversen Käsesorten. Sie beobachte, wie diese Köstlichkeiten blitzschnell von flinken Händen gegriffen und in gierige Münder geschoben wurden. Frischkäse und Salamischeiben hinterliessen hässliche Spuren auf den Tischtüchern. Ein Tisch war unterdessen vollgestellt mit zerknüllten Papierservietten, Glas- und Papptellern, leeren Kaffeetassen und Weingläsern.

Sie beobachtete die Gäste, hässlich und gefrässig, die alles Essbare mit beiden Händen ihn ihre Münder stopften, laut schmatzten, sich literweise Champagner in den Schlund gossen, laut lachten, die Finger ableckten, nach immer mehr schrien.

Unter dem Tisch kauerten hungernde Flüchtlinge und Obdachlose, die um Essen baten, doch sie bekamen nur die Krümel, die herunter fielen, leckten Champagner vom Boden auf.

Trotz ihrer Abscheu mischte Clara sich unter die Neureichen, ass und trank mit ihnen. Sie trug teure Kleider und Schuhe, schlürfte Champagner, ass Lachshäppchen. Sie schob ihre Herkunft auf beiseite. Sie genoss diesen Luxus mit den Reichen und Schönen.

Sie lief an den Obdachlosen vorbei, rief laut: «Selber schuld.» Sie spürte kein Mitleid.

* * *

Auf einem der Tische lag dunkles Brot, trockene, kreisrunde Kanten. Clara bleib stehen.

Wer nie sein Brot … oder aber gemeinsam Brot brechen, im Schweisse deines Angesichts sollst du …

Sie hatte von ihren Eltern gelernt, dass man Brot nicht wegwirft. Sie starrte auf die Brotdeckel, die niemanden interessierten, dabei waren sie die Fundamente, die diese essbaren Brottürme zusammenhielten. «Dummes Zeug», sagte sie laut.

Der Deckel vom Partybrot erinnerte Clara an das Klosterleben. Vor ein paar Wochen hatte sie ein Kloster besucht, welches bei ihr einen grossen Eindruck hinterlassen hatte.

Beim Berühren des Brotdeckels fühlte sie die Tonsur eines Schweigemönchs. Sie bewundert die Schweigemönche, die in einem halbdunklen Raum, in dem sich ein Stuhl befindet, ein Tisch, auf dem eine Bibel liegt, und abgetrennt eine enge, harte Schlafkoje. Sie bekommen ihr Essen durch eine Klappe gereicht. Aussenkontakt gibt es nur durch das Fenster im Zimmer. Manche Schweigemönche verlassen niemals ihre Zelle.

Clara träumt sich weit weg von allem, dem Stress, dem Lärm. Als Teenager hatten Klöster sie fasziniert.

Sie sieht sich ins Kloster eintreten. Ihr Alltag besteht aus Beten und Arbeiten und himmlischer Ruhe. Sonst muss sie sich um nichts kümmern. Sie ist von fast allen Aufgaben befreit.

Gott sei Dank.

E N D E

Über die Autorin: Leonore Dubach ist bildende Künstlerin und Autorin und lebt in der Schweiz. Sie hat bereits mehrere Lyrikbände veröffentlicht.

Bild: DKrieger, GNU-Lizenz für freie Dokumentation

 

Lesestoff – Erinnerung an alte Zeiten

Heute gibt es den ersten Lesestoff aus der Reihe “Optimistischer Eskapismus“: Erinnerung an alte Zeiten, ein Rückblick aus dem Jahr 2046 von Ulrike Brandhorst.

Lesestoff - Erinnerung an alte Zeiten

Augen auf, die Sonne scheint. Die Vögel jubilieren. Zeit zum Aufstehen! Heute ist der 20. Mai 2046 – der 25. Jahrestag der Schulgründung. Alles ist vorbereitet: Reden, Aufführungen und natürlich das große Festessen an den langen Tischen auf der riesigen Obstbaumwiese des Schulgartens. Alles glänzt vor Sauberkeit: Der Laden, in dem die Schüler ihre Gartenprodukte verkaufen, die Klassenzimmer und die Internatsräume …

2021. Damals hatte auch der letzte verstanden, dass ein Impfstoff uns nicht retten würde. Dass wir unser Leben, unser Wirtschaften, unser Selbstverständnis und unser Verhalten in und gegenüber der Mitwelt grundsätzlich würden ändern müssen. Zum Glück hatten vorausschauende Menschen das schon lange vor dem erkannt, was heute in den Geschichtsbüchern als „Corona-Krise“ bezeichnet wird. Diese Vorreiter hatten mit Permakultur, bio-veganer Landwirtschaft, Reparatur-Werkstätten und grünen Geldanlagen experimentiert, hatten Theorien zu nachhaltigem, gemeinschaftlichem Wirtschaften, Konsumieren und Leben aufgestellt.

Anfangs hatte man sie noch belächelt. Die breite Öffentlichkeit hatte auf einfache, technische Lösungen gehofft, auf schnellstmögliche Rückkehr zur „Normalität“. Sie waren bereit, Hände zu waschen, Masken zu tragen und eine Zeitlang auf Verwandte, Friseure und Parkbänke zu verzichten, sie waren bereit, jede nötige App auf ihrem Smartphone installieren zu lassen – aber langfristige Veränderungen oder gar eine Abschaffung der Smartphones? Undenkbar.

Und jetzt? Denken diejenigen, die sich noch erinnern können, mit Grauen an die Zeit zurück, als sie in Panik gerieten, wenn es einmal keinen Empfang gab. Als alle immer irgendwie unter Stress standen und gar nicht so richtig wussten, warum. Als wir nicht miteinander kommunizierten, sondern uns nur gegenseitig bestätigten oder beleidigten.

* * *

Heute werden digitale Medien maßvoll als Ort der demokratischen Organisation und des respektvollen Austauschs genutzt. Der Agenda 21-Gedanke wird gelebt: Global denken, lokal handeln. Es gibt keine Massenproduktion und Massentierhaltung mehr, Megaställe, Schlachthöfe und Industriegebiete wurden abgerissen, die Bausubstanz sorgfältig in jeder Hinsicht gereinigt und wenn möglich recyclet. Auch Autobahnen, Parkplätze und Hochhäuser wurden rückgebaut. Durch das Freiwerden der Flächen und eine sinnvolle Wohnraumverteilung können die Menschen nachhaltig wohnen, ohne sich ballen oder stapeln zu müssen.

Dort, wo einst Industriegebiete Landschaft und Seele quälten, stehen heute wunderschöne Gewächshäuser. Bananen, Mangos und Ananas gibt es aus lokalem Anbau. Um die Gewächshäuser gruppieren sich kleine Ateliers lokaler Künstler, Handwerker und Gärtner. Hier kann jeder kaufen, was er braucht: Möbel, Kleider, Geschirr, Lebensmittel …

Der globale Austausch ist dadurch nicht zum Erliegen gekommen – aber er findet nicht mehr anonymisiert statt. Die lokalen Schneiderateliers stehen in direktem Kontakt mit den lokalen Baumwollanbauern und Webern in Indien und der Türkei. In Freundschaft verbunden besuchen sie sich gegenseitig auf der neuen Orient-Trasse – einer der zahlreichen Zug- und Schiffsverbindungen, die es Geschäftsleuten und Reisenden ermöglichen, persönliche Kontakte mit weit entfernten Geschäftspartnern und Freunden zu pflegen – wobei schon der Weg dorthin ein Vergnügen ist: In liebevoll gestalteten Kabinen und Abteilen mit hervorragenden Speiserestaurants kann der Urlaub schon beginnen – oder die Arbeit weiter fortgeführt werden.

Auf diesen Bahntrassen und Schiffswegen gelangen auch exotische Gewürze und Kunsthandwerk aus fernen Ländern nach Europa – und europäische Produkte reisen zurück. Frische Ware wird lokal produziert – oder eben nicht. Keiner hat das Gefühl, das ihm etwas fehlt – es gibt ja alles, was man braucht: Zeit, Gemeinschaft, gesundes Essen und Trinken, Kleidung …

* * *

Das Leben hat sich in jeder Hinsicht verändert. Nachdem die ersten Kleinschulprojekte mit weniger als 100 Schülern erfolgreich waren, setzte sich dieses Modell durch. Weltweit wurde ein Kerncurriculum festgelegt: die Grundrechenarten sowie Lesen und Schreiben in den jeweiligen Muttersprachen und Englisch. Alle anderen Kompetenzen sind den jeweiligen Schulen freigestellt.

Hier in der Schule nehmen Kinder von sechs bis achtzehn Jahren entweder als Internats- oder als Tagesschüler am Unterricht teil. Vormittags haben die ersten bis vierten Klassen Kernkompetenzunterricht – täglich von 9-13 Uhr. Die älteren Schüler verpflichten sich zu Projekten ihrer Wahl: Pflege des Schulgartens, Betrieb des Ladens, in dem die Gartenprodukte der Schule, aber auch Kunsthandwerk und Bücher der Schüler verkauft werden. Andere sind für die Versorgung der Internatsschüler verantwortlich und für das Ausrichten von Veranstaltungen.

Wie andere Schulen heute auch, gehört diese Schule zu den festen Institutionen im Ort bzw. Stadtteil: Hier kaufen viele ihre Lebensmittel, es gibt eine Familienberatungsstelle, politische und kulturelle Veranstaltungen und natürlich Feste für alle aus der Nachbarschaft – so wie heute zum Beispiel, zum 25. Jahrestag der Gründung. Also: Schnell aufstehen und den neuen Tag beginnen!

E N D E

Die Autorin: Ulrike Brandhorst, Jahrgang 1970, geboren im Taubertal, Studium der Sprach- und Kulturwissenschaft in Straßburg, Germersheim und Triest,
freiberufliche Übersetzerin und Autorin, Mutter von zwei Töchtern. Die vegane Christin lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Darmstadt.

Bild: Sonnenaufgang Kap Arkona, von Ansgar Koreng / CC BY-SA 3.0 (DE)

#bücherhamstern – Katzen

Es gibt zwei neue Exemplare aus der Reihe #bücherhamstern vorzustellen, nämlich zwei Katzen in klein und groß.

Katzen in klein

#bücherhamstern - Katzen

Der Machandel-Verlag veröffentlicht derzeit eine längere Reihe von Katzenbüchern – insgesamt 52 sollen es werden. Darunter sind auch einige Mini-Büchlein, die eben jetzt im Mai erschienen sind. (Der Bibliotheksausweis zeigt ungefähr die Größenordnung.) In  Höllenpfoten von Lisa Dröttboom geht es um die hässliche kleine Straßenkatze Fussel. Aber hässlich ist bekanntlich relativ. Die Kurzgeschichte bringt es auf 90 Seiten und erzählt von Hund und Katze, struppigem Fell und der Fähigkeit zu fliegen.

Die Büchlein werden als “Zigarettenpausen-Bücher” beworben, lesen sich aber auch sehr gut, wenn man nicht raucht. Für eine lange Bahnfahrt sollte man allerdings gleich ein paar einpacken. In der gleichen Aufmachung sind erschienen: Katzen sind nun mal so und Pyrit will nur spielen von Petra Schmidt sowie Wer weiß, was wa(h)r und Die letzte Zauberin von Barbara Schinko.

Katzen in groß

#bücherhamstern - Katzen

Schon etwas länger liegt auf meinem Stapel Der Katzenschatz von Hanna Nolden. Es ist als Jugendbuch ab 12 deklariert, ich würde es schon für ältere Grundschulkinder empfehlen. Der Held Jonas stellt eines Tages fest, dass die Tiere in seiner Umgebung mit ihm reden. Das betrifft nicht nur Katzen, die ohnehin magische, fast göttliche Wesen sind, sondern auch seine beiden Ratten und einen Mini-Mops. Unterstützt von seiner Freundin Delilah (nennt sie ja nicht Tabea) und den gesprächigen Vierbeinern macht sich Jonas daran, den Katzen ihren legendären Schatz wieder zu verschaffen. Nur erhebt sich die Frage, ob er dazu auf dem richtigen Weg ist.

Woher nehmen?

Da es Bücher aus Kleinverlagen im stationären Buchhandel nicht immer leicht haben, freue ich mich besonders, dass meine nächstgelegene Buchhandlung, Buch-Valentin in Fürth (Odw.) Bücher aus dem Machandel-Verlag problemlos besorgen kann. Wer mehr auf das Glück vertrautk, kann bis zum 2. Juni an einem Gewinnspiel auf katzen.de teilnehmen, bei dem es unter anderem Höllenpfoten zu gewinnen gibt.

 

Die erste Runde der Ausschreibung „Optimistischer Eskapismus“ ist beendet und es sind diverse Beiträge eingegangen – wider Erwarten keiner gestern Abend um 23:59 Uhr. Das ist der Zeitpunkt, zu dem ich meistens auf „Senden“ drücke, wenn ich es schaffe, an einer Ausschreibung teilzunehmen. Dafür sind zwei Texte punktgenau auf 5000 Wörtern gelandet. Es kamen auch Einsendungen aus Österreich und der Schweiz, womit das Ganze zum internationalen Event wird.

In den Geschichten sind auf den ersten Blick alltägliche Wesenheiten wie Schnecken oder Internatsschüler vertreten, ebenso Drachen und Meerjungfrauen. Passend zum heutigen „Towel Day“ ist zudem ein außerirdisches Mathe-Ass vorbeigekommen. Es gibt Eis und Schokolade, und der Grill wird angeworfen.

Also, demnächst auf dieser Seite: die erste der optimistischen, eskapistischen Geschichten. Aber vielleicht hat sie ja doch eine Menge mit dieser Welt und ihren Bewohnern zu tun.

Gerade läuft der Endspurt zu dieser Runde des Events „Optimistischer Eskapismus“. Ich bedanke mich schon mal im Voraus bei den Menschen, die eine Geschichte zum Thema geschickt haben bzw. das demnächst noch tun werden. Ich will nicht allzu lautstark behaupten, dass bald eine neue Runde starten wird. Das hängt von diversen Umständen ab, daher kann es auch sein, dass es bei dieser einen bleibt.

Ich hoffe, dass auch bei etlichen anderen Besuchern der Ausschreibungsseite Geschichten entstanden sind, die vielleicht ein anderes Format oder eine andere Wendung genommen haben, als es hier geplant war. Möglicherweise ist es bei manchen auch bei einer ersten Idee geblieben. Aber die kann noch wachsen. Egal, welche Form sie letzten Endes annehmen – sie finden mit hoher Wahrscheinlichkeit noch ein schönes Zuhause und interessiertes Publikum. Wenn nicht gleich, dann eben in der ferneren Zukunft … Ich bin gerade dabei, ein Romanprojekt von 2006 abzuschließen. Entweder geht es Anfang Juni zu einer Ausschreibung oder im Herbst zu BOD.

Lesestoff – Die Spange 10

Es folgt die heutige Portion Lesestoff: „Die Spange“, Teil 10 (und Ende) der historischen Kurzgeschichte mit Kurzweil, Pfeffersack und Nachtgespenst. Hier geht es zu den Teilen 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8 und 9.

Lesestoff - Die Spange

Alheit erwartete die beiden aufgeregt in ihrem Quartier. „Was hast du erfahren?“, fragte sie, kaum dass Franz eingetreten war.

Er setzte sich ins Stroh und langte nach der Weinkanne. Alheit schenkte ihm ein. „Von unserem Gastgeber“, sagte sie. „Dafür sollen wir morgen Abend für seine Gäste spielen.“

Franz nickte. Am liebsten hätte er gleich mit den Plänen für diesen Auftritt angefangen.

Jetzt erzähl endlich“, murrte Stefan, der wie schlafend dalag.

Franz tat ihm den Gefallen. Am Ende des Berichts saß Stefan aufrecht und mit offenem Mund da.

Was sagst du dazu, Pater?“, wandte sich Alheit an Baldwin.

Ich kann euch sagen, was die Kirche lehrt“, erwiderte der. „Er braucht einen Fürsprecher bei Gott, bevor er die nächste arme Seele in Versuchung führen kann.“

Ob unsere Gebete ihm da helfen?“, fragte Stefan. „So fromm sind wir doch nicht.“

Doch“, entgegnete Baldwin. „Maria hilft, auch wenn Spielleute sie anrufen.“

Stefan nickte und summte das passende Lied dazu.

Alheit sah ihn zweifelnd an. „Können wir nicht …“ Sie unterbrach sich. „Nein. Wir haben keinen Beweis dafür, dass Ulrich ermordet wurde.“

Nur das Wort eines Geistes“, sagte Baldwin.

Und das gilt noch weniger als das eines Spielmanns.“ Franz setzte sich auf. „Aber er hat meinen Namen genannt, gleich ein paarmal. Das …“

Das verheißt nichts Gutes“, sagte Baldwin. „Er wird dich weiter verfolgen und plagen, bis du seinen Auftrag ausgeführt hast.“

Franz betrachtete Alheits verbundene Hand. So konnte es nicht weitergehen. „Den Geist werden wir nicht los“, sagte er nachdenklich. „Aber vielleicht dieses verfluchte Ding.“

* * *

Er wog die Messingspanne in der Hand. Sie musste an einen Ort, wo ein ruheloser Geist keine Macht über sie hatte. Wo konnte das sein?

Bis jetzt war sie jeden Morgen wieder da“, erinnerte Alheit.

Willst du sie jetzt doch verkaufen?“, fragte Stefan.

Wie oft soll ich dir noch sagen, dass das nicht geht?“, erwiderte Alheit. „Wirf sie besser in einen Abort.“

Franz schüttelte den Kopf. Vor Gestank würde der Geist gewiss nicht zurückschrecken. „Wenn der eine Franz nicht helfen kann, dann vielleicht ein anderer“, sagte er schließlich. Er beschloss, dass es draußen hell genug war. Und sollten gute Mönche nicht ohnehin einen Großteil der Nacht im Gebet verbringen?

Mühsam kam er auf die Beine, steckte die Fibel innen an seinen Ärmel. Dann nahm er die Kiepe mit den Instrumenten auf. „Vielleicht weiß der heilige Franz ja auch ein Ständchen zu schätzen?“

E N D E

Bild: aus der Schedelschen Weltchronik, gemeinfrei

Lesestoff – Die Spange 9

Es folgt die heutige Portion Lesestoff: „Die Spange“, Teil 9 der historischen Kurzgeschichte mit Kurzweil, Pfeffersack und Nachtgespenst. Hier geht es zu den Teilen 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7 und 8.

Lesestoff - Die Spange

Ihr habt vor ein paar Tagen hier gespielt?“, fragte Baldwin auf dem Weg zum Friedhof.

Es hatte keinen Sinn, das abzustreiten. Laut genug waren sie gewesen.

Der eine oder andere Präzentor hier in der Stadt würde dich mit Freuden in seinen Chor aufnehmen.“

Dafür ist es zu spät“, meinte Franz und wechselte das Thema. „Hier, aus diesem Grab ist er gekommen.“

Dann wollen wir heute Nacht hier auf ihn warten.“

* * *

An einer Stelle auf dem Gelände erschien eine schwach leuchtende Kugel. Es hätte ein Pilz sein können, der sein kränkliches Licht verbreitete. Franz musste mehrmals hinsehen, um sich zu vergewissern, dass der Schein stärker wurde. Die Kugel wuchs, zog sich in die Länge. Nach und nach nahm sie die Gestalt von Ulrich an. In ein Leichentuch gehüllt hob er die Hand, als ob er Franz segnen wollte.

Du bist gekommen. Franz.

Alle guten Geister loben Gott, den Herrn.“

Darauf kam keine Antwort. Vielleicht dauerte es länger, bis der Geist den Satz verstanden hatte. „Kann ich etwas für dich tun?“, fragte Franz weiter.

Wieder blieb es eine Weile still.

Warum ist der andere da?

Er will mir helfen.“

Gut. Dann wirst du mit ihm fertig.

Mit wem?“

Hermann.

Was soll ich tun?“

Räche mich. Franz.

Für was denn? Und wie?“ Dass der Geist seinen Namen nannte, ließ ihm kalte Schauer über den Rücken rinnen. Bekam dieses Wesen dadurch Macht über ihn?

Die Frage war offenbar zu schwierig, denn der Geist antwortete wieder einmal nicht.

Er hat mich umgebracht. Bring du ihn auch um. Franz.

Ach was.“ Hoffentlich bemerkte der Geist sein Erschrecken nicht. „Hast du es nicht selbst getan?“

Nein. Ich wollte, aber im letzten Augenblick ging es doch nicht. Da kam Hermann vorbei.

Und?“

Was und? Jetzt bin ich tot.

Ich lasse mir etwas einfallen“, versprach Franz. Das konnte er ohne weiteres versprechen. Auch wenn er sicher wusste, dass er keinen Menschen umbringen würde.

Dann geh und tu, was ich dir aufgetragen habe.

Franz ging. Er fühlte sich leer, wie ausgesaugt, ohne Kraft. Selbst wen er gewollt hätte, könnte er jetzt niemanden töten.

* * *

Fortsetzung folgt.

Bild: aus der Schedelschen Weltchronik, gemeinfrei

Lesestoff – Die Spange 8

Es folgt die heutige Portion Lesestoff: „Die Spange“, Teil 8 der historischen Kurzgeschichte mit Kurzweil, Pfeffersack und Nachtgespenst. Hier geht es zu den Teilen 1, 2, 3, 4, 5, 6 und 7.

Lesestoff - Die Spange

Vor dem Marienaltar saß ein Mann mit dichtem schwarzem Haarkranz und leinengrauer Kutte. Der Kopf war ihm auf die Brust gesunken, hin und wieder erklang ein leises Schnarchen.

He, Lotterpfaffe, da will einer zu dir!“ Der Diakon rüttelte den anderen an der Schulter.

Was gibts?“ Der graue Pater erschien mit einem Mal hellwach und betrachtete Franz aufmerksam. „Willst du unserer lieben Frau ein Ständchen bringen?“

Gern“, sagte Franz, „aber vor allem brauche ich deine Hilfe.“

Meine?“

Wie heißt du überhaupt, Spielmann?“, unterbrach der Diakon, als ob er sich an ein Versäumnis erinnerte.

Franz nannte seinen Namen.

Baldwin“, erwiderte der Pater unwirsch. „Aus Erfurt.“

Franz verbeugte sich.

Der Diakon murmelte etwas, das nach: „Wers glaubt“, klang. „Dann könnt ihr eure Verhandlungen ja jetzt ohne mich fortsetzen“, sagte er laut.

Als Baldwin nickte, strebte er eilig einer Gruppe Frauen entgegen, die eben zur Tür hereinkam.

Von denen wird er mehr Almosen bekommen“, sagte Baldwin. „Aber was hast du auf dem Herzen, Spielmann?“

* * *

Franz erzählte die Geschichte von Ulrich, der Meistertochter Käthe und Hermann dem Krämer. Baldwin nickte, fragte an manchen Stellen nach. Dann kam der Teil mit der Spange und den wilden Träumen.

Der Pater wehrte nicht ab, sagte nichts von sündigem Lebenswandel und vergessenen Gebeten. „Hast du deinen Geist auch einmal im Wachen gesehen?“, fragte er. „Traumgesichte können uns in die Irre führen.“

Nein. Kann er überhaupt am Tag erscheinen?“

Oh ja, Geister können das. Hat er etwas zu dir gesagt?“

Er will Rache“, antwortete Franz leise. „Aber ich weiß nicht, wofür und an wem.“

Willst du sie denn ausführen?“

Franz schüttelte heftig den Kopf.

Und du sagst, er liegt hier auf dem Friedhof?“

An der Mauer.“

Ja, natürlich. Lass uns nachsehen, was wir dort finden.“ Baldwin hob seinen Pilgerstab auf und ging mit Franz hinaus, an dem Diakon und seinen Beichtkindern vorbei.

* * *

Fortsetzung folgt.

Bild: aus der Schedelschen Weltchronik, gemeinfrei

Lesestoff – Die Spange 7

Es folgt die heutige Portion Lesestoff: „Die Spange“, Teil 7 der historischen Kurzgeschichte mit Kurzweil, Pfeffersack und Nachtgespenst. Hier geht es zu den Teilen 1, 2, 3, 4, 5 und 6.

Lesestoff - Die Spange

Du bist tot!“, wiederholte Franz.

Er musste laut gerufen haben, denn Alheit rüttelte an seinem Arm. „Wach auf! Niemand ist tot!“

Hm?“ Er versuchte, sich aufzusetzen. „Was ist?“

Du hattest einen Albtraum“, sagte Alheit. „Vergiss ihn und schlaf noch ein Stück.“

Unwillig schüttelte Franz den Kopf. So leicht würde er die Geister nicht vergessen. Aber sie blieben aus. Am anderen Morgen erwachte er wie aus tiefer Dunkelheit, mit nur einer schwachen Erinnerung an Ulrichs bleiches Gesicht.

* * *

Alheit packte an diesem Tag besonders vorsichtig. Auf den ersten Blick lag nichts in der Kiepe, was nicht hineingehörte. Als sie die Schalmei in den Korb stellte, bohrte sich ein Messingdorn in ihre Hand.

Zischend fuhr sie zurück. „Was soll das?“

Will uns dieser Hermann was anhängen?“, vermutete Stefan.

Franz schüttelte den Kopf. Jetzt fand er keine Ausflüchte mehr. „Ich fürchte, es ist noch schlimmer.“

Noch schlimmer?“ Alheit hatte einen Fetzen Stoff gefunden und hielt ihn Franz hin, damit er ihr die Hand verbinden konnte.

Ein Geist“, sagte er kleinlaut. „Eine ruhelose Seele.“

Unsinn“, erwiderte Alheit. „Wer soll uns denn heimsuchen?“

Ulrich.“

Dieser andere Geselle, von dem du erzählt hast? Hast du deshalb so geschrien?“, fragte Alheit.

Er nickte.

Dann rede mit einem Priester. Das kann so nicht weitergehen.“

* * *

Der Diakon in der Peterskirche musterte Franz von oben bis unten. „Was willst du, Spielmann?“

Es gibt einen Totengeist, der mich plagt.“ Er hatte sich die Sätze genau überlegt und immer wieder vorgesagt.

Warum? Hast du ihn betrogen? Oder nicht für seine Seele gebetet, wie du versprochen hast?“

Franz schüttelte den Kopf. „Ich habe ihn kaum gekannt. Seit ich weiß, dass er tot ist, bete ich für ihn.“

Der Diakon hob den Finger. „Das ist gut, dann wird er dich bald in Ruhe lassen.“

Wieder schüttelte Franz den Kopf. „Er plagt jetzt auch die, die mit mir reisen, und er kann uns gefährlich werden.“

Warum? Glaubst du, er will auch eure verlorenen Seelen in die Hölle ziehen?“

Franz gab auf. „Ja, das hat er wohl vor.“

Und du willst, dass ich ihn austreibe?“

Franz nickte. „Ich habe von Priestern gehört, die mit diesen armen Seelen reden können und erfahren, was ihnen fehlt, damit sie Ruhe finden.“

Ja, von denen habe ich auch gehört.“ Wieder maß er Franz mit den Augen. „Kannst du seine Dienste denn bezahlen?“

Franz nickte langsam. Das kam natürlich darauf an, was der Mann verlangen würde.

Sein Gesprächspartner grinste. „Dann weiß ich einen für dich. Komm nur mal mit.“

* * *

Fortsetzung folgt.

Bild: aus der Schedelschen Weltchronik, gemeinfrei

Lesestoff – Die Spange 6

Es folgt eine neue Portion Lesestoff: „Die Spange“, Teil 6 der historischen Kurzgeschichte mit Kurzweil, Pfeffersack und Nachtgespenst. Hier geht es zu den Teilen 1, 2, 3, 4 und 5.

Lesestoff - Die Spange

Ob das Ding wirklich so viel wert ist?“, fragte Alheit, als sie wieder draußen auf der Straße standen.

Mehr!“, rief Stefan. „Er hätte ruhig das Doppelte geben können.“

Franz schüttelte den Kopf. „Sie wollte es nur wiederhaben, ohne dass jemand weitere Fragen stellt.“

Gib’s zu, du weißt etwas darüber“, erwiderte Alheit streng.

Ich …“ Franz zögerte. „Ich habe die Spange schon einmal gefunden.“ Er erzählte kurz, wann das gewesen war. „Der andere Geselle im Haus hatte sie beiseite geschafft und wollte sie Hermann unterschieben. Der Meister sollte ihn für einen Dieb halten.“

Alheit kniff die Augen zusammen. „Das ist doch eine alte Pilgergeschichte. Ist darauf wirklich noch jemand hereingefallen?“

Ich habe ihm die Sache ausgeredet. Wir haben die Spange an einem ganz gewöhnlichen Ort gefunden und zurückgegeben.“

Dann ist ja gut.“

Davon, dass der andere Geselle inzwischen tot war und angeblich umging, sagte er nichts.

Aber das hat doch nichts damit zu tun, dass das Ding zu uns zurückgekommen ist, oder?“, fragte Stefan.

Franz tat, als hätte er ihn nicht gehört. „Wir suchen uns wieder einen Platz in der Stadt“, verkündete er. „Am Spital vielleicht oder am Franziskanerkloster. Da kommen genug Leute vorbei.“

* * *

In der dritten Nacht spielte Franz nicht mehr auf dem Friedhof, sondern in den Gassen der Stadt rund um den Marktplatz. Alheit war nirgends zu sehen, er hörte nur ihre Melodie. Die Leute tanzten zur Musik, und immer mehr Totengerippe schlossen sich der Reihe an. Sie machten gewagte Sprünge, ihre Knochen klapperten, dass es in der engen Gasse hallte.

Franz wartete dieses Mal nicht so lange. „Ulrich!“, rief er der Schlange hinterher. „Du bist tot!“

Der Anführer der Tanzenden lachte hohl und bog in ein niedriges Fachwerkhaus ein.

Nicht!“, rief Franz. „Wo willst du hin? Ihr gehört auf den Friedhof!“ Seie Glieder bewegten sich ohne sein Zutun, als ob ein unsichtbarer Puppenspieler an den Fäden zöge.

Wieder lachten die Toten unheimlich. Franz glaubte sogar, sie leise singen zu hören. Er setzte sein Instrument noch einmal an und spielte weiter.

Die Reihe der Tanzenden kam wieder aus dem Haus. Wie eine Schlinge hatte sie sich um die Meisterstochter Käthe gelegt und schob sie mit zur Tür hinaus auf die Straße. Sie stolperte, als ob sie Franz zu Füßen fallen würde.

Ulrich!“, rief er noch einmal. „Du bist tot! Hör auf mit dem Unsinn!“

Das ist kein Unsinn, Spielmann. Ich will Rache! Und du sollst die ausführen!“

Du bist tot!“, wiederholte Franz.

* * *

Fortsetzung folgt.

Bild: aus der Schedelschen Weltchronik, gemeinfrei

Seite 1 von 10

Präsentiert von WordPress & Theme erstellt von Anders Norén

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen