La Ballade

Geschichten und Musik

Lesestoff – Dämlich, aber froh 4

Es folgt eine neue Portion Lesestoff, “Dämlich, aber froh”, Teil 4 der fantastischen Kurzgeschichte mit ausgiebiger Eiersuche. Hier geht es zu Teil 1, Teil 2 und Teil 3.

Lesestoff - Dämlich, aber froh

Das Radio kam ihm zu Hilfe. Zwischen dem Gedudel, mit dem Predrag und er sich die Arbeitszeit verkürzten, wunderte sich die Moderatorin über eine Firma namens „Miete ein Huhn“. Sie werde oft von Altenheimen oder Kitas nachgefragt. Im Altenheim weißten sie gerade, da war Rent-a-Chicken schon abgezogen. Harry würde sich ab sofort bei den Kindergärten der Umgebung auf die Lauer legen.

Bevor Harry morgens zur Arbeit ging, fuhr er bei den Einrichtungen vorbei, die ihm sein Navi anzeigte. Am dritten Tag entdeckte er den Wagen mit der bekannten Aufschrift zwischen Schaukel und Klettergerüst vor der Kita Sieben Zwerge. Sehr gut. Jetzt musste er nur noch seine Arbeit so organisieren, dass er die Anlage im Auge behalten konnte.

Weil er noch Urlaub übrig hatte und im Geist ohnehin schon an seiner Kündigung schrieb, nahm er ein paar Tage frei. Am Altenheim war sowieso nicht mehr viel zu tun. Von einer neuen Baustelle für die nächste Zeit hatte Harry noch nichts gehört.

Er legte sich bei der Kita auf die Lauer. Um nicht aufzufallen, wechselte er immer wieder den Standort. Wenn das Haus am frühen Abend verlassen war, stattete Harry dem Wagen und seiner Eierklappe einen Besuch ab.

Schon am zweiten Abend tat ihm eine der braunen Hennen den Gefallen und legte das erwartete goldene Ei. Harry steckte es schnell ein. Dann verfolgte er das Huhn, und als er es zu fassen bekam, schnitt er von zwei Schwanzfedern die Spitzen ab.

„Was machen Sie denn da?“, fragte eine Frauenstimme.

„Ich?“ Harry drehte sich um. „Äh, ich dachte, die Fassade da … ich bin nämlich Handwerker, wissen Sie … da müsste man mal was machen …“

Die Frau zog die Augenbrauen hoch. „So? Und was hat das …?“

„Sie können sich ja mal mit dem Chef in Verbindung setzen“, quatschte Harry weiter. „Moment, ich hab auch einen Flyer …“ Er wollte sich umdrehen und zum Auto laufen.

„Geben Sie sich keine Mühe“, sagte die Frau, „wir wissen, dass es reinregnet, und Geld für Reparaturen haben wir sowieso keins. Also lassen Sie unsere Hühner in Ruhe.“

„Die sind mir nachgelaufen …“

„Wenn ich Sie hier noch einmal sehe, rufe ich die Polizei.“

Es war eindeutig Zeit zu verduften.

* * *

Fortsetzung folgt.

Mehr Lesestoff gibt es hier.

Bild: Simon Meyer, foto-x.ch, CC BY-SA 3.0

Lesestoff – Dämlich, aber froh 3

Es folgt eine neue Portion Lesestoff: “Dämlich, aber froh”, Teil 3 der fantastischen Kurzgeschichte mit ausgiebiger Eiersuche. Hier sind Teil 1 und Teil 2.

 

Lesestoff - Dämlich, aber froh

Am nächsten Morgen konnte Harry seine Freude besser verbergen, als er zur Arbeit kam. Ein seltsamer Traum steckte ihm noch in den Knochen. Es war um die jährliche Grillparty beim Chef gegangen. Harry war in einer altmodischen Badehose aufgetaucht und aus irgendeinem Grund immer Hähnchenbeine zu essen bekommen, egal, wie oft er Steak oder Bratwurst verlangte.

Eigentlich ja nicht so schlimm. Trotzdem hatte er darauf geachtet, sein Pausenbrot mit Käse zu belegen.

Gegen Mittag suchte er sich einen schönen Platz auf dem Gerüst am ersten Stock und aß das besagte Käsebrot. Gerade, als die Heimleiterin mit dem Juniorchef unten vorbeiging, geriet Harry etwas Hartes in die falsche Kehle. Er musste husten.

Das Ding steckte fest. Er bekam keine Luft mehr.

Jemand haute ihm kräftig auf den Rücken. Ihm flog etwas aus dem Mund, dem Juniorchef und der Heimleiterin vor die Füße. Die beiden schauten tadelnd zu Harry herauf.

„Der hat sich verschluckt!“, rief sein Kollege Predrag, der ihn gerade so gebeutelt hatte.

„Warst du beim Hähnchen-Grill?“, fragte der Juniorchef. „Da hättest du uns ruhig was mitbringen können.“

Harry schüttelte den Kopf.

Bei der nächsten Gelegenheit schaute er unter dem Gerüst nach, ob er das Ding finden konnte, das er den beiden auf den Kopf gespuckt hatte.

Es war ein Hühnerknochen.

Noch bevor die Fassadenarbeiten am Altenheim abgeschlossen waren, verschwand das Hühnermobil von seinem Standort. Harry fluchte leise. Er hatte sich schon überlegt, wie er das Geflügel weiter beobachten und das richtige Huhn für seine Zwecke entführen könnte. Jetzt musste er wieder erst diese geheimnisvolle Firma verfolgen, bevor er vielleicht das dritte Ei fand.

* * *

Fortsetzung folgt.

Mehr Lesestoff gibt es hier.

Bild: Simon Meyer, foto-x.ch, CC BY-SA 3.0

 

Lesestoff – Dämlich, aber froh 2

Hier kommt die nächste Portion Lesestoff: “Dämlich, aber froh”, Teil 2 der fantastischen Kurzgeschichte mit ausgiebiger Eiersuche.

Lesestoff - Dämlich, aber froh

Maranshenne, kupferschwarz, auf Wiese

Am nächsten Tag ging Harry fröhlich zur Arbeit. Es war sein letzte Einsatztag an der aktuellen Baustelle, das das Gerüst wurde abgebaut und er konnte früher Feierabend machen. Er nutzte die Gelegenheit, sein Ei beim Juwelier prüfen zu lassen. Schließlich war nicht alles Gold, was glänzte.

Der Händler nickte sachkundig. „Ach, hat der großzügige Osterhase wieder zugeschlagen“, sagte er. „Es kommt Ihnen vielleicht unwahrscheinlich vor, aber ich möchte wetten, dass das echtes Gold ist.“

„Testen Sie es trotzdem“, erwiderte Harry. Seine ganzen schönen Pläne von gestern Abend hingen von dem Ergebnis ab. Ohne Gold kein Hühnerhof, ohne Hühnerhof kein weiteres Gold, und ohne weiteres Gold keine Frührente.

Der Test fiel positiv aus, und der Juwelier machte ein Angebot.

Harry musste an sich halten, nicht sofort ja zu sagen. Er nahm sich immerhin die Zeit, den Preis noch einmal nachzuprüfen. Nach kurzem Verhandeln stimmte er trotzdem zu.

Um seinen Fund und die zukünftigen Erfolge zu feiern, gönnte er sich eine kleine Craft-Beer-Tour. Wenn er erst Hühner hatte, konnte er nicht mehr einfach so für ein Wochenende verschwinden.

* * *

Vorerst ging er weiter zur Arbeit und hielt Ausschau nach Rent-a-Chicken. Die Firma war nicht so leicht zu finden, wie Harry gehofft hatte.

Er traf sie eher zufällig wieder, auf dem Gelände des Altenheims St. Martha. Dort sollten Harry und seine Kollegen die reichlich vergraute Fassade wieder etwas herrichten.

Auf der Grünfläche zwischen den hohen Gebäuden, wo die Senioren ungefährdet ein paar Schritte hin und her schläppeln konnten, war ein noch kleineres Stück mit elektrischem Weidezaun abgeteilt und darauf stand ein Bauwagen mit der Aufschrift Rent-a-Chicken. Etwa ein halbes Dutzend braune und weiße Hennen scharrten und pickten im Gras.

Als Harry gegen Feierabend vom Gerüst herunterkam, stand am Pferch schwankend eine alte Frau im Nachthemd. Die konnte er hier eigentlich nicht brauchen, wenn er sich mal schnell nach einem goldenen Ei umschauen wollte.

„Junger Mann“, rief sie ihm zu. „Holen Sie mir mal meine Brille da aus dem Pferch.“

„Ich hab Feierabend“, murrte er. Solche Jobs durfte man nicht mit allzu großer Begeisterung übernehmen. Trotzdem öffnete er die Einfriedung und durchkämmte das Gras nach der Brille. Schließlich entdeckte er ein dünnes Drahtgestell, in der Mitte entzweigebrochen, mit einem dicken Klecks auf dem einen Glas. Das andere hatte einen mächtigen Sprung. Er nahm sie vorsichtig in die Hand. Im Auto war doch bestimmt irgendwo Isolierband, oder? Und transparentes Abklebeband für das Glas.

Direkt neben der unglücklichen Brille lag ein goldenes Ei, schätzungsweise Größe L. Genau das, was Harry gesucht hatte. Er steckte es in die Hosentasche und brachte der Alten ihre kaputte Brille. „Ich kleb Ihnen das“, sagte er laut. Sie war ja bestimmt auch schwerhörig. „Ich muss bloß das Zeug dazu aus dem Auto holen.“

Begeistert fuhr Harry nach Hause, wog sein Ei und rechnete aus, was er dafür bekommen würde.

Großartig. Nur wollte er es diesmal auf einem anderen Weg verkaufen. Der Juwelier hatte sich letztes Mal schon so misstrauisch angehört. Egal, noch ein Ei oder so, dann könnte Harry sich länger frei nehmen und auf die Jagd nach dem richtigen Huhn gehen.

* * *

Fortsetzung folgt.

Mehr Lesestoff gibt es hier.

Bild: Simon Meyer, foto-x.ch, CC BY-SA 3.0

Frohe Ostern

Frohe Ostern!

Lesestoff – Dämlich, aber froh 1

Passend zu Ostern gibt es neuen Lesestoff: “Dämlich, aber froh”, Teil 1 meiner fantastischen Kurzgeschichte mit umfassender Eiersuche. Ich wünsche gute Unterhaltung.

Lesestoff - Dämlich, aber froh

Harry fuhr nach Hause. Endlich war es abends wieder hell, die Straße trocken, rechts und links nur Wiesen, freie Sicht. Da konnte er mal Gummi geben und über die Hügelkuppe schießen wie im Flug.

Dahinter waren Tiere auf der Weide, ziemlich viele, ziemlich kleine Tiere, und sie strömten auf die Straße zu.

Hühner. Nicht gerade das typische Weidevieh. Da sauste ein Grüppchen unter dem Zaun durch und kabbelte sich auf der Straße.

Harry bremste scharf, riss das Lenkrad zur Seite. Eine Hupe tönte.

Hatte es nun gekracht oder nicht?

Harry fuhr rechts ran, stieg aus und den Hügel wieder hinauf. Nein, da lag kein plattgefahrenes Federvieh auf der Straße.

Er atmete auf und merkte, wie sehr er zitterte.

Bevor er die letzten paar Kilometer in Angriff nahm, ging er lieber noch ein Stück über die Wiese. Mitten zwischen Gras und Hühnern stand eine Art Bauwagen. Vielleicht fand er dort eine Kontaktadresse, wo er sich melden konnte, falls doch etwas schiefgegangen wäre.

Er drehte langsam eine Runde um den Wagen, misstrauisch beäugt von den braun glänzenden Hennen und einer schwarz gescheckten Ziege. „Rent-a-Chicken“ stand auf der Seite des Wagens, sonst nichts. Harry fotografierte trotzdem. Er atmete noch ein paarmal tief durch und machte sich auf den Rückweg. So langsam knurrte ihm doch der Magen.

Da funkelte etwas im Gras, als die Sonne darauf schien. Harry ging hin.

Ein Ei. Aber es war nicht eierschalenfarben sondern golden. Deshalb glänzte und blinkte es so. Harry schaute sich um. Wo war die versteckte Kamera? Am Wagen entdeckte er nichts, was danach aussah. Er hob das Ei auf und steckte es ein. Es fühlte sich schwerer an als es sich für diese Größe gehörte. Vielleicht fing er auch an zu spinnen, aber darüber konnte er zu Hause nachdenken.

Als Harry in seinem kleinen Häuschen an einem ebenso kleinen, quadratischen Niemandsland angekommen war, fühlte er immer noch das Gewicht des goldenen Eis in seiner Hosentasche. Während das Nudelwasser heiß wurde, legte Harry das Ei auf die Küchenwaage. Es wog etwas über neunzig Gramm. Gold war eben schwerer als Eiweiß und Dotter.

Bis die Nudeln gar waren, hatte er das Ganze in Feinunzen umgerechnet und den aktuellen Goldpreis festgestellt. Vor ihm auf dem Tisch lagen mehr als zwei Monatsgehälter.

Natürlich musste er das Ei noch legal verkaufen, sonst hatte er nichts davon, aber das brauchte er wiederum nicht zu überstürzen. Diese Art von Ei wurde bestimmt nicht faul.

Mechanisch holte er sein Essen vom Herd, bevor es anbrannte, und schaufelte es in sich hinein, während er überlegte, was er mit all dem Geld anfangen könnte.

* * *

Fortsetzung folgt.

Mehr zu lesen gibt es auf dieser Seite.

Bild: Simon Meyer, foto-x.ch, CC BY-SA 3.0

Karfreitag

Lesestoff – Verhandlungspartner 4

Heute wird der Lesestoff von gestern fortgesetzt: “Verhandlungspartner” – Teil 4 einer SF-Geschichte aus dem vorigen Jahrhundert. Hier sind Teil 1, Teil 2 und Teil 3.

* * *

Aljoscha hatte seinen Kollegen nie geglaubt, wenn sie sagten, von einem Fun­ker würden übermenschliche Fähigkeiten verlangt. Gewöhnlich verbrachte er seine Zeit im Orbit damit, mit der Pilotin Stual Schach zu spielen. Wenn Stepian auch an Bord blieb, reichte es für ein ausgedehntes Durak-Spiel. Aber heute …

Erst hatte Miriam angerufen und für “den späten Nachmittag” ein Trans­port­shuttle mit Sirup angefordert. Das war noch normal. Die Cresdecks reagierten auf Zucker und Ähnliches wie auf eine Droge, was sie in Aljoschas Augen gleich viel sym­pa­thischer machte. Für einen Vertragsabschluß konnte diese Vorliebe natürlich sehr praktisch sein. Aber dann hatte Miriam ihm ihr soeben er­fundenes Lely-Pro­jekt er­klärt. Es kostete ihn einige Stunden, sechs Wasser­bau­ingeni­eure in der näheren Um­ge­bung von Studhor ausfindig zu machen, die grund­sätz­lich bereit waren, bei der Trockenlegung eines Meeresarms mit­zuarbeiten. Bei vieren davon hielt sich so­gar die geforderte Be­zah­lung in dem von Tenzerpharma gesteckten Rahmen. Mit den beiden anderen verhandelte Aljoscha noch.

* * *

Da meldete sich Dr. Koneïda. Das kam sehr selten vor. Sie bat um ein Trans­port­shuttle mit einer Reihe von Medi­ka­men­ten und Geräten. Aljoscha verstand nicht viel von Medizin, aber das klang nach einem größeren Unfall oder gar einem Kampf. Er gab den Technikern die nötigen Anweisungen, wobei er sich mehrfach auf den Regel 18, Notfälle, berufen mußte. Natürlich war es gegen die Vor­schrif­ten, daß er irgend jemandem Instruktionen erteilte, und einen Ungläubigen wie ihn verwiesen die Neokaledonier besonders gern auf seinen Platz.

Aber Dr. Koneïda hatte noch mehr zu berichten. Die Direktoren, mit denen Miriam und Stepian verhandelten, hatten keinen frischen Ceresch-Tang zur Ver­fü­gung, denn die Erntearbeiter auf den Tangfeldern streikten gegen harte Arbeits­be­din­gun­gen und zu niedrige Löhne. Bewaffnete Einheiten des Konsortiums ver­such­ten, den Aufstand niederzuschlagen. Auch der Sirup, den die Techniker ge­ra­de ver­lu­den, war da­zu bestimmt, die Unruhen zu unterdrücken. Die Aufständischen waren ebenfalls bewaffnet, und sie planten, das Shuttle zu überfallen und den Sirup zu vernichten.

Aljoscha mußte den Transport verhindern. Bei seinem Verhältnis zu den Tech­nikern brauchte er dazu eine Anweisung des Kommandanten. Außerdem mußten die beiden Unter­händ­ler über die neue Lage informiert werden. Er überprüfte den Auto­dol der Protokolleinheit im Sitzungssaal. Nur die gängigen Handels­spra­chen wa­ren pro­grammiert. Sehr praktisch.

* * *

“Milotschka, posluschai minutku…”

Miriam erschrak, als sie die Stimme des Funkers hörte, und als sie verstand, was er sagte, wurde sie äußerst besorgt. Sie schaute Stepian an; offenbar hörte er ge­rade die gleiche Nachricht. Er schaute sie an.
Was jetzt? Sie hatten keine Gelegenheit, sich abzusprechen, ohne von den Cres­decks verstanden zu werden. Während Miriam noch fieberhaft überlegte, wie sie die Direktoren am besten hinhalten konnten, sagte Stepian laut und deut­lich auf In­terkosmo: “Stop­pen Sie den Sirup-Transport auf der Stelle. Dies ist ein Befehl des Kom­man­dan­ten.”

E N D E

Lesestoff – Verhandlungspartner 3

Heute wird der Lesestoff von gestern fortgesetzt: “Verhandlungspartner” – Teil 3 einer SF-Geschichte aus dem vorigen Jahrhundert. Hier sind Teil 1 und Teil 2.

* * *

Wie Miriam erwartet hatte, reagierten die Direktoren nicht begeistert auf den Vor­schlag, frischen Ceresch-Tang zu verkaufen. Der Direktor der Tang­trock­nungs­an­la­gen fürchtete um die Arbeitsplätze seiner Belegschaft. Der Ge­ne­ral­di­rek­tor sah sogar den Frieden auf Studhor in Gefahr. Miriam erinnerte die Herren da­ran, daß Tenzerpharma bisher der einzige Interessent für Frischtang sei und al­le Lie­ferungen streng geheimgehalten werden sollten. Nach längerem Feil­schen einig­ten sie sich, daß die ersten sieben Lieferungen je­weils ein Viertel Trocken­tang ent­hal­ten sollten. Für dieses Ent­ge­gen­kom­men verlangte der Direktor der Tang­trock­nungs­anlagen hundert Liter Orña-Sirup, lieferbar noch am glei­chen Tag. Der Ge­ne­raldirektor und der Handelsdirektor gaben sich mit jeweils fünfzig Litern zufrieden.

Nachdem dieses Hindernis überwunden war, konnten sie an die Preis­ver­hand­lun­gen gehen. Üblicherweise ließen sich die Cresdecks in medi­zi­ni­schen oder tech­ni­schen Geräten oder Informationen bezahlen. Miriam unterbreitete ihre Angebote, vier Projekte, die Tenzerpharma von vielversprechenden, aber wenig fordernden Me­dizinern ausarbeiten ließ.

Die Herren Direktoren diskutierten die Vorzüge und vor allem die Nachteile eines jeden Vorschlags ausführlich. Schließlich fanden sie an jedem Projekt einen Haken, der ihnen so schwerwiegend erschien, daß sie ablehnten.

Der Handelsdirektor machte einen Gegenvorschlag: “Wir haben vor, die Bucht von Llarung trockenzulegen, um einen Raumhafen zu bauen. Dort sollen Raum­schiffe direkt landen können, so daß der aufwendige Transport entfällt. Für die erste Phase des Projekts, die Trockenlegung, wäre uns die Mitwirkung Ihrer In­ge­nieure willkommen.”

* * *

In einer Bucht mit breitem Sandstrand fand Dr. Koneïda gleich mehrere ver­letzte Cresdecks. Auf den ersten Blick schienen sie die Opfer einer Messer­ste­che­rei zu sein. Einige gesunde Cresdecks fungierten als Wachen und Krankenpfleger; sie waren zum Teil bewaffnet und ließen sich nur mühsam überreden, die Außen­welt­le­rin zu ihren Kameraden zu lassen. Dr. Koneïda fühlte ihr Mißtrauen; einige von ihnen hegten äußerst finstere Pläne mit ihr.

Trotzdem wurde sie zu den Verletzten vorgelassen. Ihre Messerwunden wa­ren bereits ordentlich versorgt, und Dr. Koneïda hütete sich, dem Cresdeck-Hei­ler außerweltliche Wundermittel anzubieten. Er beobachtete jede ihrer Bewegungen ge­nau und war offenbar zufrieden mit dem, was sie tat.

Bei der genaueren Unter­su­chung der Patienten fand sie Ner­venschäden, die durch Elektrizität her­vor­ge­rufen worden waren. Der Fall war eine Nummer zu groß für ihr Arznei­kästchen. Für eine sinnvolle Be­hand­lung müßte sie die Cres­decks an Bord der Tinka VI bringen. Die Reaktion auf diesen Vor­schlag war je­doch äußerst ungehalten. Immerhin konnte der Heiler die Wachen davon abhalten, sie zu lynchen.

“Wer hat das getan?” fragte sie, als ein Gespräch wieder möglich erschien.

* * *

Fortsetzung folgt.

Lesestoff – Verhandlungspartner 2

Heute wird der Lesestoff von gestern fortgesetzt: “Verhandlungspartner” – Teil 2 einer SF-Geschichte aus dem vorigen Jahrhundert.

* * *

Während Ste­pian die Cresdecks be­schäf­­tigte, be­auf­trag­te sie ein inaktives Ter­mi­nal der Pro­to­koll­einheit, regelmäßig eine han­dels­prin­tische Fas­sung aller Ge­sprä­che in die Außen­welt­­ler­quar­tiere zu schicken. Dr. Koneïda soll­te wissen, was vor­ging, auch wenn sie sich auf Befehl des Kom­man­dan­ten von den Ver­hand­lun­gen fern­hielt. Stepian mißtraute den PSI-Fähigkeiten der Ärztin. Diese Haltung war aus der Ge­schich­te seines Volkes erklärlich, aber Miriam fand sie ein­fach un­praktisch.

* * *

Dr. Koneïda ging am Strand entlang. Sie hatte die ersten Jahr­hun­der­te ihres Le­bens weit im Binnenland verbracht und die See faszinierte sie noch im­mer, der Ge­ruch nach Salzwasser und Tang, das gleichmäßigen Rol­len der Wel­len und die grau-blauen Farben, in denen Himmel und Meer ver­schwam­men.

Nur wenige Schritt hinter ihr führten steile Felsen hinauf in das Innere der In­sel. Grau und kahl sahen die Berge aus; nur an geschützten Stellen ließen sich eini­ge wenige Pflanzen entdecken. Vielleicht hatte Dr. Koneïda noch Ge­le­gen­heit zu einem Ausflug dort hinauf, wenn die Verhandlungen länger dauerten.

Als der Wind an ihren langen schwarzen Haaren zauste und winzige Wel­len um ihre braunen Zehen spülten, war sie froh, daß Stepian ihr ver­bo­ten hatte, im Sit­zungssaal zu erscheinen. Auch wenn seine Gründe dafür eher fragwürdig waren.

Mehrere Personen waren in der Nähe. Draußen im Wasser, also wohl Cres­decks. Dr. Koneïda hatte die Aufzeichnungen über die Bewohner der Meere von Stu­d­hor ge­sehen und war neugierig, einige von ihnen kennenzulernen.

Die Wesen kamen tatsächlich näher; nicht weit von Dr. Koneïda robbten sie auf den Strand. Es waren drei. Offenbar nahmen sie die Außenweltlerin jetzt erst wahr. Sie blieb ste­hen und begrüßte die drei freundlich auf Interkosmo. Die Cres­decks hielten ebenfalls an. Einer von ihnen stieß ein paar gurgelnde Töne aus. Der Auto­dol hin­ter ihrem Ohr machte daraus eine höfliche Begrüßung. Dabei fühlte sie deutlich, daß die Cresdecks neugierig aber nicht gerade freundlich gesinnt waren.

“Ein Außenweltler am Meer – das wundert mich,” sagte der Cresdeck, der auch vorhin gesprochen hatte.

“Ich bin Ärztin. Bei den Verhandlungen brauchen sie mich nicht.”

“Warum bist du dann da?” Der Cresdeck wackelte mit dem Rüssel, offenbar ein Zei­chen, daß er sich amüsierte. “Haben die Außenweltler solche Angst vor uns, daß sie ihren Arzt mit auf den Planeten bringen müssen? Euer Schiff mit dem Zucker ist doch noch nicht gelandet.”

“Nein, und es landet auch nicht. Alles, was wir brauchen, wird mit dem Trans­port­shuttle gebracht.”

Der Cresdeck war mit dieser Antwort nicht sehr zufrieden und beharrte: “Dann habt ihr doch Angst vor uns!”

“Große Angst,” lachte Dr. Koneïda und setzte sich hin. “Siehst du, wie ich mich fürchte? Wer seid ihr überhaupt, daß ihr meint, mich erschrecken zu können?”

“Wir gehören zur Sicherheitsabteilung dieser Insel.”

Das war gelogen. Die drei hatten die Wachen eher zu fürchten. “Keine Angst,” sagte Dr. Koneïda, “ich verrate euch nicht. Ihr solltet jetzt eigentlich bei der Arbeit auf den Tangfeldern sein, stimmt’s?”

“Du kannst Gedanken lesen,” sagte der Cresdeck unwillig. “Ihr Außen­welt­ler könnt einfach alles.” Er erzählte seinen Begleitern, was er ent­deckt hatte.

“Ihr habt noch ein anderes Problem,” fuhr Dr. Koneïda fort. “Kann es sein, daß ihr meine Hilfe braucht?”

Der Sprecher wollte nicht antworten. Aber die Gefühle eines zweiten Cres­decks waren deutlich genug. Dr. Koneïda fühlte in ihrer Tasche nach dem Arznei­käst­chen. Wenn Stepian davon wüßte, würde er sie auf Studhor zurücklassen. “Bringt mich zu eurem Kranken,” sagte sie.

* * *

Fortsetzung folgt.

#Autor_innensonntag – Erstkontakt

Beim heutigen #Autor_innensonntag von Justine Pust ist nach dem Erstkontakt zu anderen Schreibenden gefragt. Das muss in irgendeinem Forum oder über eine Mailingliste gewesen sein, dachte ich.

Falsch.

Wolfenbütteler Gespräch - Nachlese Teil 1Es ging völlig analog vor sich, wie das vor 25 Jahren noch üblich war. In der Mensa des FASK in Germersheim (inzwischen umbenannt und umnummeriert) stieß ich auf die Zeitschrift Unicum und darin auf ein Kursangebot: fantastische Kurzgeschichten schreiben. Veranstaltungsort war die Bundesakademie für kulturelle Bildung in Wolfenbüttel, der Referent war Klaus N. Frick und die Gruppe teilte sich ziemlich genau hälftig in Perry-Rhodan-Fans und andere. Ich gehöre zu den anderen.

In Wolfenbüttel war ich später noch zu anderen Seminaren (und zur VdÜ-Jahrestagung; vielleicht klappt es ja nächstes Jahr wieder), die Schreibkontakte haben sich seit 1996 allerdings doch stark ins Netz verlagert.

Hier kommt noch ein Geschichten-Fragment, das damals entstanden ist, komplett mit alter Rechtschreibung.

* * *

Verhandlungspartner

Miriam Tols war mit ihrem jetzigen Auftrag zufrieden. Sie sollte auf Studhor für den Konzern Tenzerpharma frischen Ceresch-Tang einkaufen. Das war eine Neue­rung und konnte die Verhandlungen etwas ausdehnen, aber Miriam hielt sich für ausreichend vorbereitet. Sie hatte sich alle Auf­zeich­nun­gen von früheren Ver­trags­abschlüssen mit den Cresdecks an­ge­sehen und für eine Ladung Orña-Sirup gesorgt, damit sie an den richtigen Stellen schmieren konnte. Das Geschäft sollte in Zukunft regelmäßig abgewickelt werden. Das bedeutete sichere Einnahmen für die Tinka VI und ihre Mannschaft. Tenzerpharma zahlte vielleicht nicht über­mäßig gut, aber pünktlich.

Jetzt schritt Miriam gemeinsam mit dem Kommandanten Stepian Fe durch die auf der Landseite gelegene Tür des flachen Gebäudes, in dem sich die Ver­hand­lun­­gen zwi­schen dem Konsortium von Studhor und Außenweltlern für ge­wöhn­lich ab­spiel­ten. Die Luft im Sitzungssaal war außerordentlich ­feuch­t und warm. Aber Miriam hatte schon unter bedeutend un­gün­stigeren Um­stän­den verhan­delt.

* * *

Die drei Herren des Konsortiums robbten zur gegenüberliegenden Tür he­rein und begaben sich zu ihren flachen Liegen. Mit ihren lächerlich kurzen Bei­nen soll­ten sie wirklich nicht versuchen, aufrecht zu gehen. Miriam und Stepian lie­ßen sich auf den beiden Stühlen am entfernten Ende des Ver­hand­lungs­tisches nie­der. Offen­bar waren ihre Gesprächspartner nicht auf allzu große Nähe aus.

In der Regel sah für Miriam ein Angehöriger einer Fremdrasse aus wie der an­de­re, aber die drei Cresdecks stellten eine Ausnahme dar. Der auf der mitt­le­ren Lie­ge war von etwas dunklerem Grau als die beiden anderen und stellte sich gleich als Generaldirektor des Konsortiums vor. Den Namen ver­stand Miriam nicht rich­tig. Sie verließ sich darauf, daß die Pro­to­koll­ein­heit bei Bedarf die kor­rek­te Anrede ein­setzen würde. Die kurzen Flossen des Ge­neraldirektors waren bei jedem Wort in Be­wegung. Miriam staunte über die Biegsamkeit seiner dünnen Finger.

Auch die beiden anderen Herren stellten sich kurz vor. Der Han­dels­di­rek­tor brach­te mit seinem langen Rüssel besonders schöne Blubberlaute her­vor; der Di­rek­tor der Tangtrocknungsanlagen hatte leicht bräunliche Haut, die mit vielen Nar­ben bedeckt war.

Stepian stellte sich und Miriam vor, dankte dem Konsortium für den freund­li­chen Empfang und sprach seine Hoffnung auf eine allseits zu­frie­den­stel­len­de Eini­gung aus. Im Stillen amüsierte sich Miriam darüber, wie sehr er es genoß, seine Gala­uniform spa­zie­ren­zu­füh­ren und den Ster­nenadmiral zu spielen.

* * *

Fortsetzung folgt.

Seite 2 von 25

Präsentiert von WordPress & Theme erstellt von Anders Norén