Konrad von Winstein erhob sich langsam von seinem Lager. Jede Bewegung fiel ihm schwer. Vielleicht war das noch ein Rest der gestrigen Schwäche. Am vergangenen Tag hatten sie den Vormittag vergeudet, weil immer wieder einer vom Pferd steigen musste, um sich zu entleeren. Als sie um die Mittagszeit die Stadt Lohr erreichten, hatte Konrad entschieden, dass sie eine Herberge suchen und bis zum anderen Morgen rasten sollten. Zu Schiff, wie er es vorgehabt hatte, kamen sie nicht weiter, denn der Main führte um diese Jahreszeit zu wenig Wasser. Aber nach einer erholsamen Nacht würden sie es auch zu Pferd schaffen. Wenn sie nicht dem Fluss folgten, sondern geradewegs nach Südwesten ritten, konnten sie die verlorene Zeit wettmachen und Miltenberg gegen Abend erreichen. Neben ihm saß Ulrich und nestelte unentschlossen an seiner Kleidung. Dabei sollte er sich bereits nach dem Frühstück umsehen.

»Gott grüße dich«, sagte Konrad. »Hat der Wirt schon etwas zu essen für uns?«

»Ich weiß nicht, Herr«, murmelte Ulrich.

»Dann geh und schau nach«, befahl Konrad. »Von deinem gedörrten Zeug will ich nichts mehr essen.«

Abwesend sah Ulrich auf. »Glaubt Ihr, das hat uns gestern so mitgenommen?« Er sprach schleppend, als ob er getrunken hätte.

Konrad nickte. »Ganz sicher. Und bevor wir aufbrechen, wirfst du alles in den Abort.«

»Aber Herr, Ihr wisst doch gar nicht, was …«

»Ich möchte nicht noch mehr Tage wie gestern erleben, bis wir herausfinden, ob nun Fleisch, Fisch, Pilze, Beeren oder Obst verdorben waren«, erwiderte Konrad. »Wir decken uns hier mit Brot und Rauchfleisch für einen Tag ein, und heute Abend sind wir, so Gott will, in Miltenberg.«

Ulrich nickte bedrückt, blieb aber auf seiner Decke sitzen.

Insgeheim fühlte sich Konrad weniger sicher, als er vorgab. Natürlich war der Weg durch den Spessart kürzer, und die Gegend war nicht völlig verlassen. Wenn sie an diesem Tag nicht bis nach Miltenberg gelangten, würden sie in Altenbuch ein Quartier, ein warmes Essen und neue Vorräte für den letzten Teil der Reise bekommen. Aber Ulrich wirkte noch recht mitgenommen. Was, wenn die Krankheit nicht vorüber war? Wenn sie heute wieder nicht voran kamen? Niemand würde sie je finden.

»He, Anselm, was ist mit dir?«, rief Konrad seinen zweiten Knappen an. »Hast du noch nicht ausgeschlafen?«

Anselm lag in seinen Mantel gerollt auf der anderen Seite des Bettes und machte keine Anstalten aufzustehen. Konrad stieß ihn an.

Da erst lockerte sich das Bündel, der Mann richtete sich auf und öffnete die Augen. Er murmelte etwas Unverständliches. Im Sitzen schüttelte er den Kopf und riss noch einmal wie mit Gewalt die Augen auf. Der zweite Versuch zu sprechen gelang besser. »Verzeiht, Herr.« Mühsam stand er auf und ging schwankend in Richtung Abort.

Konrad kniff die Augen zusammen und betrachtete seine beiden Knappen genauer. War Anselms Gesicht wirklich gelb verfärbt, oder schien es nur so? »Fällt dir an mir etwas auf?«, fragte er Ulrich.

Der schüttelte den Kopf. »Was sollte es denn sein, Herr?«

»Sieh dir Anselm an, wenn er wiederkommt.« Aber Ulrich sagte nichts, als Anselm sich zu ihnen gesellte. Vielleicht hatte sich Konrad doch getäuscht. Ulrich nahm den Weinschlauch auf, dann gingen sie zu dritt in die Küche.

Der Wirt machte sich bereits am Feuer zu schaffen. »Dauert nicht mehr lang«, sagte er statt einer Begrüßung. »Haferbrei ist gut für den inneren Menschen.« Dabei rieb er sich grinsend den Bauch.

»Spotte nicht, Wirt«, erwiderte Konrad. »Sag uns lieber, wo wir gutes Brot und Rauchfleisch bekommen.« »Oh, da weiß ich euch einen. Mein Junge kann deinen Mann nachher hinführen.«

Konrad und seine beiden Begleiter setzten sich an den langen Tisch. Ulrich schenkte jedem einen Becher Wein ein und holte dann die Schüssel mit dem Haferbrei. Für Konrad füllte er einen eigenen Teller, Anselm und er aßen aus der Schüssel. Verstohlen beobachtete Konrad die beiden. Sie aßen nicht viel, tranken aber umso mehr. Das schien ihm ein gutes Zeichen.

Als sie fast fertig waren, trat der vierte Übernachtungsgast ein. Seinem langen, vielfarbigen Überkleid nach mochte er ein Spielmann sein, der vor einiger Zeit einem hohen Herrn zu Gefallen gespielt hatte. Er grüßte bescheiden und setzte sich neben Anselm.

Nach der Mahlzeit zog Ulrich los, um neuen Proviant zu kaufen. Anselm sattelte inzwischen die Pferde.

Konrad kehrte in die Stube zurück und untersuchte das Gepäck. Nein, der fremde Fahrende hatte ihre Schwäche nicht ausgenutzt. Das Reisegeld und die anderen Kostbarkeiten waren noch vorhanden. Auch der Pilgerbrief, der ihn allen Häusern des Deutschen Ordens empfahl, und selbst der Bernsteinschmuck, den er Jutta schenken wollte. Er stellte sich vor, wie die Fibeln, Armreife und Ringe, die Haubennadeln an seiner Braut aussehen würden, und lächelte in sich hinein. Zu Kilian würden sie heiraten. Das war ein guter Tag, um zu feiern. Danach hatte er Zeit genug, um mit seiner jungen Frau über Land zu ziehen und rechtzeitig, bevor der Herbst oder gar das Eis kam, wieder in Preußen einzutreffen. Noch ein glücklicher Winter wie der vergangene – drei Dörfer hatte er ihm eingebracht –, dann war er nicht mehr einer von vielen möglichen Erben auf einer engen Burg, sondern ein Herr im eigenen Recht. Insgeheim freute er sich darauf, seinem Bruder und den anderen Gemeinern* gegenüberzutreten, im neuen Samtrock, und die Geschenke auszubreiten, die er für sie mitgebracht hatte.

Konrad schrak auf, als Ulrich zu ihm trat. »Die Pferde sind bereit, Herr.«

War er wieder eingeschlafen? Im Sattel, draußen unter freiem Himmel, würde die Müdigkeit verfliegen. Anselm und Ulrich trugen ihre Bündel hinaus in den Stall und beluden die Pferde. Schließlich saßen sie auf und ritten zur Stadt hinaus. Konrad hatte noch immer das Gefühl, dass er sich viel langsamer bewegte als sonst. Doch er trabte seinen Leuten voran, nach Südwesten.