La Ballade

Geschichten und Musik

Kategorie: Musik Seite 1 von 2

Meistersinger in Mannheim

Nicht allzu lange nach der Marienvesper hat es mich noch einmal ins Nationaltheater verschlagen, diesmal in Die Meistersinger von Nürnberg. Der Titel fängt jeweils mit M an, beides findet im Opernhaus statt – das waren so ziemlich die Gemeinsamkeiten zwischen den Stücken.

Das Bild gewinnt

Wagner hatte die Meistersinger ursprünglich als komische Oper geplant. Vom Erfolg dieses Plans waren schon zeitgenössische Kritiker nicht unbedingt überzeugt. Bei der Mannheimer Aufführung geht die Komik meiner Meinung nach im Wesentlich auf das Konto des Regisseurs Nigel Lowery, zugleich auch Kostüm- und Bühnenbildner. Es finden sich allerlei popkulturelle Anspielungen, von den comicartig geschminkten Augen der Figuren bis hin zu Cat Content im ersten Bild des dritten Akts. Wer will, kann den Lehrkörper der Unischtbaren Universität zu Gericht sitzen sehen oder C. M. O. T. Dibbler auf der Festwiese entdecken.

Drei Frauen

Abgesehen von den weiblichen Lehrbuben stehen ganze drei Frauen auf der Bestzungsliste. Das sind immerhin 50 % mehr als üblich. Eva Wombach spielt auf einer kleinen Pedalharfe das Playback zu Beckmessers Ständchen im zweiten Akt auf der Bühne. Die pantomimischen Diskussionen zwischen der „Laute“ und ihrem wenig selbstkritischen Sänger können vermutlich etliche Hobbymusiker nachvollziehen. (Bin ich froh, dass meine Tröten nicht reden können.)

Die Enterprise und der Antisemitismus

Über die Frage, ob Beckmesser als Jude zu interpretieren ist, streiten sich die Gelehrten. Diese Auseinandersetzung wird auf der Bühne kurz abgehandelt, indem der Sänger am Rand des Geschehens erst mit Gebetsschal und Schläfenlocken, dann mit schwarzer Uniform und rot-weißer Armbinde (auf der gerade so kein Hakenkreuz zu sehen ist) ausstaffiert wird. Das ist ihm beides nicht genehm, er tritt letzten Endes im schwarzen Talar auf.

In der einschlägigen Literatur wird dargelegt, welche antisemitischen Klischees in der Figur und der ihr zugeordneten Musik enthalten sind. Möglicherweise konnten Zeitgenossen Wagners oder später rassenkundlich gebildete Zuschauer die Stereotype entsprechend einordnen (aber schon darüber gehen die Meinungen auseinander).

Heute geht die Tendenz wohl eher dahin, den kleinlichen Regelfuchser als typisch deutsch anzusehen. Also sitzen vermutlich einige Leute ebenso ratlos vor den musikalischen Elementen, die Beckmesser als Juden kennzeichnen sollen, wie vor dem „UFO“: Ein Modell der Enterprise schwebt über die Bühne und kündigt die Ankunft des Helden an. Das Stück funktioniert, soweit es funktioniert, auch wenn diese Hinweise nicht erkannt werden. Um die antisemitischen Klischees ist es jedenfalls nicht schade, wenn sie in ihrer Mottenkiste bleiben.

Ende der Ironie

Im dritten Akt kommt das bunte, wandelbare Bühnenbild besonders zur Geltung. Der Hintergrund der Festwiese erinnert von Weitem an die TFF-Grafiken. Zunächst herrscht dort auch ein buntes Gewusel von allerlei Gestalten. Aber nachdem die Enterprise noch einmal über die Bühne geschwebt und der Held, inzwischen der Weiße Kavalier, samt seinem ersungenen Preis entschwunden ist, wird das alles in den Hintergrund gedrängt. Der immer noch bunte, aber stärker uniformierte Teil des Chores steht in der ersten Reihe und ausgerechnet der deutschtümelnde Schluss kommt weitgehend ironiefrei rüber. Nach fünf Stunden Oper darf einem schon die Luft ausgehen, schade ist es trotzdem.

Literatur

Vazsonyi, Nicholas (Ed.). Wagner‘s Meistersinger – Performance, History, Representation. The University of Rochester Press. 2002.

Weltenbau – Über Musik

Musik spielt in vielen phantastischen Welten eine große Rolle. Manche entstehen sogar erst, indem die zuständige Schöpfergottheit singt bzw. spielt. Das tun die Regenbogenleute nicht, die landen eines Tages auf der fertigen Welt Derevindia und machen sich dort breit. Wenn es so weit ist, liegt die Musik auf der Grenze zwischen dem blauen und dem Indigo-Haus.

Mehrere Jahrtausende Musikgeschichte

Aber natürlich wurde in Derevindia schon vorher gesungen und gespielt. In den alten Zeiten, als die Drachenreiterin die Orks vor dem drohenden Ende der Welt warnte, gab es die Mondaresse von Sulihah, eine Schule für Künstlerinnen. Dort wurden unter anderem Sängerinnen und Spielerinnen eleganter, langhalsiger Zupfinstrumente unterrichtet. Da ich aus diese Zeit bisher noch nicht mal ein Viertel Abenteuer geschrieben habe, kann ich darüber auch kaum etwas erzählen. Vielleicht wird Der Schlüssel zum Abenteuer eines Tages fertig, dann kommen auch die Mondaresse und ihre Schülerinnen zu Ehren.

Mehrere Tausend Jahre später ist Gorja, die Hauptfigur in Die Göttin der Helden, eine Musikerin aus dem fahrenden Volk der Danzy. Sie spielt eine Art Laute und hat eine sehr spezielle Stimme.

Shmeerps

Wie „eine Art Laute“ und die „eleganten, langhalsigen Zupfinstrumente“ zeigen, sind Musikinstrumente die idealen Kandidaten für Shmeerps. Das bezieht sich auf einen Ausspruch, der dem amerikanischen SF-Autor James Blish zugeschrieben wird: Wenn das Wesen aussieht wie ein Kaninchen und sich verhält wie ein Kaninchen, wird es nicht dadurch zum Alien, dass man es Shmeerp nennt.

Nun wurden auf dieser unserer Welt im Laufe der Jahrtausende schon eine Menge Musikinstrumente erfunden, mit einem Namen versehen, weiterentwickelt, von anderen Kulturen übernommen, auf ferne Kontinente exportiert und zwischendrin immer mal wieder mit einem neuen Namen versehen. Die Wahrscheinlichkeit ist also recht gering, dass mir ein völlig neues Instrument einfällt, das sich auch noch sinnvoll in seine Roman-Umgebung einfügt. Selbst das Brontosaurophon gibt es schon.

Ich statte also meine Figuren mit Instrumenten aus, die (ähnlich) bei Hornbostel und Sachs beschrieben und benannt sind. Wenn ich dafür einen neuen Namen erfinde, habe ich ein Shmeerp. Verwende ich den Namen, der unter Terranern dafür gebräuchlich ist, hole ich mir damit ein Päckchen Kultur in die Geschichte, und muss mir überlegen, ob es das richtige ist.

Weltenbau - Musik

Es könnte sich hier um ein Shmeerp handeln

Wie soll es denn nun heißen?

Nehmen wir an, Gorjas Laute sei dreieckig und habe zudem drei Saiten. Wenn ich das Gerät „Laute“ nenne, fällt das Wort beim Lesen nicht auf, das Aussehen gerät in Vergessenheit und stört, wenn es später doch einmal erwähnt wird. Schreibe ich stattdessen „Balalaika“, werden viele nicht nur beim ersten Lesen darüber stolpern und eventuell nach weiteren Russland-Klischees Ausschau halten. Die sind aber nicht vorgesehen.

Also wird es wahrscheinlich doch ein Shmeerp, mit der Erklärung, dass die Danzy eben solche Instrumente und folglich einen Namen dafür haben, die Sesshaften dagegen nicht. Damit habe ich die Sesshaften als „die Normalen“ definiert, nach deren Standards der Rest der Welt einsortiert wird. Das ist ganz nützlich, um sich beim Lesen in der Romanwelt zu orientieren, aber es muss nicht immer so sein.

Jetzt habe ich eine Menge Wörter über diesen einen Punkt zum Thema Musik und Weltenbau verloren und von vielen anderen noch gar nicht angefangen. Auf die werde ich wohl noch zurückkommen, sei es bei diesem Projekt oder bei anderen, die neue Perspektiven auf das Thema mit sich bringen.

Bild: Wilhelm Amandus Beer, Russischer Knabe mit Balalaika

Monteverdis Marienvesper in Mannheim

Das Nationaltheater Mannheim baut seit einigen Jahren an einem vierteiligen Monteverdi-Zyklus und hat als dritten Teil nach zwei Opern die Marienvesper ins Programm genommen. Sie wird allerdings weder konzertant noch als großes Oratorium aufgeführt, sondern szenisch.

Monteverdis Marienvesper in Mannheim

Ensemble, Chor und Kinderchor des NTM

Keine Vesper

Die Gelehrten sind geteilter Meinung darüber, welche Form der Aufführung Monteverdi wohl für seine Musik vorgesehen hätte. Möglicherweise ist diese Sammlung von Stücken, die in Stil und Besetzung teilweise weit auseinander liegen, gar nicht als eine aufzuführende Einheit anzusehen. Zwar lautet der Titel „Vespro della Beata Vergine“ und die vertonten Psalmtexte gehören zur Liturgie für Marienfeste. Trotzdem weist Monteverdi höchstselbst darauf hin, dass Teile der Sammlung nicht für den liturgischen Gebrauch geeignet sind.

Eine Theorie darüber, was das Ganze darstellen soll, besagt, dass es sich um eine Art Bewerbungsmappe handelt. Monteverdi war auf der Suche nach einer besseren Anstellung, bevorzugt im Kirchendienst statt an einem Fürstenhof, und wollte mit diesem Werk zeigen, welche musikalischen Ausdrucksformen er beherrscht. Möglicherweise ging es sogar darum, einen direkten Konkurrenten auszustechen.

Wenig skandalös

Das Stück auf die Opernbühne zu bringen entspricht also vielleicht nicht der reinen Lehre der historischen Aufführungspraxis, ist aber auch keine allzu abwegige Idee. Allerdings geht die Inszenierung von Calixto Bieito offenbar über frühere Ansätze in diese Richtung hinaus (Berlin 2007, Amsterdam 2017). Eine Handlung im engeren Sinn gibt es nicht, dafür nehmen die Gesangssolisten klar erkennbare Rollen an, die der Regisseur als Gestalten aus seiner Kindheit erklärt. Das Magnificat wird als „Lied von Revolution und Umsturz“ gedeutet, das Ganze als liturgisches Gedicht „über die Stärke der Frauen“ (Interview im Programmheft), was anhand der biblischen Texte zu verteidigen ist. Die Zeittafel im Programmheft reicht von König David über Monteverdis Leben bis zur FEMEN-Bewegung. Das dient als Erinnerung daran, dass gerade die Texte aus dem Alten Testament im Laufe der Zeit in immer neue Richtungen umgedeutet wurden.

Trotz der revolutionären Anklänge bleibt die Inszenierung wenig skandalös und ziemlich jugendfrei. Es fließt wenig Blut, eine nackte Brust – in Anlehnung an eine „Madonna mit Kind“ aus dem späten 15. Jahrhundert – ist das höchste der Gefühle. Hinzu kommt, dass auf der ringförmigen Bühne und den einbezogenen Logen immer mehrere Aktionen gleichzeitig laufen. Als Zuschauer*in „verpasst“ man notgedrungen das eine oder andere.

Die Musik gewinnt

Es lohnt sich außerem, neben der Action auf der Bühne auch den Orchestergraben im Auge zu behalten. Der Graben ist hier eher eine Grube in der Mitte der Bühne und das Orchester ist recht überschaubar. Es spielt das Ensemble Il Gusto Barocco unter der Leitung von Jörg Halubek auf historischen Instrumenten. Das kommt zwar in den letzten Jahren häufiger vor, aber oft erschöpft sich das Historische in der Anwesenheit eines Cembalos. Hier nicht.

Die Zupfinstrumente sind durch eine Harfe und zwei Lauten vertreten. Dafür nimmt eine Orgel mit Holzpfeifen breiten Raum ein. Ob sie für eine möglichst originalgetreue Aufführung eigentlich größer sein müsste oder ob die Kammerversion genügt, scheint in der Wissenschaft noch nicht ganz geklärt zu sein. In der aktuellen Inszenierung bildet das vorhandene Instrument jedenfalls eine ausgezeichnete Grundlage für das Ensemble.

An dem sind außerdem zwei Violinen,ein Lirone und ein Cello beteiligt. Auf der Bläserseite sitzen drei Posaunen und drei Zinken. Die Zinkenisten wechseln nicht nur mal eben schnell zwischen zwei verschiedenen Ausführungen ihres Instruments, sondern auch hin und wieder zur Blockflöte.

Trotz aller schauspielerischen Leistungen, trotz der einfallsreichen Inszenierung, trotz Bühnen- und Kostümbild gewinnt in meinen Ohren am Ende die Musik. Sie ist der ausschlaggebende Grund, sich die Aufführung anzusehen bzw. -hören. So wie es bei einem Roman um den Text geht und weniger um die Illustrationen oder das Cover.

Premiere war am 15. Dezember; weitere Termine: 25.01., 06.06. und 13.06.

 

Literatur

BOWERS, R. (2010). Of 1610: Claudio Monteverdi’s ‚Mass, motets and vespers‘. The Musical Times, 151(1912), 41-46. Retrieved from http://www.jstor.org/stable/25759499

NTM – Marienvesper – Claudio Monteverdi, Programmheft, Dezember 2018, Redaktion: Dramaturgie Oper am NTM (Cordula Demattio)

Foto: Hans Jörg Michel

 

Aufbruch ins neue Jahr

Die Sternsinger waren da, die Weihnachtspause ist beendet. Es wird Zeit, ins neue Jahr aufzubrechen.

In meiner Übersetzerwerkstatt hat sich schon das erste größere Projekt für dieses Jahr eingefunden: ein Computerspiel, in dem wieder einmal tapfere Helden ausziehen, um ihre Welt zu retten. Der aktuelle Abschnitt ist recht dialoglastig und es gibt eine Handlung, die über Monster plätten, Truhen öffnen und bombastische Spielwerte einkassieren hinausgeht. So macht das Spaß.

Aufbruch ins neue Jahr mit Buntspecht und Anton

Wer trifft wen wo und wann?

Außerdem überarbeite ich gerade einen meiner Romane vom vergangenen November, Buntspecht und Anton – siehe Bild. Der Text hat zur Zeit etwas mehr als 50.000 Wörter. Etliches davon ist gut zu wissen, trägt aber nicht unbedingt zur Geschichte bei und kann daher verschwinden. Dafür sind ein paar Szenen neu zu schreiben, um das Ganze mit einem Anfang und dem dazu passenden Schluss zu versehen. Eigentlich sollte die Überarbeitung schon im Dezember fertig werden, jetzt peile ich Ende Januar an.

Danach ist wieder eine Veröffentlichung bei BOD vorzubereiten, nämlich Das Erbe des Horst Stroh, eine fantastische Kurzgeschichte mit Einhorn, Blumenfeen und Bagger. Ich überlege, ob ich sie eventuell auch als Print anbieten soll. Geplanter Erscheinungstermin ist der 1. März.

Im März und April tun sich noch weitere interessante Dinge, sowohl literarisch als auch musikalisch – siehe Terminkalender. Da der Anmeldeschluss näher rückt, weise ich besonders auf die Renaissancemusikwoche an Ostern hin. In diesem Jahr findet sie in der Karwoche statt, mit Kursen für Streicher und Bläser.

Damit neben dem Überarbeiten das Schreiben nicht zu kurz kommt, gibt es eine neue Ausschreibung des Leseratten-Verlags: „Waypoint Fifty-Nine – die schrägste Kneipe der Galaxis“. Herausgeber sind Jörg Fuchs Alameda und Günther Kienle. Wer nicht sofort ein passendes Plotküken einfangen kann, hat noch ein wenig Zeit: Einsendeschluss ist erst der 31. Dezember 2019.

Nr. 7 ist gemeint

Eine kurze Mitteilung an alle, die französische Dudelsäcke mit halbgeschlossener Griffweise spielen oder schon immer mal eine Harfe bauen wollten:

Beim Odenwälder Tanz- und Instrumentalkurs ist in diesen Kursen jeweils ein Platz frei geworden. Weitere Informationen und ein Anmeldeformular finden sich unter www.otik-ev.de

Musik bei der Arbeit

Ich sitze gerade an einer Übersetzung aus dem Niederländischen. Weder kulinarisch noch musikalsich, sondern ein Organisationsratgeber (daher auch die etwas merkwürdige aktuelle Lektüre). Immerhin empfiehlt der Autor, um Ablenkungen durch andere zu vermeiden, die Kopfhörer aufzusetzen und Musik laufen zu lassen.

In den Flow singen

Zumindest in diesem Punkt kann ich ihm absolut zustimmen. Instrumentalmusik ist natürlich bestens geeignet. Für mich funktioniert aber auch Gesang, wenn ich weiß, dass ich den Text nicht verstehen muss. Zum Beispiel Kalakan, die baskisch singen. Dazu kann ich mich prima in eine längere Übersetzung wie dieses Büchlein stürzen.

Da der Start in den NaNoWriMo nicht mehr weit ist, liegt der Gedanke nahe, diesen Tipp, um in den Flow zu kommen, auch für den Schreibmarathon zu verwenden. Etliche AutorInnen stellen sich passend zu ihrem Romanprojekt eine Playlist zusammen. Ich empfinde das als weniger hilfreich, abgesehen vom Schreiben in der Bahn. Da blendet die Musik allzu mitteilungsbedürftige Mitreisende recht gut aus.

Das MP-3-Orakel

Zu Hause dient mir die beachtliche Sammlung in meinem Player als MP3-Orakel. Diese großartige Erfindung von Sabrina Železný (soviel ich weiß) eignet sich hervorragend als Schubser von der Leitung, wenn ich an einer Stelle nicht weiterkomme. Ich formuliere das Problem und klicke vorwärts zum nächsten zufällig ausgewählten Titel.

So banale Fragen wie: „Ist diese Nebenfigur männlich oder weiblich?“, entscheide ich anhand dessen, wer als nächstes spielt. Bei dem beliebten Ergebnis „Unbekannt“ kann ich entweder weiterklicken oder mir etwas anderes einfallen lassen.

Abseits der Gleise

Bei Plotfragen im engeren Sinn hilft mir der Titel des nächsten Stücks weiter. Vorschläge wie The Naked Man in the Whirlpool oder A Short Prayer for the Bishop of Greenland führen schon ganz gut um das eine oder andere Plotloch herum. Bei generischen Titeln oder Satzbezeichnungen muss schon mal der Komponist oder seine Auftraggeberin herhalten. So habe ich zu Details der Nebenwelt in meinem fantastischen Kurzroman Silberschimmer gefunden.

Wenn mich der Zufallsgenerator zu Kalakan führt oder zu Enkhjargal Dandarvaanchig, liegt der Anstoß für die Inspiration nicht direkt auf der Hand. Dann gehe ich entweder auf die Suche nach einer Übersetzung – kann einige Zeit dauern, das ist im NaNo kontraproduktiv – oder ich lasse das Stück für sich klingen.

Konkrete Pläne

Geplant habe ich für diesen November wieder einmal zwei Schreibprojekte. Ich werde nicht für jedes 50.000 Wörter schreiben, will aber möglichst nahe herankommen.

Projekt Nr. 1 trägt den Arbeitstitel „Die Alten Riesen“, Portalfantasy mit Lehrerin im Ruhestand, schwertschwingendem Geist und erfolglosem Comiczeichner. Die Vorbereitungen sind schon recht weit gediehen, bis zum 31. Oktober muss ich vor allem noch entscheiden, in welche Nebenwelt das Portal führen soll.

Projekt Nr. 2 heißt vorerst „Buntspecht und Anton“. Es handelt sich um das noch zu schreibende Katzen-Abenteuer für den Machandel-Verlag.

Buddha Passion

Traditionelle Instrumente im modernen Kontext haben auch in einer Übersetzung eine Rolle gespielt, die in diesem Frühjahr entstanden ist. Es handelte sich um das Programm zur Universaloper Buddha Passion des chinesischen Komponisten Tan Dun, unter anderem bekannt für die Filmmusik zu Tiger and Dragon. Die Welturaufführung fand am 23. Mai bei den Dresdner Musikfestspielen statt und wurde vom Publikum begeistert aufgenommen.

Pipa

Im dritten Akt, der sich um die opferbereite Prinzessin Miaoshan dreht, tritt Wenqing Shi als Tänzerin auf. Sie spielt auch eine Form der chinesischen Laute, der Pipa, die in den der Oper zugrunde liegenden Wandmalereien in den Dunhuang-Grotten zu sehen ist. Etwa in der Zeit, in der die Grotten entstanden und belebt waren, entwickelte sich die Pipa unter Einflüssen aus Persien entscheidend weiter. Die Spielhaltung war noch immer horizontal, aber statt der Fingernägel wurde häufiger ein Plektrum verwendet, das Instrument hatte nur noch vier Saiten statt wie früher fünf. Die Anzahl der Bünde war noch deutlich geringer als heute. Sie änderte sich erst im 20. Jahrhundert durch die Anpassung an die westliche Tonskala.

Chinesische Laute

Pipa, horizontal gespielt

Pferdekopfgeige

Im fünften Akt „Herzsutra“, der die Begegnung eines Sängermönchs mit einer Frau aus dem Westen beschreibt, tritt der Obertonsänger Batubagen in Erscheinung. Er spielt die mongolische Pferdekopfgeige oder Morin khuur, ein Streichinstrument mit zwei Saiten. In früheren Zeiten waren diese aus Pferdehaar, heute wird eher Nylon. Auch der traditionell mit Tierhaut überzogene Korpus wird inzwischen meist ganz aus Holz gefertigt.

Morin Khuur

Mongolische Pferdekopfgeige

Batubagen ist auch mit der mongolischen Band Hanggai unterwegs, die 2010 in Wacken zu hören war. Ein gutes Beispiel für die Vielseitigkeit traditioneller Instrumente und ihrer SpielerInnen.

Wer dieses Jahr zufällig noch nach Melbourne oder Hongkong kommt, kann Buddha Passion live hören.

Siehe auch: Tanzen und S(pr)ingen

Tanzen und S(pr)ingen

Aus aktuellem Anlass gibt es mal wieder etwas Musiklastiges zu lesen, diesmal über sonderbare Instrumente.

Wie in der Terminliste angekündigt, findet am 10. Juni um 18.30 Uhr ein Konzert im Kronepark in Bensheim-Auerbach statt, mit Renaissance-Tänzen, unter anderem nach Arbeau und Negri. Es singt der Eventchor Bensheim, es tanzt der Historische Tanzkreis und es spielen acht unerschrockene MusikerInnen, meist auf Blockflöten. Dazu kommen Trommel bzw. Tamburin, Gitarre und Cello.

Historische Instrumente sind eher spärlich vertreten: Es sind Drehleier, Dudelsack und Portativ. Dabei ist „historisch“ oder auch „traditionell“ sowieso ziemlich relativ.

Aus dem 16. Jahrhundert, in dem die Tänze aufgezeichnet wurden, gibt es auch Quellen zu Musikinstrumenten und ihrer Verwendung. YouTube-Videos sind verständlicherweise spärlich, aber auch Originalinstrumente sind nur vereinzelt in Museen erhalten. Das sind dann vor allem solche, die überwiegend aus nicht biologisch abbaubarem Material bestehen. Sie gehörten in der Regel eher Leuten, die es sich leisten konnten, mal etwas aufzubewahren, was nicht mehr unmittelbar in Gebrauch war.

Die größte Gefahr für diese Instrumente war die wechselnde Mode. Oft lassen sich an Museumsstücken die Spuren späterer Umgestaltungen finden, mit denen das Instrument einer neuen Klangvorstellung angepasst werden sollte. Manchmal stellen sie sich auch als Fälschung aus dem 19. oder 20. Jahrhundert heraus, wie zum Beispiel ein Portativ im Instrumentenmuseum des Königlichen Konservatoriums in Brüssel. Es galt noch vor fünfzig Jahren als Original aus dem 17. Jahrhundert. Das wäre ohnehin recht spät gewesen, denn aus Bildern sind halbwegs glaubhafte Darstellungen der Mini-Orgeln schon gegen Ende des 15. Jahrhunderts verschwunden, die letzte urkundliche Erwähnung erfolgte in einem Inventar Heinrichs VIII.

Wie beim Cembalo und bei der Blockflöte ist die Tradition für dieses Instrument also abgerissen und wurde erst mit dem neu entstandenen Interesse an Alter Musik im 19. Jahrhundert wiederbelebt. Als Grundlage dazu diente – in Ermangelung von Originalen, die man hätte nachbauen können – der aktuelle Stand der Technik im Orgelbau. Aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist ein Portativ mit zwei Registern – davon vermutlich eins mit Zungenpfeifen – erhalten (Museum Tholey). Beschrieben wird es allerdings als Nachbau eines Memling-Modells … (Koninklijk Museum voor de Schone Kunsten, Antwerpen).

Die Entwicklung ist hier also etwas anders verlaufen als beim Cembalo oder bei der Blockflöte, bei denen die Hersteller an vorhandene Instrumente anknüpfen konnten. Von dort aus wurden Neuerungen entwickelt, die den zeitgenössischen Hörgewohnheiten entsprechen, sei es in Sachen Lautstärke, um in großen Sälen mit Orchesterinstrumenten mitzuhalten, oder in Sachen Tonumfang – noch tiefer, noch chromatischer.

Beim Portativ kamen die Bemühungen, sich an den vorhandenen Abbildungen und anderen Quellen aus dem Mittelalter zu orientieren, eher später, mit der nächsten Welle des „Early Music Revivals“ ab den 1960er Jahren. Überlegungen zu Einsatzmöglichkeiten jenseits der Mittelalter-Musik und damit die Entwicklung neuer Klangvorstellungen für das Instrument kommen gerade in Gang. Man darf gespannt sein, was in den nächsten Jahren noch entsteht.

Siehe auch: „Der Pfarrer von Plön“, oder was?

„Der Pfarrer von Plön“, oder was?

Es wird höchste Zeit, mal wieder was Musikalisches zu verbreiten, und einen passenden Anlass gibt es auch: Les Escargots spielen am kommenden Samstag, 10. März 2018, beim Jubiläumskonzert des MGV Langenbrombach. Gefragt war „mal was anderes“. Wir spielen also mit unseren teils sonderbaren Instrumenten (siehe Titelbild) Tanzmusik aus dem 17. Jahrhundert.

Es handelt sich um vier Stücke aus dem ersten The English Dancing Master (1651), gesammelt und veröffentlicht von John Playford: Parsons Farewell, Scotch Cap, Jenny Pluck Pears und Gathering Peascods. Mindestens für zwei davon sind frühere Belege zugänglich. „Gathering Peascods“ zum Beispiel war schon im Fitzwilliam Virginal Book und in W. Ballet‘s Lute Book enthalten.

„Parsons Farewell“ hat sogar eine weitreichende europäische Karriere hinter sich. Mit hoher Wahrscheinlichkeit beginnt sie unter dem Titel „La Bourree“ bei Michael Praetorius (Terpsichore, 1612). 1626 erscheint das Stück – na gut, eine sehr ähnliche Melodie – in der patriotischen Sammlung Nederlandtsche Gedeck-Clanck von Adrian Valerius, ebenfalls mit der Überschrift „La Boree“, versehen mit einem Text, der diejenigen „in staet en macht“ daran erinnert, dass auch sie nicht nach Belieben schalten und walten können. Dazu gab es eine Tabulatur für Laute.

Deutlich später als bei Playford taucht „Bourée d‘Avignonez“ in der Sammlung Recueil de Plusieurs Vieux Airs von André Danican Philidor auf, der als Musiker und später Musikbibliothekar am Hof Ludwigs XIV. beschäftigt war. Einen Text gibt es hier nicht, dafür einen sechsstimmigen Satz, vermutlich für Rohrblattinstrumente.

Die Playford-Sammlung wurde bis ins 18. Jahrhundert immer wieder aufgelegt, und auch danach kamen Tänze in diesem Stil bei der zahlungskräftigen, städtisch geprägten Zielgruppe – das Vorwort der ersten Ausgabe richtet sich an die „Gentlemen of the Innes of Court“ – noch bestens an. Deshalb werden sie heute gern mit Jane-Austen-Verfilmungen in Verbindung gebracht. Danach scheinen sie aber relativ schnell aus der Mode gekommen zu sein, denn Cecil Sharp wird nachgesagt, er habe mit seiner Sammlung im frühen 20. Jahrhundert die Tradition der Country Dances „wiederbelebt“. Ob sie tatsächlich ausgestorben war, kann ich zur Zeit nicht nachvollziehen. Die Wiederbelebung war jedenfalls nachhaltig.

Einige Jahre später und ein paar hundert Kilometer weiter östlich wurden die Melodien und Tanzbeschreibungen von der deutschen Jugendmusikbewegung aufgegriffen. 1928 erschien die Sammlung Alte Kontratänze, die „Parsons Farewell“ unter dem Titel „Fietepaster (oder: Der Pfarrer von Plön)“ enthält. Mindestens bis End der 1960er Jahre, als das nächste Folk- bzw. Early-Music-Revival in die Gänge kam, wurde sie mehrfach nachgedruckt. Seit 1989 ist Altenglische Country Dances von Roswitha Busch-Hofer und Ferdinand Grüneis auf dem Markt, inzwischen wieder mit den ursprünglichen englischen Titeln und mit Anmerkungen zur mutmaßlichen historischen Aufführungspraxis.

Das Stück ist also weit herumgekommen. Bear McCreary, der es für die Musik zur Piratenserie Black Sails (ab 2014) verwendete, deklariert es in diesem Zusammenhang als „traditional sea shanty“. Einen weiteren Beleg dafür habe ich nicht gefunden, widerlegen lässt sich das angesichts der oben beschriebenen Wanderlust der Melodie allerdings auch kaum.

Mehr zum heutigen Lebensraum der Playford-Tänze findet sich zum Beispiel hier.

Lieder kann man nie genug haben

Die Liedhaber, in der neuesten Fassung auch Liadhaber, sind eine Deutschfolk-Band mit inzwischen zwei CDs voller spannend arrangierter Raritäten.

Es singen und spielen fünf Menschen auf allerlei mehr oder weniger gängigen Instrumenten:Hansjörg Gehring, Kontrabass, betreibt eine Kontrabass-Schule. Nebenbei spielt er auch diverse Dudelsäcke sowie Helikon, die aber auf den Liedhaber-CDs nicht zu hören sind.

Dagmar Held, Gesang, arbeitet für den Bayerischen Landesverein für Heimatpflege, beim Archiv für Volksmusik in Schwaben. Damit hat sie die ideale Ausgangsposition, um solche Schätzchen auszugraben.

Christoph Lambertz, Gesang, Klarinette, Böhmischer Bock, ist studierter Musikethnologe und Mitinitiator des Anti-Stadl-Festivals – noch Fragen?

André Schubert, Harfe, Smallpipe, betreibt die Klangwerkstatt und kommt mit seinen Harfen weit in der Weltgeschichte herum.

Johannes Sift, Geige, Harmonika, Bratsche, ist auch unter dem ansprechenden Namen Quetschendatschi bekannt. Wie man hört, quetscht er nicht nur, sondern geigt auch und unterrichtet an einer beruflichen Schule.

CD Nr. 1, Zugvögel, ist Jahrgang 2011 und damit nach Internet-Maßstäben schon fast prähistorisch. Sie enthält etwas altbekanntes Geflügel – „Kommt ein Vogel, Vogel hergeflogen“, „Wenn ich‘s ein Vogel wär“, „Es saß ein klein Wildvögelein“ – mit ungewohntem Gefieder, das auch erfahrene Birdwatcher interessieren dürfte. Dasselbe gilt auch für die anderen Titel, die von den Musikern zum Teil selbst gesammelt, zum Teil aus älteren Sammlungen ausgegraben wurden. Zu den Liedern und Balladen gesellt sich jeweils eine passende Tanzmelodie aus dem 18. oder 19. Jahrhundert. Quellen und Liedtexte sind im Booklet enthalten, was mich als Theorie-Nerd besonders freut.

Die Neuerscheinung Nachtfahrt zeigt, dass dieses Konzept noch längst nicht ausgelutscht ist. Von „Ich geh in finstrer Nacht“ bis „Gute Nacht, ihr lieben Freunde“ stammen die meisten Lieder aus ehemals von Deutschen besiedelten Gebieten in Südosteuropa. Wieder sind Varianten von bekannten Stückten sind gerade ein bisschen anders, pfiffiger, so dass es sich lohnt, auf den Text zu hören. Aber das gilt sowieso immer, auch wenn der Dialekt nicht unmittelbar verständlich ist. Die Musik ist passend zum Inhalt arrangiert, von romantisch verliebt bis rabiat, von gehobenem Unsinn bis zum letzten Abschied.

Hörproben und Videos sind auf der Website der Band zu finden, ebenso die Termine für einige bevorstehende Live-Auftritte. Wer die Gelegenheit hat, hinzugehen, sollte sie wahrnehmen. Es wird sich mit hoher Wahrscheinlichkeit lohnen.

Seite 1 von 2

Präsentiert von WordPress & Theme erstellt von Anders Norén