Geschichten und Musik

Schlagwort: Mittelalter Seite 1 von 2

Gestern habe ich den Link ziemlich am Rande platziert, heute gibt es nochmal einen Hinweis auf Neues aus dem Mittelalter. Die Website The Public Medievalist enthält zahlreiche Artikel über das Mittelalter und wie man es sich vorstellt.

Ich habe mich völlig festgelesen und nehme eine Menge Anregungen mit. Es zeigt sich sehr deutlich, dass die Welt auch vor ein paar hundert Jahren schon ziemlich bunt und beweglich war. Je mehr darüber geforscht wird, desto mehr Variationen kommen ans Licht, desto mehr Klischees lassen sich abbauen.

Mehrere Artikel befassen sich auch mit der phantastischen oder filmischen Rezeption des Mittelalters. Kampftechnik und Reisende sind recht gut vertreten. Mir persönlich fehlt ein bisschen Musik, aber vielleicht habe ich mich auch noch nicht weit genug durchgewühlt.

Um das hier ein wenig auszugleichen, klebe ich ein Stück ein, zu dem ich mir bei MedRen2020 noch einen Vortrag angehört habe: Josquin des Près, Nymphes des Bois.

 

#MedRen2020 – Mittelalter- und Renaissancemusik

#MedRen2020 - Mittelalter- und RenaissancemusikHeute habe ich ein paar Stunden bei MedRen2020 zugebracht, der Konferenz über Mittelalter- und Renaissancemusik, die in Edinburgh hätte stattfinden sollen. Ein Vorteil der Online-Veranstaltung besteht darin, dass man sich heute die Vorträge von gestern und morgen anhören kann. Man kann auch, ohne Aufsehen zu erregen, einen Vortrag verlassen, der vielleicht doch nicht spannend ist, wie sich der Titel anhört. Dann kriegt man das Alternativprogramm trotzdem noch von Anfang an mit. (In dieser Hinsicht könnte es sich als positiv herausstellen, dass auch der BuCon in diesem Jahr online stattfinden soll.)

Jedenfalls gab es bei der Konferenz und sogar am Rand, nämlich über Twitter, allerlei Interessantes zu hören. In der Reihe über England in der Frühen Neuzeit bin ich relativ oft auf das oben beschriebene „Problem“ gestoßen, dass der Titel sich spannender anhörte als der Vortrag. Vielleicht fehlt mir dazu einfach der Hintergrund, um die Einzelheiten richtig einzuordnen. Möglicherweise lag es auch an der jeweiligen Redezeit, denn in fünfzehn bis zwanzig Minuten können nicht alle interessanten Fragen zu einem Thema umfassend behandelt werden.

Nürnberg

Das machte sich auch bei dem einen oder anderen Vortrag über die musikalischen Aktivitäten in Nürnberg im 16. Jahrhundert bemerkbar. Da ging es zum Beispiel (bei Frauke Jürgensen) um Hartmann Schedel und sein Liederbuch, in dem sich Schlager aus verschiedenen Teilen Europas zusammengefunden haben. Deren Weg durch die einzelnen Regionen nachzuvollziehen, wäre eins dieser „rahmensprengenden“ Themen.

Daneben stellte Helen Coffey Leben und Werk des Stadtpfeifers Hans Neuchel vorgestellt, der offenbar nicht nur bei diversen deutschen Fürsten größeren Eindruck machte, sondern auch bei Papst und Kaiser. Er war außerdem Instrumentenbauer. Seine Trompeten und Posaunen waren so gefragt, dass seine Kunden teilweise einige Jahre auf ihr bestelltes Instrument warten mussten … ein Problem, das auch heute noch gelegentlich auftreten soll.

Aus Nürnberg stammen etliche wichtige Quellen für die Musikwissenschaft dieser Zeit, unter anderem die Rechnungsbücher und anderen offiziellen Dokumente, die Auskunft über Herrn Neuchel und seine Geschäfte geben. Zudem wurde in dieser Stadt reichlich gedruckt, und offenbar in größerem Ausmaß auch von Frauen. Susan Jackson präsentierte eine beeindruckende Liste von selbständigen Buchdruckerinnen, denen einige bekannte Musiksammlungen zu verdanken sind. Nicht namentlich bekannt sind diejenigen, die schon für die Reformation eintraten, bevor es cool war, und dafür im Gefängnis landeten.

Mittelalter und anderes

Bei den eher mittelalterlichen Themen ging es zum einen um die Kreuzzüge – auch damals waren es schon „die Anderen“, die Lärm machten, während „unsere“ Leute wohlklingende Musik spielten. An anderer Stelle wurden die Cantigas de Santa Maria in ihrer Funktion als Propaganda-Material für König Alfons besprochen.

Eher am Rande kamen noch zwei Anregungen zum Weitersuchen: in Sachen Musik der Hinweis auf Hildegard von Blingin, in Sachen Geschichte allgemein der Hinweis auf Schwarze Menschen im europäischen Mittelalter, die in den gängigen Darstellungen eher weniger präsent sind.

Ein Großteil des Materials ist noch bis Montagabend online zugänglich, ich werde mir also vermutlich noch das eine oder andere anhören.

Geschichten und Musik

Ich habe heute ein bisschen aufgeräumt, und das wird vermutlich noch ein paar Tage so weitergehen. Anscheinend lesen ja doch ein paar Leute mit. Das freut mich sehr und ich bedanke mich herzlich für den Besuch. Unter dem Motto “Geschichten und Musik” bin ich vor vielen Jahren und mit vielen tollen Plänen gestartet. Inzwischen hat es diese Form hier angenommen und läuft noch fröhlich weiter.

Geschichten …

Gestern hat das Camp NaNoWriMo für den Juli begonnen und ich nehme zum ersten Mal daran teil. Was mich da erwartet, weiß ich noch nicht so genau. Ich schreibe jedenfalls eine Geschichte, die hoffentlich den Weltenbau für Das Schwert des Wilden Landes ein bisschen voranbringt. Dieses noch ziemlich kurze Romänchen steht als nächstes zum Überarbeiten und Veröffentlichen an.

Ich habe jetzt schon große Lust darauf, ein Cover dafür zu basteln. Die hält hoffentlich an, bis ich mit dem Text durch bin. Und springt anschließend auf das Layout über, denn das ist ein Job, den ich gar nicht gerne mache.

… und Musik

In einer anderen Ecke der Welt läuft, ebenfalls seit gestern, die Medieval and Renaissance Music Conference 2020 – wie etliche Veranstaltungen dieses Jahr online. Gegen einen Ausflug nach Edinburgh hätte ich zwar nichts einzuwenden gehabt, trotzdem hat dieses Format gewisse Vorteile. Es löst zum Beispiel das Problem, dass interessante Vorträge immer gleichzeitig stattfinden. Es sind immer noch genug, dass die Zeit knapp werden könnte.

Heute habe ich mir eifrig Notizen gemacht, zu einem Vortrag, der „gestern“ stattfand. Es ging um die Aufgaben der städtischen Trompeter im 16. und 17. Jahrhundert, und ich habe ein paar spannende Dinge erfahren. Die passen einerseits ganz hervorragend zu einem Fantasy-Projekt, das ich schon ein paarmal in Angriff genommen und doch wieder in die Schublade verbannt habe. Vielleicht wird das jetzt der Schubser, damit es wieder ein Stück weitergeht damit.

Andererseits bieten sie auch schöne Aufhänger für weniger phantastische Geschichten. Ich könnte ja mal versuchen, etwas Historisches zu schreiben, was nicht völlig bierernst ist. Am besten höre ich mir noch ein paar solcher Vorträge an und schaue, was dabei an Ideen abfällt.

Virtuelles Konzert Nr. 8 – Harfen

Das virtuelle Konzert Nr. 8 widmet sich heute den Harfen, denn an diesem Wochenende sollte eigentlich das Musikantentreffen der Klangwerkstatt in Markt Wald stattfinden. Hier kommen also ein paar Anregungen, was man mit diesen vielsaitigen Instrumenten alles anfangen kann.

Als erstes der verhinderte Gastgeber und die Liadhaber:

 

Keltisch-Sommerliches:

Oder etwas von einem anderen Ende der Welt:

Mittelalterliches:

Oder eher Neumodisches:

Und noch was, um morgen früh wieder in die Gänge zu kommen:

Es ist soweit! Unser neues Video ist fertig. Aus einer unschuldigen Idee ein bischen was Kreatives zu machen wurden Tage und Nächte des Aufnehmen und Schneidens. Wir haben uns dabei köstlich amüsiert und hoffen es zaubert euch ein Lächeln ins Gesicht! Ich denke ich kann ohne rot zu werden sagen: Das neue Video hat ganz schön Eier! Oder ganz schön Ei? Seht selbst! 😁Auf www.zirla.de kann man übrigens unsere CD bestellen.

Gepostet von Daniela Heiderich am Donnerstag, 28. Mai 2020

 

 

Lesestoff – Die Spange 10

Es folgt die heutige Portion Lesestoff: „Die Spange“, Teil 10 (und Ende) der historischen Kurzgeschichte mit Kurzweil, Pfeffersack und Nachtgespenst. Hier geht es zu den Teilen 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8 und 9.

Lesestoff - Die Spange

Alheit erwartete die beiden aufgeregt in ihrem Quartier. „Was hast du erfahren?“, fragte sie, kaum dass Franz eingetreten war.

Er setzte sich ins Stroh und langte nach der Weinkanne. Alheit schenkte ihm ein. „Von unserem Gastgeber“, sagte sie. „Dafür sollen wir morgen Abend für seine Gäste spielen.“

Franz nickte. Am liebsten hätte er gleich mit den Plänen für diesen Auftritt angefangen.

Jetzt erzähl endlich“, murrte Stefan, der wie schlafend dalag.

Franz tat ihm den Gefallen. Am Ende des Berichts saß Stefan aufrecht und mit offenem Mund da.

Was sagst du dazu, Pater?“, wandte sich Alheit an Baldwin.

Ich kann euch sagen, was die Kirche lehrt“, erwiderte der. „Er braucht einen Fürsprecher bei Gott, bevor er die nächste arme Seele in Versuchung führen kann.“

Ob unsere Gebete ihm da helfen?“, fragte Stefan. „So fromm sind wir doch nicht.“

Doch“, entgegnete Baldwin. „Maria hilft, auch wenn Spielleute sie anrufen.“

Stefan nickte und summte das passende Lied dazu.

Alheit sah ihn zweifelnd an. „Können wir nicht …“ Sie unterbrach sich. „Nein. Wir haben keinen Beweis dafür, dass Ulrich ermordet wurde.“

Nur das Wort eines Geistes“, sagte Baldwin.

Und das gilt noch weniger als das eines Spielmanns.“ Franz setzte sich auf. „Aber er hat meinen Namen genannt, gleich ein paarmal. Das …“

Das verheißt nichts Gutes“, sagte Baldwin. „Er wird dich weiter verfolgen und plagen, bis du seinen Auftrag ausgeführt hast.“

Franz betrachtete Alheits verbundene Hand. So konnte es nicht weitergehen. „Den Geist werden wir nicht los“, sagte er nachdenklich. „Aber vielleicht dieses verfluchte Ding.“

* * *

Er wog die Messingspanne in der Hand. Sie musste an einen Ort, wo ein ruheloser Geist keine Macht über sie hatte. Wo konnte das sein?

Bis jetzt war sie jeden Morgen wieder da“, erinnerte Alheit.

Willst du sie jetzt doch verkaufen?“, fragte Stefan.

Wie oft soll ich dir noch sagen, dass das nicht geht?“, erwiderte Alheit. „Wirf sie besser in einen Abort.“

Franz schüttelte den Kopf. Vor Gestank würde der Geist gewiss nicht zurückschrecken. „Wenn der eine Franz nicht helfen kann, dann vielleicht ein anderer“, sagte er schließlich. Er beschloss, dass es draußen hell genug war. Und sollten gute Mönche nicht ohnehin einen Großteil der Nacht im Gebet verbringen?

Mühsam kam er auf die Beine, steckte die Fibel innen an seinen Ärmel. Dann nahm er die Kiepe mit den Instrumenten auf. „Vielleicht weiß der heilige Franz ja auch ein Ständchen zu schätzen?“

E N D E

Bild: aus der Schedelschen Weltchronik, gemeinfrei

Lesestoff – Die Spange 9

Es folgt die heutige Portion Lesestoff: „Die Spange“, Teil 9 der historischen Kurzgeschichte mit Kurzweil, Pfeffersack und Nachtgespenst. Hier geht es zu den Teilen 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7 und 8.

Lesestoff - Die Spange

Ihr habt vor ein paar Tagen hier gespielt?“, fragte Baldwin auf dem Weg zum Friedhof.

Es hatte keinen Sinn, das abzustreiten. Laut genug waren sie gewesen.

Der eine oder andere Präzentor hier in der Stadt würde dich mit Freuden in seinen Chor aufnehmen.“

Dafür ist es zu spät“, meinte Franz und wechselte das Thema. „Hier, aus diesem Grab ist er gekommen.“

Dann wollen wir heute Nacht hier auf ihn warten.“

* * *

An einer Stelle auf dem Gelände erschien eine schwach leuchtende Kugel. Es hätte ein Pilz sein können, der sein kränkliches Licht verbreitete. Franz musste mehrmals hinsehen, um sich zu vergewissern, dass der Schein stärker wurde. Die Kugel wuchs, zog sich in die Länge. Nach und nach nahm sie die Gestalt von Ulrich an. In ein Leichentuch gehüllt hob er die Hand, als ob er Franz segnen wollte.

Du bist gekommen. Franz.

Alle guten Geister loben Gott, den Herrn.“

Darauf kam keine Antwort. Vielleicht dauerte es länger, bis der Geist den Satz verstanden hatte. „Kann ich etwas für dich tun?“, fragte Franz weiter.

Wieder blieb es eine Weile still.

Warum ist der andere da?

Er will mir helfen.“

Gut. Dann wirst du mit ihm fertig.

Mit wem?“

Hermann.

Was soll ich tun?“

Räche mich. Franz.

Für was denn? Und wie?“ Dass der Geist seinen Namen nannte, ließ ihm kalte Schauer über den Rücken rinnen. Bekam dieses Wesen dadurch Macht über ihn?

Die Frage war offenbar zu schwierig, denn der Geist antwortete wieder einmal nicht.

Er hat mich umgebracht. Bring du ihn auch um. Franz.

Ach was.“ Hoffentlich bemerkte der Geist sein Erschrecken nicht. „Hast du es nicht selbst getan?“

Nein. Ich wollte, aber im letzten Augenblick ging es doch nicht. Da kam Hermann vorbei.

Und?“

Was und? Jetzt bin ich tot.

Ich lasse mir etwas einfallen“, versprach Franz. Das konnte er ohne weiteres versprechen. Auch wenn er sicher wusste, dass er keinen Menschen umbringen würde.

Dann geh und tu, was ich dir aufgetragen habe.

Franz ging. Er fühlte sich leer, wie ausgesaugt, ohne Kraft. Selbst wen er gewollt hätte, könnte er jetzt niemanden töten.

* * *

Fortsetzung folgt.

Bild: aus der Schedelschen Weltchronik, gemeinfrei

Lesestoff – Die Spange 8

Es folgt die heutige Portion Lesestoff: „Die Spange“, Teil 8 der historischen Kurzgeschichte mit Kurzweil, Pfeffersack und Nachtgespenst. Hier geht es zu den Teilen 1, 2, 3, 4, 5, 6 und 7.

Lesestoff - Die Spange

Vor dem Marienaltar saß ein Mann mit dichtem schwarzem Haarkranz und leinengrauer Kutte. Der Kopf war ihm auf die Brust gesunken, hin und wieder erklang ein leises Schnarchen.

He, Lotterpfaffe, da will einer zu dir!“ Der Diakon rüttelte den anderen an der Schulter.

Was gibts?“ Der graue Pater erschien mit einem Mal hellwach und betrachtete Franz aufmerksam. „Willst du unserer lieben Frau ein Ständchen bringen?“

Gern“, sagte Franz, „aber vor allem brauche ich deine Hilfe.“

Meine?“

Wie heißt du überhaupt, Spielmann?“, unterbrach der Diakon, als ob er sich an ein Versäumnis erinnerte.

Franz nannte seinen Namen.

Baldwin“, erwiderte der Pater unwirsch. „Aus Erfurt.“

Franz verbeugte sich.

Der Diakon murmelte etwas, das nach: „Wers glaubt“, klang. „Dann könnt ihr eure Verhandlungen ja jetzt ohne mich fortsetzen“, sagte er laut.

Als Baldwin nickte, strebte er eilig einer Gruppe Frauen entgegen, die eben zur Tür hereinkam.

Von denen wird er mehr Almosen bekommen“, sagte Baldwin. „Aber was hast du auf dem Herzen, Spielmann?“

* * *

Franz erzählte die Geschichte von Ulrich, der Meistertochter Käthe und Hermann dem Krämer. Baldwin nickte, fragte an manchen Stellen nach. Dann kam der Teil mit der Spange und den wilden Träumen.

Der Pater wehrte nicht ab, sagte nichts von sündigem Lebenswandel und vergessenen Gebeten. „Hast du deinen Geist auch einmal im Wachen gesehen?“, fragte er. „Traumgesichte können uns in die Irre führen.“

Nein. Kann er überhaupt am Tag erscheinen?“

Oh ja, Geister können das. Hat er etwas zu dir gesagt?“

Er will Rache“, antwortete Franz leise. „Aber ich weiß nicht, wofür und an wem.“

Willst du sie denn ausführen?“

Franz schüttelte heftig den Kopf.

Und du sagst, er liegt hier auf dem Friedhof?“

An der Mauer.“

Ja, natürlich. Lass uns nachsehen, was wir dort finden.“ Baldwin hob seinen Pilgerstab auf und ging mit Franz hinaus, an dem Diakon und seinen Beichtkindern vorbei.

* * *

Fortsetzung folgt.

Bild: aus der Schedelschen Weltchronik, gemeinfrei

Lesestoff – Die Spange 7

Es folgt die heutige Portion Lesestoff: „Die Spange“, Teil 7 der historischen Kurzgeschichte mit Kurzweil, Pfeffersack und Nachtgespenst. Hier geht es zu den Teilen 1, 2, 3, 4, 5 und 6.

Lesestoff - Die Spange

Du bist tot!“, wiederholte Franz.

Er musste laut gerufen haben, denn Alheit rüttelte an seinem Arm. „Wach auf! Niemand ist tot!“

Hm?“ Er versuchte, sich aufzusetzen. „Was ist?“

Du hattest einen Albtraum“, sagte Alheit. „Vergiss ihn und schlaf noch ein Stück.“

Unwillig schüttelte Franz den Kopf. So leicht würde er die Geister nicht vergessen. Aber sie blieben aus. Am anderen Morgen erwachte er wie aus tiefer Dunkelheit, mit nur einer schwachen Erinnerung an Ulrichs bleiches Gesicht.

* * *

Alheit packte an diesem Tag besonders vorsichtig. Auf den ersten Blick lag nichts in der Kiepe, was nicht hineingehörte. Als sie die Schalmei in den Korb stellte, bohrte sich ein Messingdorn in ihre Hand.

Zischend fuhr sie zurück. „Was soll das?“

Will uns dieser Hermann was anhängen?“, vermutete Stefan.

Franz schüttelte den Kopf. Jetzt fand er keine Ausflüchte mehr. „Ich fürchte, es ist noch schlimmer.“

Noch schlimmer?“ Alheit hatte einen Fetzen Stoff gefunden und hielt ihn Franz hin, damit er ihr die Hand verbinden konnte.

Ein Geist“, sagte er kleinlaut. „Eine ruhelose Seele.“

Unsinn“, erwiderte Alheit. „Wer soll uns denn heimsuchen?“

Ulrich.“

Dieser andere Geselle, von dem du erzählt hast? Hast du deshalb so geschrien?“, fragte Alheit.

Er nickte.

Dann rede mit einem Priester. Das kann so nicht weitergehen.“

* * *

Der Diakon in der Peterskirche musterte Franz von oben bis unten. „Was willst du, Spielmann?“

Es gibt einen Totengeist, der mich plagt.“ Er hatte sich die Sätze genau überlegt und immer wieder vorgesagt.

Warum? Hast du ihn betrogen? Oder nicht für seine Seele gebetet, wie du versprochen hast?“

Franz schüttelte den Kopf. „Ich habe ihn kaum gekannt. Seit ich weiß, dass er tot ist, bete ich für ihn.“

Der Diakon hob den Finger. „Das ist gut, dann wird er dich bald in Ruhe lassen.“

Wieder schüttelte Franz den Kopf. „Er plagt jetzt auch die, die mit mir reisen, und er kann uns gefährlich werden.“

Warum? Glaubst du, er will auch eure verlorenen Seelen in die Hölle ziehen?“

Franz gab auf. „Ja, das hat er wohl vor.“

Und du willst, dass ich ihn austreibe?“

Franz nickte. „Ich habe von Priestern gehört, die mit diesen armen Seelen reden können und erfahren, was ihnen fehlt, damit sie Ruhe finden.“

Ja, von denen habe ich auch gehört.“ Wieder maß er Franz mit den Augen. „Kannst du seine Dienste denn bezahlen?“

Franz nickte langsam. Das kam natürlich darauf an, was der Mann verlangen würde.

Sein Gesprächspartner grinste. „Dann weiß ich einen für dich. Komm nur mal mit.“

* * *

Fortsetzung folgt.

Bild: aus der Schedelschen Weltchronik, gemeinfrei

Lesestoff – Die Spange 6

Es folgt eine neue Portion Lesestoff: „Die Spange“, Teil 6 der historischen Kurzgeschichte mit Kurzweil, Pfeffersack und Nachtgespenst. Hier geht es zu den Teilen 1, 2, 3, 4 und 5.

Lesestoff - Die Spange

Ob das Ding wirklich so viel wert ist?“, fragte Alheit, als sie wieder draußen auf der Straße standen.

Mehr!“, rief Stefan. „Er hätte ruhig das Doppelte geben können.“

Franz schüttelte den Kopf. „Sie wollte es nur wiederhaben, ohne dass jemand weitere Fragen stellt.“

Gib’s zu, du weißt etwas darüber“, erwiderte Alheit streng.

Ich …“ Franz zögerte. „Ich habe die Spange schon einmal gefunden.“ Er erzählte kurz, wann das gewesen war. „Der andere Geselle im Haus hatte sie beiseite geschafft und wollte sie Hermann unterschieben. Der Meister sollte ihn für einen Dieb halten.“

Alheit kniff die Augen zusammen. „Das ist doch eine alte Pilgergeschichte. Ist darauf wirklich noch jemand hereingefallen?“

Ich habe ihm die Sache ausgeredet. Wir haben die Spange an einem ganz gewöhnlichen Ort gefunden und zurückgegeben.“

Dann ist ja gut.“

Davon, dass der andere Geselle inzwischen tot war und angeblich umging, sagte er nichts.

Aber das hat doch nichts damit zu tun, dass das Ding zu uns zurückgekommen ist, oder?“, fragte Stefan.

Franz tat, als hätte er ihn nicht gehört. „Wir suchen uns wieder einen Platz in der Stadt“, verkündete er. „Am Spital vielleicht oder am Franziskanerkloster. Da kommen genug Leute vorbei.“

* * *

In der dritten Nacht spielte Franz nicht mehr auf dem Friedhof, sondern in den Gassen der Stadt rund um den Marktplatz. Alheit war nirgends zu sehen, er hörte nur ihre Melodie. Die Leute tanzten zur Musik, und immer mehr Totengerippe schlossen sich der Reihe an. Sie machten gewagte Sprünge, ihre Knochen klapperten, dass es in der engen Gasse hallte.

Franz wartete dieses Mal nicht so lange. „Ulrich!“, rief er der Schlange hinterher. „Du bist tot!“

Der Anführer der Tanzenden lachte hohl und bog in ein niedriges Fachwerkhaus ein.

Nicht!“, rief Franz. „Wo willst du hin? Ihr gehört auf den Friedhof!“ Seie Glieder bewegten sich ohne sein Zutun, als ob ein unsichtbarer Puppenspieler an den Fäden zöge.

Wieder lachten die Toten unheimlich. Franz glaubte sogar, sie leise singen zu hören. Er setzte sein Instrument noch einmal an und spielte weiter.

Die Reihe der Tanzenden kam wieder aus dem Haus. Wie eine Schlinge hatte sie sich um die Meisterstochter Käthe gelegt und schob sie mit zur Tür hinaus auf die Straße. Sie stolperte, als ob sie Franz zu Füßen fallen würde.

Ulrich!“, rief er noch einmal. „Du bist tot! Hör auf mit dem Unsinn!“

Das ist kein Unsinn, Spielmann. Ich will Rache! Und du sollst die ausführen!“

Du bist tot!“, wiederholte Franz.

* * *

Fortsetzung folgt.

Bild: aus der Schedelschen Weltchronik, gemeinfrei

Lesestoff – Die Spange 5

Es folgt die heutige Portion Lesestoff: „Die Spange“, Teil 5 meiner historischen Kurzgeschichte mit Kurzweil, Pfeffersack und Nachtgespenst. Hier geht es zu den Teilen 1, 2, 3 und 4.

Lesestoff - Die Spange

Am nächsten Morgen räumte Alheit wieder die Instrumente in die Kiepe. „Was soll das?“, rief sie ärgerlich. „Das ist kein Scherz mehr!“

Was ist?“, fragte Franz. Dabei hatte er ein ungutes Gefühl im Bauch, noch bevor ihm Alheit auf der flachen Hand die Spange hinhielt, die sie am Vortag zu Meister Johann gebracht hatten.

Wie kommt die hierher?“ Sie hob die Stimme: „Stefan?“

Der Junge rappelte sich auf. „Was gibt’s?“

Sollten sie glauben, er hätte noch geschlafen?

Alheit zeigte ihm das Schmuckstück.

Die haben wir doch gestern bei diesem Täschner abgeliefert?“, sagte Stefan.

Und jetzt ist sie wieder da.“

Stefan zuckte die Schultern. „Dann hat er wohl auch nicht gewusst, wem sie gehört.“

Und dann?“

Er gab keine Antwort mehr.

Franz schluckte. „Ich weiß, wem sie gehört. Ich kann sie den Leuten selbst zurückbringen.“

Käthe?“ Alheit sah ihn fragend an.

Woher …“ Er brach ab. Er hatte selbst von ihr erzählt.

Die Alte mit dem roten Kleid?“, fragte Stefan. „Die kann sich ja wohl eine neue kaufen“, unterbrach Stefan.

Darauf ging Alheit gar nicht ein. „Du weißt, wo sie wohnt.“

Franz nickte.

Dann los.“ Sie steckte die Fibel in ihrem Ärmel fest.

* * *

Hermann und Käthe lebten in einem hohen, schmalen Haus an der Hauptstraße. Die Tür stand offen, Knechte liefen mit Ware ein und aus. Der Markt lohnte sich offenbar für ihn.

Einer Knecht, der gerade ohne Last zurückkam, sprach Franz an. „Wen suchst du hier, Spielmann?“

Deinen Herrn“, antwortete Franz.

Der andere musterte ihn von oben bis unten. „Du siehst nicht aus, als ob du von ihm kaufen könntest.“

Wir wollen ihm etwas bringen“, erwiderte Franz.

Ah so. Ich sag Bescheid, warte hier.“ Mit langen Schritten verschwand er im Haus.

Mit was handelt er überhaupt?“, fragte Stefan mürrisch.

Mit Gewürzen jedenfalls“, sagte Alheit und schnupperte. „Sie könnten sogar echt sein.“

Und dafür findet er hier Abnehmer?“

Bei so einem Fest …“ Franz beobachtete das Treiben rund um das Haus. Sollte er den Kaufmann nach Ulrich fragen?

Der Knecht trat wieder aus dem Haus. „Der Herr erwartet dich, Spielmann.“

Franz nickte Alheit und Stefan zu, die drei folgten dem Mann in einen Lagerraum, wo Hermann auf einer Kiste saß. Er trug eine einfache graue Cotte, mit der er sich gewiss nicht auf dem Markt sehen lassen würde.

Nun, Spielmann, was führt dich zu mir? Hat der Täschner deinen Lohn unterschlagen?“

Aber nein“, erwiderte Franz. „Ist deine Frau zu sprechen?“

Was willst du von ihr?“

Ich habe etwas für sie.“

Hermann zuckte zusammen. Oder schien es nur so? „Willst du ihr Geschenke machen? Das kannst du dir nicht leisten.“

Wir werden sehen.“

Immerhin schickte der Kaufmann einen Knecht los, seine Frau zu holen.

Sie war schnell zur Stelle und schüttelte leise den Kopf, als sie eintrat. Franz bemerkte es trotzdem. Was wollte sie ihrem Mann damit sagen?

Franz grüßte sie höflich. „Wir haben etwas gefunden, was dir gehört“, erklärte er dann.

So?“, erwiderte sie. „Und jetzt hoffst du auf eine reiche Belohnung?“

Er schüttelte den Kopf und legte die Fibel auf seine Handfläche.

Käthe wurde blass. „Wo?“

Sie lag im Korb mit unseren Instrumenten“, sagte Franz. „Vielleicht ist sie vorgestern beim Tanz hineingefallen.“

Ich habe dir doch gesagt, du sollst mit der Nadel aufpassen“, schimpfte ihr Mann. Seine Empörung klang nicht echt. Er fischte eine Münze aus seinem Beutel und legte sie vor Franz auf den Tisch. Der steckte sie bedächtig ein.

* * *

Fortsetzung folgt.

Bild: aus der Schedelschen Weltchronik, gemeinfrei

 

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