La Ballade

Geschichten und Musik

Lesestoff – Immer Ärger wegen Frizzycat 3

Hier kommt die nächste Portion Lesestoff: «Immer Ärger wegen Frizzycat», Teil 3 der phantastischen Kurzgeschichte, und hier die Links zu Teil 1 und Teil 2.

Lesestoff - Immer Ärger wegen Frizzycat

Ich wurde aus meinen Überlegungen gerissen, als drei knapp über tischhohe braune Zottelkugeln in meine Ecke kamen und die hellste von ihnen mit tiefer Stimme nuschelte: «Ist bei dir noch frei?»

Die drei fuhren ihre Beine aus, bis sie auf der richtigen Höhe für die Bank waren, und rutschten herein. Kurz darauf kam Zottelkugel Numero vier, dunkler als die drei anderen, und brachte vier große Gläser mit einem Getränk, das wie Milchkaffee aussah.

«Sporran», sagte die Kugel. Der Tonlage nach war vielleicht eher «Sopran» gemeint.

«Sporran», sagte die nächste Kugel mit etwas helleren Zotteln, ungefähr im Alt.

«Sporran.» Noch ein bisschen heller, Tenor.

«Sporran.» Die Kugel, die nach dem Platz gefragt hatte, Bass.

Sie schauten mich erwartungsvoll an. «Und wer bist du?», fragte Tenor-Sporran schließlich direkt.

«Äh.» Sollte ich mich wirklich schon outen? «Der Name tut nichts zur Sache … Nennt mich Camino.»

Sie hoben ihre Gläser. «Auf dein Wohl, Camino», zwitscherte Sopran-Sporran, dann die anderen drei hinterher.

«Auf euer Wohl, äh, Sporran, Sporran, Sporran und Sporran», erwiderte ich. Mein Wodkopad war schon wieder ziemlich leer, aber zum Anstoßen reichte es.

«Wo kommt ihr denn her?», fragte ich routinemäßig. Solche Wesen hatte ich noch nie getroffen, und ich hatte schon viel gesehen.

Die Sporrans seufzten. «Von Teochnainn», sagte Alt-Sporran.

Musste ich diese Welt kennen? Irgendetwas klingelte da.

«Vom See», ergänzte Sopran-Sporran, und es klang, als hätte er dort nie weggehen wollen.

«Macht es kurz», sagte Bass-Sporran. «Erzählt von dem Ungeheuer.»

«Ja, das Ungeheuer.» Die vier seufzten in ihrer jeweiligen Tonlage und schauten in ihre Gläser.

Ich nickte ihnen aufmunternd zu. Ungeheuer waren oft gute Aufhänger für haarsträubende Abenteuer.

* * *

Bild: gemeinfrei, via Wikipedia

Lesestoff – Immer Ärger wegen Frizzycat 2

Es folgt die nächste Portion Lesestoff: «Immer Ärger wegen Frizzycat», Teil 2. (Hier geht es zu Teil 1.)

Lesestoff - Immer Ärger wegen Frizzycat

Ich hätte ihr etwas sagen können, zumindest über die Quarantäne, wer sie verhängte und wieder aufhob. Vielleicht auch über das Katzenwesen. Ich bin nämlich ein Weiser des Gottes der Pfade. Nein, ich bin der Weise des Gottes der Pfade. Varathor, den die Sosunen Golbatl, die Redenter von Aya aber Dusarvi Latati, den Edlen Wanderer, nennen. Der ganz allein den Planeten Tenkrav evakuiert hat, bevor ihn ein poetisch herausgeforderter Volksstamm in die Luft sprengte, um eine Hyperraum-Umgehungsstraße zu bauen. Das war ein riesiger Hype mit diesem Hyperraum damals, und der Chef war ziemlich lange ziemlich ungenießbar, bis sich das wieder legte.

Aber die Geschichte von Tenkrav habe ich hier schon ein paarmal erzählt, die kennt jeder, deshalb will ich sie nicht mehr aufwärmen. Schließlich habe ich auch danach noch große Abenteuer bestanden. Nachdem ich mich dort bewährt hatte, kamen Forscher und Entdecker zu mir und wollten mit mir reisen. Der Chef war davon nicht wirklich begeistert, denn er meint (auch heute noch), dass alle Verbindungen zwischen Welten von ihm genehmigt werden müssten. Einen Ort wie diese gemütliche Kneipe hier empfindet er als reine Blasphemie. Der Chef geht nur sehr widerstrebend mit der Zeit; das scheint bei Göttern ein generelles Problem zu sein.

Und dann war da noch meine Kollegin mit spitzen Öhrchen und Schnurrhaaren, die sich in ihren getigerten Schwanz einwickeln konnte – nicht unbedingt verwunderlich in unserem Geschäftszweig. Die könnte die Fremde vorhin gemeint haben mit ihren dumpfen Lauten. Ich würde den Namen ja eher Frizzycat aussprechen, aber obwohl ich an die zwölfhundert Sprachen und Dialekte beherrsche, bin ich mir da nicht so sicher. Und ob sie als Weise auf dem richtigen Posten ist, auch nicht.

Wo sie während der Umgehungsstraßen-Krise eingesetzt war, habe ich nicht mitbekommen. Sie war auf jeden Fall bei den Aufräumungsarbeiten aktiv. Dafür hatte ich auch einen Aufruf bekommen, aber ich war gerade mit der Sternenflotte für eine Expedition in unendliche Weiten ins Geschäft gekommen und zog diesen Auftrag vor. Dem Chef ging es damals um die singenden Drachen von Graol. Nichts Umwerfendes, Aufräumungsarbeiten eben. Mal schnell einen ganzen Planeten umzusiedeln, das gelang nicht jedem so nahtlos wie mir mit Tenkrav, da musste hinterher an manchen Stellen geglättet werden. Bei den singenden Drachen sollte Frizzycat das tun.

Seitdem hatte ich von ihr nichts mehr gehört, und von Graol und seinen Drachen manchmal als Beispiel dafür, wie großartig man etwas verbocken konnte.

* * *

Bild: gemeinfrei, via Wikipedia

Lesestoff – Immer Ärger wegen Frizzycat 1

Heute starte ich mit einer neuen Runde Lesestoff, der phantastischen Kurzgeschichte „Immer Ärger wegen Frizzycat“, hier also Teil 1. Die Geschichte ist für eine Ausschreibung entstanden, aber die betreffende Anthologie ist noch nicht erschienen. Ich nutze trotzdem die Gelegenheit, um auf den Leseratten-Verlag und sein funtastisches Angebot hinzuweisen. (Backnang-Krimis gibt’s dort außerdem auch, also die ideale Gelegenheit zum #Bücherhamstern.)

Lesestoff - Immer Ärger wegen Frizzycat

Immer Ärger wegen Frizzycat

Ich saß in meiner Stammnische in dieser Kneipe zwischen allen Stühlen, äh, Welten, hielt mich an einem Wodkopad fest und scannte mit halber Aufmerksamkeit, was an der Bar und am Robokicker vor sich ging. So langsam hätte ich mal wieder Lust auf ein haarsträubendes Abenteuer. Dem Raumfahrergarn zuzuhören, das hier gesponnen wurde, war ganz nett, aber auf die Dauer etwas unbefriedigend.

«Weiß hier jemand, wo Vrisegad hingekommen ist? Ich dachte, in einer Kneipe wie dieser könnte ich eine Spur von ihr finden.»

«Wer ist das denn?»

«Ein Katzenwesen von Eula. Grau getigert mit einem bisschen Weiß.»

«Kenn ich nicht. Soll die hier gewesen sein?»

«Sie ist überall und nirgends. Habt ihr von der Quarantäne auf dem Ork gehört? Da war ich drin.»

Da spitzte ich doch einmal die Ohren. Die Ork-Affäre war mir ein Begriff. Die Stimme, die davon erzählte, gehörte zu einer Frau am Robokicker, in einem weiten, braugraunen Anzug, mit einem schlammfarbenen Tuch um den Kopf. Darunter ringelte sich eine kupferrote Locke hervor. Nie gesehen. Auch die Namen, die sie sonst noch nannte, sagten mir nichts.

«Keiner konnte hin, keiner kam raus. Bloß ein fetter Brocken Weltraumschrott, der hat uns zielstrebig gefunden. Und Vrisegad hat das Zeug abgelenkt. Wir wissen nicht, wie – Theorien gibt es viele. Tatsache ist, es hat funktioniert. Und danach ist dann auch bald die Quarantäne aufgehoben worden. Gibt Leute, die sagen, das war auch Vrisegad. Aber das gehört vielleicht schon zur Legende. Seitdem ist sie nämlich verschwunden, und natürlich spekulieren jetzt alle wie die Wilden: Wer war das überhaupt? Wer hat sie geschickt? Oder war alles nur Show? Deshalb frag ich überall, wo ich hinkomme, ob jemand was Genaueres über sie weiß.»

#Bücherhamstern – “Herr der sieben Königreiche”

Ich präsentiere das nächste Hamsterbuch: Herr der sieben Königreiche – Tausend Wunder … und ein Tropfen Ghulspucke von Sylvia Rieß.

#Bücherhamstern - Herr der sieben Königreiche

Wie das Umschlagmotiv andeutet, handelt es sich dabei um ein Hamsterbuch im engeren Sinn: Auslöser für alles, was sich auf den gut 200 Seiten abspielt, ist der Hamster Ambros, Parter in Crime des Gnom-Meisterdiebs Maljosh. Der kommt auf die unglückliche Idee, beim mächtigsten Schwarzmagier der sieben Königreiche und darüber hinaus einzubrechen, und Ambros kriegt den Fluch dafür ab. Er hustet sich von da an buchstäblich die Seele aus dem Leib, und zwar in kleinen Stückchen.

Maljosh beauftragt die zwergische Voodoohexe Zitara Zaylandra, diesen finsteren Fluch zu lösen. Gemeinsam – mit Ambros in Maljoshs Brusttasche – brechen sie auf in die Grotte der Tausend Wunder, um dort die sieben Zutaten der Macht zu beschaffen. Die werden für einen Heiltrank für den Hamster gebraucht.

Damit beginnt ein knalliges, mitunter auch knallbuntes Abenteuer, das keinen Rollenspiel-Klassiker auslässt. In der kleinen, gemütlichen Kneipe treffen die beiden „Helden“ einen weiteren Gefährten und es kommt zu einer zünftigen Keilerei. Anschließend geht es in den Dungeon, in dem Grimmzahns sämtliche Fallen verarbeitet sind und die Monster von Stufe zu Stufe schröcklicher werden. Entsprechend sind auch die Lösungen, die unsere Helden nach und nach auffahren.

Am Ende ist ein Problem gelöst, dafür erhebt sich ein neues, sehr viel größeres. Entsprechend ist eine ganze Reihe von Fortsetzungen angekündigt, allerdings noch nicht erschienen.

Sehr wohl zu haben ist dagegen Der Axolotlkönig von derselben Autorin, den werde ich mir wohl demnächst auch mal zulegen.

(Wenn ich noch etwas zum Meckern suche, könnte ich die einigermaßen zahlreichen Tipp- und Satzfehler sowie sprachlichen Ungenauigkeiten nennen. Aber das ist mein Privatproblem, dass mich so etwas stört. Bei all der Action kann man darüber auch einfach weglesen.)

Lesestoff – Im Keller (Ende)

Hier kommt die nächste Portion Lesestoff, das Ende der Kurzgeschichte „Im Keller“. Hier geht es zu den Teilen 1, 2, 3, 4, 5 und 6.

Lesestoff - Im Keller

Den wollte ich jetzt nicht treffen. Ich drehte mich zu den Häusern um und stand direkt vor dem Durchlass in den Hinterhof, wo dieselben Müllcontainer zu sehen waren wie gestern. Hastig winkte ich Mama, dass sie kommen sollte, und ging los.

Die grüne Holztür ließ sich widerstandslos öffnen, sieben Stufen führten nach unten.

* * *

Inga schaltete das Handy aus. Was bildete dieser Helms sich ein!

Zum Glück hatte Anna ein Versteck gefunden, wo sie ihn abhängen konnten. Sie zog die grüne Tür hinter sich zu und lief die Treppe hinunter. Aber wo war jetzt Anna?

„Anna? Warte mal! Wo bist du denn?“ Inga rannte um die nächste Ecke und hielt abrupt an.

„Willkommen, meine Schöne“, sagte der Fremde mit den faszinierenden blau-grünen Augen. „Wir haben uns lange nicht gesehen.“

E N D E

 

Bild: Clément Eustache via Wikimedia, CC BY-SA 4.0

Lesestoff – Im Keller 6

Hier kommt die nächste Portion Lesestoff, Teil 6 der Kurzgeschichte „Im Keller“. Hier geht es zu den Teilen 1, 2, 3, 4  und 5.

Lesestoff - Im Keller

Aber googeln konnte ich ja wohl, wahrscheinlich besser als der Streichholzkopf.

Bei Wikipedia fing die Chronik des Afghanistan-Einsatzes überhaupt erst im Dezember 2001 an. Da war ich ein Jahr alt gewesen.

Es wurde Zeit, meine Mutter aus dem Büro zu holen.

* * *

Mama hörte sich die ganze Geschichte schweigend an, gab nur hin und wieder einen Ton von sich, um zu zeigen, dass sie noch zuhörte. Dabei zitterten ihre Hände, dass sie kaum die Tasse heben konnte. „Und das war jetzt so wichtig, dass du mich von der Arbeit weggeholt hast?“

Wie bitte? Die Polizei suchte mich, meine Mutter hatte mich belogen, von meinem Vater weiß ich gar nichts …

„Du hast eine blühende Fantasie“, redete Mama weiter. „Wenn du zur Polizei gehen willst, musst du dir was Glaubwürdigeres überlegen. Aber da melden sich sowieso genug Wichtigtuer.“ Klirrend stellte sie die Tasse wieder ab. „Karsten Helms zum Beispiel. Wie kommt der überhaupt hierher?“

„Keine Ahnung. Und woher kennt der dich?“

„Aus Buhrkamp.“

„Hat der was damit zu tun, dass deine Eltern nichts mehr von dir wissen wollen?“

Mama zuckte die Schultern. „Weiß ich‘s? Aber wenn ich jetzt schon den halben Tag freigenommen habe – weil mein Kind krank ist, ha! – kannst du mir ja zeigen, wo angeblich diese Gasse sein soll.“

Ich kniff die Augen zusammen. Vorhin war die Gasse nicht mehr da gewesen. Ob sie die wohl sehen könnte? „Na gut. Wenn uns die Polizei ranlässt …“

Wir fuhren mit dem Bus bis zur Haltestelle Stadtpark Ost und gingen so, als ob wir nach Hause wollten. Die Polizeiabsperrung an dem schmutziggelben Haus flatterte im Wind. Ich ging auf die winzige Lücke zwischen den Häusern zu, wo die Gasse eigentlich sein müsste. Vielleicht funktionierte das wie bei Bahnsteig 9 ¾, und das Ding zeigte sich, wenn man nur entschlossen gegen die Barriere lief.

Mamas Handy klingelte, sie antwortete genervt. Ich wartete noch einen Augenblick und schaute mich um. Um eine Ecke der Stadtpark-Einzäunung bog Karsten Helms mit seinen roten Locken, Telefon am Ohr.

* * *

Bild: Clément Eustache via Wikimedia, CC BY-SA 4.0

Lesestoff – Im Keller 5

Hier kommt die nächste Portion Lesestoff, Teil 5 der Kurzgeschichte „Im Keller“. Hier geht es zu den Teilen 1, 2, 3 und 4.

Lesestoff - Im Keller

Da stand bestimmt was Blödes in der Zeitung. Etwa wieder von dem Kerl, der im Stadtpark die Frauen anmachte und den trotz aller Überwachungskameras niemand wiedererkennen wollte? Die Zeit reichte noch, das wollte ich lesen.

„38-Jähriger aus Behindertenwerkstatt verschwunden“. Darunter das Bild von dem Assi von gestern.

Ich löffelte die Cornflakes und las den Artikel. Der Kerl hatte also einen Namen, Dennis Weitz. Er war abends nicht nach Hause gekommen. Seine Eltern alarmierten die Polizei, und die stellte das komische Fahrrad sicher – an der Wand des Bürohauses, von dem ich jederzeit gewettet hätte, dass daneben die Gasse in den Hinterhof führte. Bloß war auf dem Bild keine Gasse zu sehen.

Mir wurde schwummerig. Ich holte mir eine zweite Tasse Kakao und las weiter. Die Polizei fragte im Rahmen ihrer Ermittlungen nach sachdienlichen Hinweisen aus der Bevölkerung. Wer hatte Dennis Weitz zuletzt gesehen?

* * *

Auf dem Heimweg nach der Schule schleppte ich Franzi mit. Ich wollte nicht allein gehen. Und es lohnte sich. Ungefähr an demselben schmutziggelben Haus, wo ich gestern Dennis verloren hatte, stellte sich uns ein Mann mit roten Locken in den Weg. In Zivil. Entweder gehörte er gar nicht zur Polizei – von der war sowieso nur noch das Absperrband zu sehen – oder einer aus der Chefetage.

„Bist du die Tochter von Inga Berends?“, fragte er mich direkt.

Huch? Woher kannte der denn meine Mutter?

„Was geht Sie das an?“, fauchte Franzi, ehe ich etwas sagen konnte.

„Dann kannst du der Polizei bei ihren Ermittlungen helfen, nicht wahr?“

Moment, erst wollte ich noch etwas wissen. „Wer sind Sie überhaupt?“

„Karsten Helms ist mein Name. Bestell deiner Mutter einen Gruß und frag sie mal, was dein Vater war.“

„Mein Vater …“

„Der ist tot, verdammt!“, schrie Franzi. „Wollen Sie jetzt etwa behaupten, Sie wären’s?“

„Ja, gute Ausrede“, erwiderte Helms. „Ein Unfall bestimmt …“

„In Afghanistan“, sagte ich, „bevor ich zur Welt kam.“ Das beendete die Fragerei meistens.

„Wie alt bist du denn?“ Das hörte sich an, als ob er mich für höchstens fünf halten würde. „Google ist dein Freund, und Wikipedia weiß alles. Melde dich bei der Polizei, heute noch. Du hast Dennis Weitz als Letzte lebend gesehen.“ Er drehte sich um und ging in Richtung Stadtpark davon.

„Was war das denn?“, platzte Franzi heraus, als er weit genug weg war.

„Frag mich was Leichteres.“

* * *

Bild: Clément Eustache via Wikimedia, CC BY-SA 4.0

Lesestoff – Im Keller 4

Hier kommt die nächste Portion Lesestoff, Teil 4 der Kurzgeschichte „Im Keller“. Hier geht es zu den Teilen 1, 2 und 3.

Lesestoff - Im Keller

Eine graue, gerade Straße. Er hatte sein Fahrrad wieder. Entspannt und gleichmäßig trat er in die Pedale und lenkte hin und her, nur, weil die Straße so schön breit und leer war. Von Landschaft konnte man hier kaum sprechen, alles war flach. Die Farben wirkten wie ausgewaschen. Sogar der Löwenzahn blühte bräunlich, wie auf einem alten Foto.

Wie war er hierher gekommen? Es hatte was mit einem Mädchen zu tun, dessen lange Haare bei jedem Schritt auf dem Arsch hin und herschwangen. Dem war er nachgefahren und dabei in einen Keller geraten. Da hätte er aber doch das Fahrrad nicht mitnehmen können.

Egal. Die Straße war grau und gerade, er fuhr als Einziger darauf. Immer geradeaus, nur unterbrochen von ein paar Schlangenlinien. Bis zum Horizont.

* * *

Ich konnte mich nicht entscheiden, ob ich meiner Mutter davon erzählen sollte. Aber als ich heimkam, war sie sowieso nicht da, und auf dem Küchentisch lag ein Zettel: „Wird spät heute. Im Kühlschrank stehen Nudeln und Soße. Knuddels, Mama“

Ich hatte keinen Appetit. Wollte ich mich mit Franzi und den anderen bei Mäcces treffen? Nö, dann müsste ich ihnen von dem Typen erzählen, der mich verfolgt hatte, und von dem komischen Keller. Ich setzte mich an den Rechner und zockte. Egal was, Hauptsache destruktiv. Irgendwann würde ich auch mit den Hausaufgaben anfangen.

 

Am nächsten Morgen saß Mama schon übertrieben wach am Frühstückstisch und blätterte in der Zeitung. „Guten Morgen, Anna, hast du gut geschlafen?“

Ich brummte und gab ihr einen flüchtigen Kuss. Die Begrüßung klang verdächtig, so als hätte Mama aus der Schule etwas läuten hören, was ich ihr noch gar nicht erzählen wollte. Aber auf die Schnelle fiel mir nicht ein, was das sein könnte.

„Wie war‘s gestern? Seid ihr noch mal weggegangen?“

„Nö.“ Ich schüttete Cornflakes in die Schüssel. „Kein Bock.“

Meine Mutter tat, als ob ihr meine miese Morgenlaune noch gar nicht aufgefallen wäre. „War was los? Gab‘s Ärger?“

„Hm? Nö, wieso?“

„Oder schreibt ihr heute ne Arbeit?“

„Erst nächste Woche, Mathe.“ Damit sie aufhörte zu fragen, erzählte ich eine Menge Schwachsinn, was wohl drankommen würde und wer wie viel gelernt hatte.

„Ich muss los, Schatz“, sagte Mama schließlich und drückte mich zum Abschied ganz fest. „Pass gut auf dich auf, hörst du?“

* * *

Bild: Clément Eustache via Wikimedia, CC BY-SA 4.0

Lesestoff – Im Keller 3

Hier kommt neuer Nachschub an Lesestoff, der 3. Teil meiner Kurzgeschichte „Im Keller“. Hier geht’s zum 1. Teil und hier zum 2.

Lesestoff - Im Keller

In dem Keller ging es zu wie im Verrückten Labyrinth. Jedes Mal, wenn ich um eine Ecke bog, kam mir alles völlig neu und verändert vor. Dabei war ich an dem ollen Wohnzimmerschrank mit den Prilblumen schon mindestens dreimal vorbeigekommen. Trotzdem ging ich immer dem Licht entgegen, und demnach wohl auch dem Ausgang.

Den Radler ohne Rad hatte ich dabei anscheinend verloren. Ich hörte ihn nicht mehr vor sich hin fluchen. (Vielleicht kannte er aber auch bloß den Keller wie seine Westentasche und lauerte mir an einer Stelle auf, an der ich unbedingt vorübermusste.)

Von anderen Menschen bemerkte ich überhaupt keine Lebenszeichen, keine Schritte, kein Türenklappern, keine Rufe: „Bring noch ne Flasche Wasser mit!“ Nur Abzweigungen, geschlossene Türen, alte Möbel. Ich fischte mein Handy aus dem Rucksack, um zu sehen, wie lange ich schon hier unten herumirrte. Aber es gab keinen Mucks von sich. Es ließ sich nicht einmal einschalten. Dabei hatte ich vor der Schule erst aufgeladen.

Also zog ich die Uhr aus der Hosentasche. Ja, eigentlich habe ich die nur dabei, weil die anderen auf dem Schulhof so schön blöd gucken, wenn man eine silberne Taschenuhr herausholt und aufschnappen lässt. Jetzt tickte sie friedlich vor sich hin und verriet mir, dass noch keine zehn Minuten vergangen waren, seit ich aus dem Bus ausgestiegen war. Sehr seltsam.

Egal. Als ich um die nächste Ecke bog, stand da ein Dreirad, wie mein fetter Verfolger eins fuhr. Tageslicht blitzte auf dem Gestänge. Ich warf dem Ding einen misstrauischen Blick zu, als ob es lebendig werden und mich anspringen könnte. Von dem Mann war aber nichts zu sehen. Da folgte ich weiter dem Licht.

Vor mir führten sieben Treppenstufen hinauf zu einer Tür mit Glasscheibe im oberen Drittel. Die Klinke und das Schloss sahen genauso amateurhaft aus wie an der grünen Eingangstür. Ich grinste ziemlich schwachsinnig und ging darauf zu. Sie ließ sich widerstandslos öffnen, und ich trat auf einen Bürgersteig.

Einen Augenblick brauchte ich, um mich zu orientieren. Aber dann wurde mir klar, dass ich in der Parallelstraße zur Buslinie stand. Ich musste nach links gehen, an der Ampel ebenfalls links, dann hatte ich meinen Nachhauseweg wieder.

Ich schaute mich nach dem Radfahrer um, konnte ihn aber nicht entdecken. Das änderte sich auch nicht, als ich mich unterwegs von Zeit zu Zeit umdrehte. Irgendwo in diesem durchgeknallten Keller hatte ich ihn abgeschüttelt.

 

Bild: Clément Eustache via Wikimedia, CC BY-SA 4.0

Lesestoff – Im Keller 2

Hier kommt wieder etwas Lesestoff, der 2. Teil meiner Kurzgeschichte „Im Keller“.  (Hier geht’s zum ersten.) Ich werde damit weitermachen, bis ich zum nächsten ausgelesenen Hamsterbuch etwas Sinnvolles schreiben kann.

Lesestoff - Im Keller

Mir ist letztens was Komisches passiert. Nicht zum Totlachen, sondern zum Gänsehaut kriegen. Ich bin am Stadtpark aus dem Bus gestiegen – ja, ich weiß, da sagen zur Zeit alle, das wäre so unsicher, aber da geht nun mal mein Schulweg lang – und da hat mich ein gruseliger Typ verfolgt. Ob das der war, der immer in der Zeitung steht, weiß ich nicht. Die Beschreibungen lesen sich immer so unbestimmt, und der hier wäre aufgefallen: wilder schwarzer Haarwald, kugelrunder Bauch, Radlerhosen und Warnweste, unterwegs auf einem Dreirad, auf dem er hockte wie auf einem Sessel mit Rückenlehne. Dieser Kerl ist mir also nachgefahren, hat dauernd probiert, mich anzulabern und dabei gegluckst wie Gollum. Ich habe so getan, als ob ich ihn nicht sehe, und habe mir überlegt, was ich mit ihm anfange. Er sollte ja nicht unbedingt mitkriegen, wo ich wohne.

Auf einmal hatte ich das Gefühl, ich müsste nach rechts abbiegen, und da, zwischen zwei schmutziggelben Bürohäusern, lag auch gerade eine schmale Gasse. Ich war den Weg schon tausendmal gegangen, ich hätte schwören können, dass ich die noch nie gesehen hatte. Egal, sie war ein bisschen eng, sah aber sonst ganz normal aus. Asphaltiert, die Einmündung auf die Hauptstraße abgeflacht und markiert. Mein Radler konnte mir also ohne Probleme nachkommen. Trotzdem bog ich ab, als ob meine Füße das Kommando übernommen hätten.

Die Gasse führte in einen Hinterhof. Hätte ich mir vorher denken können. Jetzt saß ich in der Falle. Ich hörte den Radler schon über die Enge fluchen.

An den Wänden standen Müllcontainer, normale Fahrräder, der eine oder andere Kinderwagen. Bei den Altpapiertonnen schien ein bisschen Platz zu sein, wo ich mich verstecken konnte. So fett bin ich ja nicht. Ich flitzte hin – und sah aus dem Augenwinkel eine grün lackierte Holztür. Die lag so geschickt zwischen zwei Containern, dass ich sie vom Durchgang zur Gasse aus gar nicht gesehen hatte.

Der Radler kam gerade auf den Hof. Zu Fuß, sein Gefährt war wohl doch zu breit. Ich schoss aus meinem jämmerlichen Versteck zu der Tür, drückte die Klinke, und sie ging brav nach außen auf. Dahinter führten sieben Stufen nach unten in einen schmalen, düsteren Gang. Ein Kellerflur eben. Irgendwoher kam Licht, also gab es vermutlich auch einen Ausgang.

Ich schmiss die Tür hinter mir zu, als ob sie sich dadurch schwerer öffnen ließe, und ging hinunter. Der Radler rief mir etwas nach, aber ich achtete nicht darauf. Der Gang knickte nach links ab, und ich folgte ihm. Da hörte ich die Tür wieder quietschen und den Dicken seine Flüche murmeln.

 

Bild: Clément Eustache via Wikimedia, CC BY-SA 4.0

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