La Ballade

Geschichten und Musik

Schlagwort: Drehleier

Heiße Sohle Anno 1786

In Kürze steht das Altstadtfest Neckargemünd an, bei dem das unvergleichliche, nie dagewesesene Ensemble Neckarklang and Friends spielen wird. Zu den „friends“ zähle auch ich, also folgen hier ein paar Worte zu einem Teil des Programms.

Frisch digitalisiert

Über eine Cantiga de Santa Maria, die wir spielen, habe ich mich schon vor ein paar Wochen ausgelassen. Jetzt geht es um etwas neueres Repertoire, nämlich Tanzmusik aus dem späten 18. Jahrhundert. Seit ihrer Digitalisierung im Jahr 2012 geistert die Sammlung Dahlhoff durch die Folk-Szene. Nicht alle 800 oder so Stücke natürlich, es kristallisieren sich mit der Zeit Schlager heraus. Wir haben es im Speziellen auf Rode See abgesehen. Die Tatsache, dass die Melodien ursprünglich wohl für Geige notiert wurden, hindert uns nicht daran, für unsere Version diverses Gebläse einzusetzen.

Heiße Sohle 1786

Heiße Sohle Anno 1786

„Dahlhoff“ ist allerdings längst nicht die einzige Sammlung dieser Art, und auch schon lange, bevor man Manuskripte digitalisieren konnte, haben sich Leute an die Transkription dieser Musik gewagt. So hat sich zum Beispiel eine Faksimile-Ausgabe des Wernigeröder Tanzbüchleins (1993, mit einem Nachwort von Ernst Kiehl) in mein Regal verirrt. Das Original ist ab 1786 entstanden.

Mit 140 Seiten ist der Umfang überschaubarer als bei Dahlhoff. Notiert wurden die Stücke ebenfalls für Violine, meist in D-Dur, manchmal auch zweistimmig. Wie sich die Bearbeitung für Dudelsack & Co. anlässt, bleibt noch abzuwarten (obwohl – hier ist schon mal ein Beispiel). Dabei handelt es sich vor allem um Menuette, Quadrillen und Anglaisen, die Modetänze der damaligen Zeit. Teilweise sind sie mit Skizzen zur Tanzanleitung versehen. Auch die könnten sich als Bastelgrundlage eignen.

Die Odenwälder mal wieder

Dagegen fällt die Odenwälder Spinnstube (Heinrich Krapp, 1904) mit „300 Volkslieder[n] aus dem Odenwald“ deutlich ab. Teilweise wird da schon der Weg zum Absingen von Seemannsliedern in völlig trockener Umgebung bereitet. Tanzmelodien sind nur wenige enthalten, die sind dafür umso simpler gestrickt. Ein Versuch, sie aus den Tiefen der Unibibliothek Heidelberg zu befreien, wurde abgebrochen. Abgefahrene Instrumente allein schaffen da auch nicht genug Pepp.

Bild: Tanzende Kinder von Lorens Pasch (1733-1805), gemeinfrei

#obm2018 – Autorenaufgabe 2: Genre

Haltet die Welt an, ich will aussteigen

Das meiste, was ich schreibe, ist Fantasy. Ja, da steckt auch Eskapismus drin, das Wegträumen in eine andere Welt. Den sehe ich allerdings genauso stark vertreten in Liebesromanen oder Thrillern, um nur mal zwei prominente Genres zu nennen.

In meinen Augen ist Phantastik mit allen dazugehörigen Spielarten eine Möglichkeit, die Welt mit etwas Abstand und aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Mal in Gedanken durchzuspielen, was wäre, wenn … Dazu gibt es bei so ziemlich jeder Weltlage Anlass genug.

Auf dieser Grundlage sind seit den Ureltern des Genres viele interessante Werke entstanden. Manche hat die Zeit überholt, andere sind aktuell wie eh und je. Wer das wissenschaftlich fundiert und mit vielen Beispielen belegt lesen möchte, besuche TOR online oder die Phantastische Bibliothek Wetzlar mit ihrem Projekt Future Life.

Fantasy Castle, Originally made by RL Fantasy Design Studio

Recherche zum Mondfahrtprogramm der Orks

Nun habe ich in Halle 3 (#obm2018halle3) behauptet, eins meiner Steckenpferde als Übersetzerin sei die Recherche. Die kann man sich beim Fantasy schreiben aber doch sparen … sagt ein beliebtes Vorurteil. Kann man in der Tat, muss man aber nicht.

Natürlich fliegt einem ein Recherchefehler in einem Roman, der in dieser unserer Welt spielt, schneller um die Ohren. Mich hat zum Beispiel ein Instrumentenbauer darauf angesprochen, dass der Held in meinem Mittelalter-Krimi noch keine Schnarre an seiner Drehleier haben kann … Dabei war ich ganz glücklich, weil mir im vorletzten Moment noch aufgefallen war, dass er eben Drehleier spielen sollte und nicht Schlüsselfiedel.

Wenn jetzt die Orks meiner aktuellen Fantasywelt zum Mond fliegen, kann ich allen, die da Fehler finden, erwidern: „Es geht um einen anderen Planeten mit einem anderen Mond. Was die NASA ihrerzeit angestellt hat, ist für mich völlig unerheblich.“ Stimmt. Es hilft mir und meinen Orks aber trotzdem beträchtlich weiter, wenn ich weiß, wie es „richtig“ geht. Welche Probleme auftreten können und wie man sie umgeht, welche man sich vorstellen konnte, die dann aber doch nicht eingetreten sind, etc.

Außerdem gab es auch in dieser unserer Welt schon Überlegungen zu Mondfahrten, bevor überhaupt jemand an die NASA gedacht hat. Auch darin stecken viele interessante Elemente, die meine Orks sich ebenso oder eben völlig anders vorstellen könnten.

Das ist für mich das Spannende an der Recherche für Fantasy: Die Quellen können aus allen Epochen, Kulturen und Sachgebieten stammen, und die Ergebnisse kann ich nicht nur sachlich analysieren, sondern kreativ, teilweise auch ziemlich wild, verarbeiten.

#obm2018, #obm2018halle1, #onlinebuchmesse

Tanzen und S(pr)ingen

Aus aktuellem Anlass gibt es mal wieder etwas Musiklastiges zu lesen, diesmal über sonderbare Instrumente.

Wie in der Terminliste angekündigt, findet am 10. Juni um 18.30 Uhr ein Konzert im Kronepark in Bensheim-Auerbach statt, mit Renaissance-Tänzen, unter anderem nach Arbeau und Negri. Es singt der Eventchor Bensheim, es tanzt der Historische Tanzkreis und es spielen acht unerschrockene MusikerInnen, meist auf Blockflöten. Dazu kommen Trommel bzw. Tamburin, Gitarre und Cello.

Historische Instrumente sind eher spärlich vertreten: Es sind Drehleier, Dudelsack und Portativ. Dabei ist „historisch“ oder auch „traditionell“ sowieso ziemlich relativ.

Aus dem 16. Jahrhundert, in dem die Tänze aufgezeichnet wurden, gibt es auch Quellen zu Musikinstrumenten und ihrer Verwendung. YouTube-Videos sind verständlicherweise spärlich, aber auch Originalinstrumente sind nur vereinzelt in Museen erhalten. Das sind dann vor allem solche, die überwiegend aus nicht biologisch abbaubarem Material bestehen. Sie gehörten in der Regel eher Leuten, die es sich leisten konnten, mal etwas aufzubewahren, was nicht mehr unmittelbar in Gebrauch war.

Die größte Gefahr für diese Instrumente war die wechselnde Mode. Oft lassen sich an Museumsstücken die Spuren späterer Umgestaltungen finden, mit denen das Instrument einer neuen Klangvorstellung angepasst werden sollte. Manchmal stellen sie sich auch als Fälschung aus dem 19. oder 20. Jahrhundert heraus, wie zum Beispiel ein Portativ im Instrumentenmuseum des Königlichen Konservatoriums in Brüssel. Es galt noch vor fünfzig Jahren als Original aus dem 17. Jahrhundert. Das wäre ohnehin recht spät gewesen, denn aus Bildern sind halbwegs glaubhafte Darstellungen der Mini-Orgeln schon gegen Ende des 15. Jahrhunderts verschwunden, die letzte urkundliche Erwähnung erfolgte in einem Inventar Heinrichs VIII.

Wie beim Cembalo und bei der Blockflöte ist die Tradition für dieses Instrument also abgerissen und wurde erst mit dem neu entstandenen Interesse an Alter Musik im 19. Jahrhundert wiederbelebt. Als Grundlage dazu diente – in Ermangelung von Originalen, die man hätte nachbauen können – der aktuelle Stand der Technik im Orgelbau. Aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist ein Portativ mit zwei Registern – davon vermutlich eins mit Zungenpfeifen – erhalten (Museum Tholey). Beschrieben wird es allerdings als Nachbau eines Memling-Modells … (Koninklijk Museum voor de Schone Kunsten, Antwerpen).

Die Entwicklung ist hier also etwas anders verlaufen als beim Cembalo oder bei der Blockflöte, bei denen die Hersteller an vorhandene Instrumente anknüpfen konnten. Von dort aus wurden Neuerungen entwickelt, die den zeitgenössischen Hörgewohnheiten entsprechen, sei es in Sachen Lautstärke, um in großen Sälen mit Orchesterinstrumenten mitzuhalten, oder in Sachen Tonumfang – noch tiefer, noch chromatischer.

Beim Portativ kamen die Bemühungen, sich an den vorhandenen Abbildungen und anderen Quellen aus dem Mittelalter zu orientieren, eher später, mit der nächsten Welle des „Early Music Revivals“ ab den 1960er Jahren. Überlegungen zu Einsatzmöglichkeiten jenseits der Mittelalter-Musik und damit die Entwicklung neuer Klangvorstellungen für das Instrument kommen gerade in Gang. Man darf gespannt sein, was in den nächsten Jahren noch entsteht.

Siehe auch: “Der Pfarrer von Plön”, oder was?

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