
Wach auf, Nurdike. Es wird Frühling, für dich und deine Kinder. Wacht auf und geht hinaus in die Welt, um weiter zu wachsen.
Nurdike war wach. Sie saß am Fenster ihrer Stube und stickte. Eine Blütenranke auf eine Borte für Nurianes neues Kleid. Sie schaute hinaus in den Garten, wo frisches Grün austrieb und pralle Knospen aufbrachen. Aber das war nichts Neues für sie, das war in diesem Teil des Gartens immer so. Sie brauchte keine unheimliche Stimme, die sie darauf hinwies.
Sie streckte dem unsichtbaren Wesen die Zunge heraus und stickte ungerührt weiter. So sah sie es zumindest selbst. Aber ihre Bewegungen wurden fahrig, sie machte Fehler und stach sich schließlich in den Finger.
Schnell steckte sie ihn in den Mund und legte die Borte beiseite, damit sie keinen Blutfleck bekam. Dann stand sie auf und ging hinaus. Sie ahnte, wem die Stimme gehörte und musste sich davon ablenken.
Draußen im Garten saß Nuriane in ihrem schaukelnden Korbsessel, eingehüllt in warme Decken, und sah den Vögeln zu, die Nester bauten. Das gehörte zu ihren Lieblingsbeschäftigungen. Nur selten spielte sie beim Brunnen mit ihrem goldenen Ball.
Nurdike betrachtete ihre Tochter eine Weile aus der Ferne. Es war ein schönes Bild, voller Ruhe, Wärme und Sicherheit. So sollte es bleiben. Sie und die Kinder waren in diesen Garten eingewickelt wie in eine Decke, nichts, was draußen in der Welt vorging, konnte sie bedrücken. Niemand würde ihnen diese Zuflucht nehmen.
Langsam ging sie weiter, ohne sich von Nuriane sehen zu lassen. Wo steckte Bernwold?
Nurdike biss sich auf die Lippen. Am liebsten wäre es ihr, wenn auch er im Garten bliebe und mit den Tieren spielte. Er sollte die Familie nicht verlassen. Seit dem Verschwinden seines Vaters musste er der Ritter sein, auf den Nurdike sich stützen konnte. Das war schwierig genug, denn es gab immer wieder Ärger mit dem Gesinde. Manchmal wurde die Hecke zu schwach, und wilde Tiere drangen ein. Dann musste jemand da sein, um sie abzuwehren.
Orks hatten sich noch nicht herangewagt. Jedenfalls hatte Nurdike bisher keine bemerkt. Was würde sie dann tun? Bernwold in den Kampf schicken? Gegen eine Horde zottiger Wilder mit barbarischen Waffen? Sie schüttelte den Kopf. Ritter oder nicht, mit ihnen würde er nicht fertig werden.
Er hatte ja nicht einmal das Kämpfen gelernt, was in seinem Alter eigentlich an der Zeit wäre. Woher auch? Sein Vater war verschollen, die anderen Männer im Garten waren Knechte. Die konnten nur prügeln. Es wäre Bernwolds Aufgabe, sie anzuführen, wenn es zum Kampf kam.
Warum dachte Nurdike gerade jetzt an Kämpfe? In all ihren Jahren im Garten hatte es keine gegeben. Sie wollte nicht darüber nachdenken, wie viele Jahre es schon waren. Es sollten einfach noch viele weitere Jahre genau so vergehen.
Aber die Stimme, die sie wecken wollte, obwohl sie nicht schlief, war eine Warnung. Jemand versuchte, die drei aus ihrem Zuhause zu vertreiben, und sie mussten sich wehren.
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