Der Märchenprinz
Es war ein Samstagabend im zeitigen Frühjahr, und ich dachte an nichts Böses. Wir waren beim Chinesen und schlugen uns ordentlich die Bäuche voll. Der Chef zahlte, denn das war die Firmen-Faschingsfeier. Für die angemessene Stimmung sollten alle im Schlafanzug kommen. Na gut. Ich brauchte mich da nicht rumzumachen. Ich wohnte allein, und es konnte mir völlig egal sein, ob auf meinem Schlafanzug Snoopy zu sehen war und die Hose mit lauter winzigen Woodstocks bedruckt war. Als Fastnachts-Outfit fand ich das kicherwürdig genug.
Klappte auch bei den meisten anderen Leuten mit langen, notfalls blau-weiß karierten Hemden und Zipfelmütze oder Spitzenhäubchen, mit pseudo-sexy Babydolls oder Seidenpyjamas. Nur Pauline hatte die Sache mal wieder zu wörtlich genommen und ein verfrommeltes Band-Sweatshirt und eine lange Herrenunterhose an. Beides sah aus, als ob es in dieser Woche schon mehrfach gebraucht worden wäre.
»Was denn? Ich dachte, wir sollen im Schlafanzug kommen«, sagte sie, als sie jemand darauf ansprach. »Das ist mein Schlafanzug, voll authentisch, direkt aus dem Bett.«
Dämlich, aber froh
Harry fuhr nach Hause. Endlich war es abends wieder hell, die Straße trocken, rechts und links nur Wiesen, freie Sicht. Da konnte er mal Gummi geben und über die Hügelkuppe schießen wie im Flug.
Dahinter waren Tiere auf der Weide, ziemlich viele, ziemlich kleine Tiere, und sie strömten auf die Straße zu.
Hühner. Nicht gerade das typische Weidevieh. Da sauste ein Grüppchen unter dem Zaun durch und kabbelte sich auf der Straße.
Harry bremste scharf, riss das Lenkrad zur Seite. Eine Hupe tönte.
Hatte es nun gekracht oder nicht?
Harry fuhr rechts ran, stieg aus und den Hügel wieder hinauf. Nein, da lag kein plattgefahrenes Federvieh auf der Straße.
Er atmete auf und merkte, wie sehr er zitterte.
Bevor er die letzten paar Kilometer in Angriff nahm, ging er lieber noch ein Stück über die Wiese. Mitten zwischen Gras und Hühnern stand eine Art Bauwagen. Vielleicht fand er dort eine Kontaktadresse, wo er sich melden konnte, falls doch etwas schiefgegangen wäre.
Er drehte langsam eine Runde um den Wagen, misstrauisch beäugt von den braun glänzenden Hennen und einer schwarz gescheckten Ziege. »Rent-a-Chicken« stand auf der Seite des Wagens, sonst nichts. Harry fotografierte trotzdem. Er atmete noch ein paarmal tief durch und machte sich auf den Rückweg. So langsam knurrte ihm doch der Magen.
Da funkelte etwas im Gras, als die Sonne darauf schien. Harry ging hin.
Ein Ei. Aber es war nicht eierschalenfarben sondern golden. Deshalb glänzte und blinkte es so. Harry schaute sich um. Wo war die versteckte Kamera?
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