Der kleine graue Vogel

Es war einmal ein kleiner grauer Vogel, der in einer großen Vogelschar auf einem Feld lebte. Die älteren Vögel seiner Schar lehrten ihn, die verschiedenen Körner und Würmer zu erkennen. »Wenn du das kannst«, sagten sie, »bist du gescheit genug, um durchs Leben zu kommen.«

Eines Tages war es soweit. Die älteren Vögel sagten: »Du hast nun lange genug gelernt. Morgen wirst du uns erzählen, was du von Körnern und Würmern weißt, und dann wirst du dein eigenes Leben führen können.«

Der kleine graue Vogel hatte Angst vor dieser Prüfung und wollte nicht mehr daran denken. Er hüpfte in den Wald. Fliegen konnte er nicht. Die älteren Vögel sagten immer, dass eigentlich jeder Vogel fliegen sollte, aber es sei schwer zu erlernen und sehr gefährlich. Nur einige wenige, die eine besondere Begabung dafür hatten, konnten es lernen.

Im Wald saß ein Vogel in einem Rosenstrauch und sang ein Lied. Es war ein großer, glänzend schwarzer Vogel, und sein Lied erzählte von Freiheit, vom Fliegen.

Der kleine Vogel hörte lange zu und dachte bei sich, wie schön der große schwarze Vogel aussehen musste, wenn er mit seinen starken Flügeln im Wind tanzte. Der kleine Vogel wollte ebenfalls singen lernen, so wie der große schwarze Vogel, und auch fliegen.

Am nächsten Tag bemerkte der kleine Vogel, dass in seinem Schwanz, zwischen all dem Grau, eine leuchtend blaue Feder steckte. Darüber freute er sich sehr. Er ging frohgemut zu den älteren Vögeln und erzählte ihnen alles, was er über Körner und Würmer wusste. Die älteren Vögel fanden, der kleine Vogel habe genug gelernt und entließen ihn in die weite Welt.

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Sein erster Gang führte den kleinen Vogel zurück zum Rosenstrauch. Dort saß noch immer der große schwarze Vogel. Aber er sang nicht mehr. Er fraß von den Blättern des Strauchs. Der kleine Vogel fragte: »Warum sitzt du immer noch hier? Warum bist du noch nicht weggeflogen?«

»Ich kann überhaupt nicht fliegen,« sagte der große schwarze Vogel, »denn ich bin an diesen Rosenstrauch gekettet.«

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Am zweiunddreißigsten Nietember

Es war einmal eine Bäckerin, die hatte drei Kinder, eine kluge älteste Tochter, einen geschickten mittleren Sohn, und das Jüngste. Alle drei arbeiteten eifrig in der Bäckerei, backten die leckersten Brote und die schönsten Torten weit und breit. Die Leute kamen von weit her, um sich gerade bei dieser Bäckerin mit Backwerk einzudecken.

Aber dann kam der Tag, an dem die Bäckerin entscheiden musste, wem von den dreien sie ihre Backstube und das Geschäft übergeben wollte. Es musste das Kind sein, das die schönsten und besten Torten kreieren konnte, denn schon die Großmutter der Bäckerin hatte immer die Torte zum Geburtstag der guten Fee geliefert. Einmal hatte es die Bäckerei im Nachbarort versucht, und es war schiefgegangen. Das durfte nicht noch einmal vorkommen.

Dieser Geburtstag sollte nun bald wieder gefeiert werden. Also holte die Bäckerin ihre drei Kinder in der Backstube zusammen und erklärte ihnen: »Ich bin nun alt genug, dass ich mich zur Ruhe setzen kann. Dann muss eins von euch die Bäckerei übernehmen. Wer das sein wird, entscheiden wir beim Geburtstag der guten Fee, die uns vor der Wolke Nimmersatt schützt. Wer von euch die schönste und beste Geburtstagstorte fertig bringt, soll die Bäckerei bekommen.«

Die Kinder legten die Stirn in Falten und überlegten.

»Ich kann …«, begann die Tochter.

»Ich kann …«, unterbrach sie der Sohn.

»Ich kann nicht …«, sagte das Jüngste.

Sie brachen ab, schauten einander an und sagten: »Wir machen das zu dritt, dann wird es gut.«

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Tanzbärbel

Es war einmal ein Mädchen namens Bärbel, das hatte zwei Schwestern. Die Älteste sang den lieben langen Tag, die Zweite kannte viele wunderbare Geschichten, die sie erzählte, und Bärbel selbst wollte nichts als tanzen. Darum nannten die Leute sie die Tanzbärbel. Wann immer man im Dorf hörte, dass auf dem Schloss ein großer Ball stattfand, sagte Bärbel: »Wartet nur ab, eines Tages bin ich auch dabei, und das wird wunderschön.«

Aber kein Bote kam vom Schloss, um sie zum Ball zu laden. Also tanzte sie bei den Festen im Dorf und wünschte sich dabei aufs Schloss.

Doch dann hatten mit einem Mal alle Feste im Königreich ein Ende. Man hörte nichts mehr von Bällen oder Turnieren im Schloss, und auf den Dörfern feierte man weder Kirchweih noch Hochzeit. Kein Spielmann kam mehr über die Berge, der ältesten Schwester der Tanzbärbel verschlug es die Stimme. Die Leute spotteten, wann denn nun der Ball stattfinden würde, zu dem Bärbel geladen wäre. Sie aber sagte: »Wartet nur ab, eines Tages bin ich auch dabei, und das wird wunderschön.«

Das Leben im Dorf wurde eintönig. Selbst die Jahreszeiten wollten einander nicht mehr recht abwechseln, wenn niemand die Sonnenwende, den Frühling oder die Ernte feierte.

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