
»Ich hab im Wald n Wolf getroffen!«
Das war die Stimme von Vanessa aus dem Flur. Sie kam wohl gerade vom Joggen nach Hause.
»Wolf«, wiederholte Onkel Hartmut in seinem Rollstuhl am Fenster.
Sanjo war schon auf dem Weg aus dem Zimmer, aber bei diesem Wort fuhr sie herum. Ihr Großonkel sagte sonst höchstens: »Ja, ja.«
»Dann setz halt nächstes Mal nicht die rote Kappe auf«, hörte sie Robin draußen lästern.
Konnten die beiden sich nicht in ihrer Wohnung unterhalten? Sanjo hatte sowieso keine Lust, ihre lautstarken Gespräche mit anzuhören, und erst recht nicht, wenn sie Onkel Hartmut von der Rolle brachten.
»Quatschkopp«, fauchte Vanessa. »Der Wolf ist mir nachgelaufen, fast bis ins Ort.«
»Wolf! Schnell!«
»Das war einer vom Schlappes seinen Huskies«, beharrte Robin noch lauter. »Was solls denn sonst gewesen sein?«
»Ein Wolf, sag ich doch.« Den Geräuschen nach war sie inzwischen mit Schuhe wechseln beschäftigt. »Steht bestimmt morgen in der Zeitung …«
»… und die Grünen jubeln«, unterbrach Robin. »Bis dann irgendwo ein Stück Vieh gerissen ist, dann war’s garantiert kein Wolf mehr, sondern ein Hund.«
»Das war ein Wolf«, betonte Vanessa noch einmal. »Kannst ja morgen mal mitlaufen.« Damit verschwanden sie endlich die Treppe hinauf.
»Der Wolf! Komm!« Onkel Hartmut wippte aufgeregt in seinem Stuhl vor und zurück und drohte fast herauszufallen.
Schnell ging Sanjo zu ihm hin und redete ihm beruhigend zu. Mit Rosinenbrot und einem Schluck Tee ließ er sich ablenken. Dann kam auf der Straße ein Nachbar vorbei und winkte herauf. Onkel Hartmut hob die Hand. Jetzt konnte man ihn wohl alleine lassen, bis der Pflegedienst kam, um ihn ins Bett zu bringen. Sanjo schaltete das Opafon ein und ging in ihre Wohnung nebenan.
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