Hier kommt die nächste Portion Lesestoff, Teil 5 der Kurzgeschichte „Im Keller“. Hier geht es zu den Teilen 1, 2, 3 und 4.

Lesestoff - Im Keller

Da stand bestimmt was Blödes in der Zeitung. Etwa wieder von dem Kerl, der im Stadtpark die Frauen anmachte und den trotz aller Überwachungskameras niemand wiedererkennen wollte? Die Zeit reichte noch, das wollte ich lesen.

„38-Jähriger aus Behindertenwerkstatt verschwunden“. Darunter das Bild von dem Assi von gestern.

Ich löffelte die Cornflakes und las den Artikel. Der Kerl hatte also einen Namen, Dennis Weitz. Er war abends nicht nach Hause gekommen. Seine Eltern alarmierten die Polizei, und die stellte das komische Fahrrad sicher – an der Wand des Bürohauses, von dem ich jederzeit gewettet hätte, dass daneben die Gasse in den Hinterhof führte. Bloß war auf dem Bild keine Gasse zu sehen.

Mir wurde schwummerig. Ich holte mir eine zweite Tasse Kakao und las weiter. Die Polizei fragte im Rahmen ihrer Ermittlungen nach sachdienlichen Hinweisen aus der Bevölkerung. Wer hatte Dennis Weitz zuletzt gesehen?

* * *

Auf dem Heimweg nach der Schule schleppte ich Franzi mit. Ich wollte nicht allein gehen. Und es lohnte sich. Ungefähr an demselben schmutziggelben Haus, wo ich gestern Dennis verloren hatte, stellte sich uns ein Mann mit roten Locken in den Weg. In Zivil. Entweder gehörte er gar nicht zur Polizei – von der war sowieso nur noch das Absperrband zu sehen – oder einer aus der Chefetage.

„Bist du die Tochter von Inga Berends?“, fragte er mich direkt.

Huch? Woher kannte der denn meine Mutter?

„Was geht Sie das an?“, fauchte Franzi, ehe ich etwas sagen konnte.

„Dann kannst du der Polizei bei ihren Ermittlungen helfen, nicht wahr?“

Moment, erst wollte ich noch etwas wissen. „Wer sind Sie überhaupt?“

„Karsten Helms ist mein Name. Bestell deiner Mutter einen Gruß und frag sie mal, was dein Vater war.“

„Mein Vater …“

„Der ist tot, verdammt!“, schrie Franzi. „Wollen Sie jetzt etwa behaupten, Sie wären’s?“

„Ja, gute Ausrede“, erwiderte Helms. „Ein Unfall bestimmt …“

„In Afghanistan“, sagte ich, „bevor ich zur Welt kam.“ Das beendete die Fragerei meistens.

„Wie alt bist du denn?“ Das hörte sich an, als ob er mich für höchstens fünf halten würde. „Google ist dein Freund, und Wikipedia weiß alles. Melde dich bei der Polizei, heute noch. Du hast Dennis Weitz als Letzte lebend gesehen.“ Er drehte sich um und ging in Richtung Stadtpark davon.

„Was war das denn?“, platzte Franzi heraus, als er weit genug weg war.

„Frag mich was Leichteres.“

* * *

Bild: Clément Eustache via Wikimedia, CC BY-SA 4.0