Hier kommt neuer Nachschub an Lesestoff, der 3. Teil meiner Kurzgeschichte „Im Keller“. Hier geht’s zum 1. Teil und hier zum 2.

Lesestoff - Im Keller

In dem Keller ging es zu wie im Verrückten Labyrinth. Jedes Mal, wenn ich um eine Ecke bog, kam mir alles völlig neu und verändert vor. Dabei war ich an dem ollen Wohnzimmerschrank mit den Prilblumen schon mindestens dreimal vorbeigekommen. Trotzdem ging ich immer dem Licht entgegen, und demnach wohl auch dem Ausgang.

Den Radler ohne Rad hatte ich dabei anscheinend verloren. Ich hörte ihn nicht mehr vor sich hin fluchen. (Vielleicht kannte er aber auch bloß den Keller wie seine Westentasche und lauerte mir an einer Stelle auf, an der ich unbedingt vorübermusste.)

Von anderen Menschen bemerkte ich überhaupt keine Lebenszeichen, keine Schritte, kein Türenklappern, keine Rufe: „Bring noch ne Flasche Wasser mit!“ Nur Abzweigungen, geschlossene Türen, alte Möbel. Ich fischte mein Handy aus dem Rucksack, um zu sehen, wie lange ich schon hier unten herumirrte. Aber es gab keinen Mucks von sich. Es ließ sich nicht einmal einschalten. Dabei hatte ich vor der Schule erst aufgeladen.

Also zog ich die Uhr aus der Hosentasche. Ja, eigentlich habe ich die nur dabei, weil die anderen auf dem Schulhof so schön blöd gucken, wenn man eine silberne Taschenuhr herausholt und aufschnappen lässt. Jetzt tickte sie friedlich vor sich hin und verriet mir, dass noch keine zehn Minuten vergangen waren, seit ich aus dem Bus ausgestiegen war. Sehr seltsam.

Egal. Als ich um die nächste Ecke bog, stand da ein Dreirad, wie mein fetter Verfolger eins fuhr. Tageslicht blitzte auf dem Gestänge. Ich warf dem Ding einen misstrauischen Blick zu, als ob es lebendig werden und mich anspringen könnte. Von dem Mann war aber nichts zu sehen. Da folgte ich weiter dem Licht.

Vor mir führten sieben Treppenstufen hinauf zu einer Tür mit Glasscheibe im oberen Drittel. Die Klinke und das Schloss sahen genauso amateurhaft aus wie an der grünen Eingangstür. Ich grinste ziemlich schwachsinnig und ging darauf zu. Sie ließ sich widerstandslos öffnen, und ich trat auf einen Bürgersteig.

Einen Augenblick brauchte ich, um mich zu orientieren. Aber dann wurde mir klar, dass ich in der Parallelstraße zur Buslinie stand. Ich musste nach links gehen, an der Ampel ebenfalls links, dann hatte ich meinen Nachhauseweg wieder.

Ich schaute mich nach dem Radfahrer um, konnte ihn aber nicht entdecken. Das änderte sich auch nicht, als ich mich unterwegs von Zeit zu Zeit umdrehte. Irgendwo in diesem durchgeknallten Keller hatte ich ihn abgeschüttelt.

 

Bild: Clément Eustache via Wikimedia, CC BY-SA 4.0