Hier kommt wieder etwas Lesestoff, der 2. Teil meiner Kurzgeschichte „Im Keller“.  (Hier geht’s zum ersten.) Ich werde damit weitermachen, bis ich zum nächsten ausgelesenen Hamsterbuch etwas Sinnvolles schreiben kann.

Lesestoff - Im Keller

Mir ist letztens was Komisches passiert. Nicht zum Totlachen, sondern zum Gänsehaut kriegen. Ich bin am Stadtpark aus dem Bus gestiegen – ja, ich weiß, da sagen zur Zeit alle, das wäre so unsicher, aber da geht nun mal mein Schulweg lang – und da hat mich ein gruseliger Typ verfolgt. Ob das der war, der immer in der Zeitung steht, weiß ich nicht. Die Beschreibungen lesen sich immer so unbestimmt, und der hier wäre aufgefallen: wilder schwarzer Haarwald, kugelrunder Bauch, Radlerhosen und Warnweste, unterwegs auf einem Dreirad, auf dem er hockte wie auf einem Sessel mit Rückenlehne. Dieser Kerl ist mir also nachgefahren, hat dauernd probiert, mich anzulabern und dabei gegluckst wie Gollum. Ich habe so getan, als ob ich ihn nicht sehe, und habe mir überlegt, was ich mit ihm anfange. Er sollte ja nicht unbedingt mitkriegen, wo ich wohne.

Auf einmal hatte ich das Gefühl, ich müsste nach rechts abbiegen, und da, zwischen zwei schmutziggelben Bürohäusern, lag auch gerade eine schmale Gasse. Ich war den Weg schon tausendmal gegangen, ich hätte schwören können, dass ich die noch nie gesehen hatte. Egal, sie war ein bisschen eng, sah aber sonst ganz normal aus. Asphaltiert, die Einmündung auf die Hauptstraße abgeflacht und markiert. Mein Radler konnte mir also ohne Probleme nachkommen. Trotzdem bog ich ab, als ob meine Füße das Kommando übernommen hätten.

Die Gasse führte in einen Hinterhof. Hätte ich mir vorher denken können. Jetzt saß ich in der Falle. Ich hörte den Radler schon über die Enge fluchen.

An den Wänden standen Müllcontainer, normale Fahrräder, der eine oder andere Kinderwagen. Bei den Altpapiertonnen schien ein bisschen Platz zu sein, wo ich mich verstecken konnte. So fett bin ich ja nicht. Ich flitzte hin – und sah aus dem Augenwinkel eine grün lackierte Holztür. Die lag so geschickt zwischen zwei Containern, dass ich sie vom Durchgang zur Gasse aus gar nicht gesehen hatte.

Der Radler kam gerade auf den Hof. Zu Fuß, sein Gefährt war wohl doch zu breit. Ich schoss aus meinem jämmerlichen Versteck zu der Tür, drückte die Klinke, und sie ging brav nach außen auf. Dahinter führten sieben Stufen nach unten in einen schmalen, düsteren Gang. Ein Kellerflur eben. Irgendwoher kam Licht, also gab es vermutlich auch einen Ausgang.

Ich schmiss die Tür hinter mir zu, als ob sie sich dadurch schwerer öffnen ließe, und ging hinunter. Der Radler rief mir etwas nach, aber ich achtete nicht darauf. Der Gang knickte nach links ab, und ich folgte ihm. Da hörte ich die Tür wieder quietschen und den Dicken seine Flüche murmeln.

 

Bild: Clément Eustache via Wikimedia, CC BY-SA 4.0