Hier kommt ein wenig Lesestoff, der 1. Teil meiner Kurzgeschichte „Im Keller“. Die Fortsetzungen folgen in unregelmäßigen Abständen. Mehr zum Lesen findet sich auch unter Geschriebenes. Ich wünsche gute Unterhaltung.

Lesestoff - Im Keller

 

Inga sah von ihrem Zimmer hinaus ins Moor, wo sich die letzten Farben des Sonnenuntergangs im Dämmergrau auflösten. Wie jeden Abend. Irgendwann würde sie den Mann wiedersehen, der ihr vor ein paar Tagen auf der Straße begegnet war. Er hatte sie angesprochen und ihr angeboten, sie nach Hause zu begleiten. Das war seltsam genug, aber er gefiel ihr. Ein bisschen fremdartig vielleicht, aber keiner der schrecklichen „Ausländer“, vor denen ihre Mutter immer solche Angst hatte. Seine Augen wirkten groß in dem schmalen, blassen Gesicht. Sie leuchteten grün. Oder blau? Oder eine verwirrende Mischung aus beidem?

Die beiden waren kaum drei Schritte gegangen, da drängte sich Karsten Helms zwischen sie. „Mit dem willst du nicht gehen, Inga.“

„Doch“, erwiderte sie und griff nach der Hand des Fremden. Sie fühlte sich kühl und glatt an.

Karsten warf sich gegen ihre Hände, sie fuhren auseinander.

„Leb wohl für heute“, sagte der Fremde, vielleicht auch nur in Ingas Kopf. „Wir sehen uns wieder.“ Das klang einladend und warm. Inga würde Ausschau nach ihm halten.

„Mit dem willst du nichts zu tun haben“, wiederholte Karsten. „Weißt du denn nicht, was das ist?“

„Ihr immer mit eurer Panikmache hier“, empörte sich Inga. „Ich bin froh, wenn das Semester wieder anfängt …“

„Ach so, du bist ja jetzt auch eine von den Studierten, die alles besser wissen.“ Er wandte sich ab. „Wer nicht hören will, muss eben fühlen.“

Inga blickte ihm kopfschüttelnd nach. Dann erst schaute sie dorthin, wo der der Fremde verschwunden war. Sie sah ihn nicht mehr. Draußen vor dem Dorf schimmerte ein Licht, und es schien ihr zu sagen, dass sie ihm folgen sollte.

Sie setzte einen Fuß in die Richtung und hielt inne. Ein Licht, das sie ins Moor leiten wollte … Karstens bissige Bemerkung über die Studierten sank ihr in den Magen. Sie würde ihm beweisen, dass sie es tatsächlich besser wusste. Oder jedenfalls mit mehr Verstand an die Sache herangehen konnte als die Bauernlümmel hier. (Was hatte Karsten noch gleich gelernt? Landmaschinenschlosser. Kein Kommentar.)

Sie würde den Fremden – das Irrlicht, sie konnte es ruhig beim Namen nennen – besitzen. Ihr fielen einige Geschichten ein von Menschen, die mit Feenwesen zusammenlebten. Meistens waren es Männer, die eine Feenfrau überlisteten. Inga würde es umgekehrt machen, und die Bauern sollten staunen.

 

Bild: Clément Eustache via Wikimedia, CC BY-SA 4.0