Es folgt die heutige Portion Lesestoff: „Die Spange“, Teil 9 der historischen Kurzgeschichte mit Kurzweil, Pfeffersack und Nachtgespenst. Hier geht es zu den Teilen 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7 und 8.

Lesestoff - Die Spange

Ihr habt vor ein paar Tagen hier gespielt?“, fragte Baldwin auf dem Weg zum Friedhof.

Es hatte keinen Sinn, das abzustreiten. Laut genug waren sie gewesen.

Der eine oder andere Präzentor hier in der Stadt würde dich mit Freuden in seinen Chor aufnehmen.“

Dafür ist es zu spät“, meinte Franz und wechselte das Thema. „Hier, aus diesem Grab ist er gekommen.“

Dann wollen wir heute Nacht hier auf ihn warten.“

* * *

An einer Stelle auf dem Gelände erschien eine schwach leuchtende Kugel. Es hätte ein Pilz sein können, der sein kränkliches Licht verbreitete. Franz musste mehrmals hinsehen, um sich zu vergewissern, dass der Schein stärker wurde. Die Kugel wuchs, zog sich in die Länge. Nach und nach nahm sie die Gestalt von Ulrich an. In ein Leichentuch gehüllt hob er die Hand, als ob er Franz segnen wollte.

Du bist gekommen. Franz.

Alle guten Geister loben Gott, den Herrn.“

Darauf kam keine Antwort. Vielleicht dauerte es länger, bis der Geist den Satz verstanden hatte. „Kann ich etwas für dich tun?“, fragte Franz weiter.

Wieder blieb es eine Weile still.

Warum ist der andere da?

Er will mir helfen.“

Gut. Dann wirst du mit ihm fertig.

Mit wem?“

Hermann.

Was soll ich tun?“

Räche mich. Franz.

Für was denn? Und wie?“ Dass der Geist seinen Namen nannte, ließ ihm kalte Schauer über den Rücken rinnen. Bekam dieses Wesen dadurch Macht über ihn?

Die Frage war offenbar zu schwierig, denn der Geist antwortete wieder einmal nicht.

Er hat mich umgebracht. Bring du ihn auch um. Franz.

Ach was.“ Hoffentlich bemerkte der Geist sein Erschrecken nicht. „Hast du es nicht selbst getan?“

Nein. Ich wollte, aber im letzten Augenblick ging es doch nicht. Da kam Hermann vorbei.

Und?“

Was und? Jetzt bin ich tot.

Ich lasse mir etwas einfallen“, versprach Franz. Das konnte er ohne weiteres versprechen. Auch wenn er sicher wusste, dass er keinen Menschen umbringen würde.

Dann geh und tu, was ich dir aufgetragen habe.

Franz ging. Er fühlte sich leer, wie ausgesaugt, ohne Kraft. Selbst wen er gewollt hätte, könnte er jetzt niemanden töten.

* * *

Fortsetzung folgt.

Bild: aus der Schedelschen Weltchronik, gemeinfrei