Es folgt die heutige Portion Lesestoff: „Die Spange“, Teil 8 der historischen Kurzgeschichte mit Kurzweil, Pfeffersack und Nachtgespenst. Hier geht es zu den Teilen 1, 2, 3, 4, 5, 6 und 7.

Lesestoff - Die Spange

Vor dem Marienaltar saß ein Mann mit dichtem schwarzem Haarkranz und leinengrauer Kutte. Der Kopf war ihm auf die Brust gesunken, hin und wieder erklang ein leises Schnarchen.

He, Lotterpfaffe, da will einer zu dir!“ Der Diakon rüttelte den anderen an der Schulter.

Was gibts?“ Der graue Pater erschien mit einem Mal hellwach und betrachtete Franz aufmerksam. „Willst du unserer lieben Frau ein Ständchen bringen?“

Gern“, sagte Franz, „aber vor allem brauche ich deine Hilfe.“

Meine?“

Wie heißt du überhaupt, Spielmann?“, unterbrach der Diakon, als ob er sich an ein Versäumnis erinnerte.

Franz nannte seinen Namen.

Baldwin“, erwiderte der Pater unwirsch. „Aus Erfurt.“

Franz verbeugte sich.

Der Diakon murmelte etwas, das nach: „Wers glaubt“, klang. „Dann könnt ihr eure Verhandlungen ja jetzt ohne mich fortsetzen“, sagte er laut.

Als Baldwin nickte, strebte er eilig einer Gruppe Frauen entgegen, die eben zur Tür hereinkam.

Von denen wird er mehr Almosen bekommen“, sagte Baldwin. „Aber was hast du auf dem Herzen, Spielmann?“

* * *

Franz erzählte die Geschichte von Ulrich, der Meistertochter Käthe und Hermann dem Krämer. Baldwin nickte, fragte an manchen Stellen nach. Dann kam der Teil mit der Spange und den wilden Träumen.

Der Pater wehrte nicht ab, sagte nichts von sündigem Lebenswandel und vergessenen Gebeten. „Hast du deinen Geist auch einmal im Wachen gesehen?“, fragte er. „Traumgesichte können uns in die Irre führen.“

Nein. Kann er überhaupt am Tag erscheinen?“

Oh ja, Geister können das. Hat er etwas zu dir gesagt?“

Er will Rache“, antwortete Franz leise. „Aber ich weiß nicht, wofür und an wem.“

Willst du sie denn ausführen?“

Franz schüttelte heftig den Kopf.

Und du sagst, er liegt hier auf dem Friedhof?“

An der Mauer.“

Ja, natürlich. Lass uns nachsehen, was wir dort finden.“ Baldwin hob seinen Pilgerstab auf und ging mit Franz hinaus, an dem Diakon und seinen Beichtkindern vorbei.

* * *

Fortsetzung folgt.

Bild: aus der Schedelschen Weltchronik, gemeinfrei