Es folgt eine neue Portion Lesestoff: „Die Spange“, Teil 6 der historischen Kurzgeschichte mit Kurzweil, Pfeffersack und Nachtgespenst. Hier geht es zu den Teilen 1, 2, 3, 4 und 5.

Lesestoff - Die Spange

Ob das Ding wirklich so viel wert ist?“, fragte Alheit, als sie wieder draußen auf der Straße standen.

Mehr!“, rief Stefan. „Er hätte ruhig das Doppelte geben können.“

Franz schüttelte den Kopf. „Sie wollte es nur wiederhaben, ohne dass jemand weitere Fragen stellt.“

Gib’s zu, du weißt etwas darüber“, erwiderte Alheit streng.

Ich …“ Franz zögerte. „Ich habe die Spange schon einmal gefunden.“ Er erzählte kurz, wann das gewesen war. „Der andere Geselle im Haus hatte sie beiseite geschafft und wollte sie Hermann unterschieben. Der Meister sollte ihn für einen Dieb halten.“

Alheit kniff die Augen zusammen. „Das ist doch eine alte Pilgergeschichte. Ist darauf wirklich noch jemand hereingefallen?“

Ich habe ihm die Sache ausgeredet. Wir haben die Spange an einem ganz gewöhnlichen Ort gefunden und zurückgegeben.“

Dann ist ja gut.“

Davon, dass der andere Geselle inzwischen tot war und angeblich umging, sagte er nichts.

Aber das hat doch nichts damit zu tun, dass das Ding zu uns zurückgekommen ist, oder?“, fragte Stefan.

Franz tat, als hätte er ihn nicht gehört. „Wir suchen uns wieder einen Platz in der Stadt“, verkündete er. „Am Spital vielleicht oder am Franziskanerkloster. Da kommen genug Leute vorbei.“

* * *

In der dritten Nacht spielte Franz nicht mehr auf dem Friedhof, sondern in den Gassen der Stadt rund um den Marktplatz. Alheit war nirgends zu sehen, er hörte nur ihre Melodie. Die Leute tanzten zur Musik, und immer mehr Totengerippe schlossen sich der Reihe an. Sie machten gewagte Sprünge, ihre Knochen klapperten, dass es in der engen Gasse hallte.

Franz wartete dieses Mal nicht so lange. „Ulrich!“, rief er der Schlange hinterher. „Du bist tot!“

Der Anführer der Tanzenden lachte hohl und bog in ein niedriges Fachwerkhaus ein.

Nicht!“, rief Franz. „Wo willst du hin? Ihr gehört auf den Friedhof!“ Seie Glieder bewegten sich ohne sein Zutun, als ob ein unsichtbarer Puppenspieler an den Fäden zöge.

Wieder lachten die Toten unheimlich. Franz glaubte sogar, sie leise singen zu hören. Er setzte sein Instrument noch einmal an und spielte weiter.

Die Reihe der Tanzenden kam wieder aus dem Haus. Wie eine Schlinge hatte sie sich um die Meisterstochter Käthe gelegt und schob sie mit zur Tür hinaus auf die Straße. Sie stolperte, als ob sie Franz zu Füßen fallen würde.

Ulrich!“, rief er noch einmal. „Du bist tot! Hör auf mit dem Unsinn!“

Das ist kein Unsinn, Spielmann. Ich will Rache! Und du sollst die ausführen!“

Du bist tot!“, wiederholte Franz.

* * *

Fortsetzung folgt.

Bild: aus der Schedelschen Weltchronik, gemeinfrei