Es folgt die heutige Portion Lesestoff: „Die Spange“, Teil 5 meiner historischen Kurzgeschichte mit Kurzweil, Pfeffersack und Nachtgespenst. Hier geht es zu den Teilen 1, 2, 3 und 4.

Lesestoff - Die Spange

Am nächsten Morgen räumte Alheit wieder die Instrumente in die Kiepe. „Was soll das?“, rief sie ärgerlich. „Das ist kein Scherz mehr!“

Was ist?“, fragte Franz. Dabei hatte er ein ungutes Gefühl im Bauch, noch bevor ihm Alheit auf der flachen Hand die Spange hinhielt, die sie am Vortag zu Meister Johann gebracht hatten.

Wie kommt die hierher?“ Sie hob die Stimme: „Stefan?“

Der Junge rappelte sich auf. „Was gibt’s?“

Sollten sie glauben, er hätte noch geschlafen?

Alheit zeigte ihm das Schmuckstück.

Die haben wir doch gestern bei diesem Täschner abgeliefert?“, sagte Stefan.

Und jetzt ist sie wieder da.“

Stefan zuckte die Schultern. „Dann hat er wohl auch nicht gewusst, wem sie gehört.“

Und dann?“

Er gab keine Antwort mehr.

Franz schluckte. „Ich weiß, wem sie gehört. Ich kann sie den Leuten selbst zurückbringen.“

Käthe?“ Alheit sah ihn fragend an.

Woher …“ Er brach ab. Er hatte selbst von ihr erzählt.

Die Alte mit dem roten Kleid?“, fragte Stefan. „Die kann sich ja wohl eine neue kaufen“, unterbrach Stefan.

Darauf ging Alheit gar nicht ein. „Du weißt, wo sie wohnt.“

Franz nickte.

Dann los.“ Sie steckte die Fibel in ihrem Ärmel fest.

* * *

Hermann und Käthe lebten in einem hohen, schmalen Haus an der Hauptstraße. Die Tür stand offen, Knechte liefen mit Ware ein und aus. Der Markt lohnte sich offenbar für ihn.

Einer Knecht, der gerade ohne Last zurückkam, sprach Franz an. „Wen suchst du hier, Spielmann?“

Deinen Herrn“, antwortete Franz.

Der andere musterte ihn von oben bis unten. „Du siehst nicht aus, als ob du von ihm kaufen könntest.“

Wir wollen ihm etwas bringen“, erwiderte Franz.

Ah so. Ich sag Bescheid, warte hier.“ Mit langen Schritten verschwand er im Haus.

Mit was handelt er überhaupt?“, fragte Stefan mürrisch.

Mit Gewürzen jedenfalls“, sagte Alheit und schnupperte. „Sie könnten sogar echt sein.“

Und dafür findet er hier Abnehmer?“

Bei so einem Fest …“ Franz beobachtete das Treiben rund um das Haus. Sollte er den Kaufmann nach Ulrich fragen?

Der Knecht trat wieder aus dem Haus. „Der Herr erwartet dich, Spielmann.“

Franz nickte Alheit und Stefan zu, die drei folgten dem Mann in einen Lagerraum, wo Hermann auf einer Kiste saß. Er trug eine einfache graue Cotte, mit der er sich gewiss nicht auf dem Markt sehen lassen würde.

Nun, Spielmann, was führt dich zu mir? Hat der Täschner deinen Lohn unterschlagen?“

Aber nein“, erwiderte Franz. „Ist deine Frau zu sprechen?“

Was willst du von ihr?“

Ich habe etwas für sie.“

Hermann zuckte zusammen. Oder schien es nur so? „Willst du ihr Geschenke machen? Das kannst du dir nicht leisten.“

Wir werden sehen.“

Immerhin schickte der Kaufmann einen Knecht los, seine Frau zu holen.

Sie war schnell zur Stelle und schüttelte leise den Kopf, als sie eintrat. Franz bemerkte es trotzdem. Was wollte sie ihrem Mann damit sagen?

Franz grüßte sie höflich. „Wir haben etwas gefunden, was dir gehört“, erklärte er dann.

So?“, erwiderte sie. „Und jetzt hoffst du auf eine reiche Belohnung?“

Er schüttelte den Kopf und legte die Fibel auf seine Handfläche.

Käthe wurde blass. „Wo?“

Sie lag im Korb mit unseren Instrumenten“, sagte Franz. „Vielleicht ist sie vorgestern beim Tanz hineingefallen.“

Ich habe dir doch gesagt, du sollst mit der Nadel aufpassen“, schimpfte ihr Mann. Seine Empörung klang nicht echt. Er fischte eine Münze aus seinem Beutel und legte sie vor Franz auf den Tisch. Der steckte sie bedächtig ein.

* * *

Fortsetzung folgt.

Bild: aus der Schedelschen Weltchronik, gemeinfrei