Es folgt die heutige Portion Lesestoff: „Die Spange“, Teil 4 meiner historischen Kurzgeschichte mit Kurzweil, Pfeffersack und Nachtgespenst. Hier geht es zu den Teilen 1, 2, und 3.

Lesestoff - Die Spange

Wo warst du?“, fragte Alheit, als er zu den anderen zurückkehrte. „Wir sollten langsam wieder anfangen.“

Ich habe jemanden getroffen.“ Viel genauer wollte er nicht werden.

Die Frau von gestern, mit dem roten Kleid?“, fragte Alheit.

Käthe?“

Kennst du sie etwa?“

Er nickte. „Ich war vor Jahren schon mal hier, habe eine Weile bei ihrem Vater gearbeitet.“

Die Frau, von der sie sprachen, ging über den Marktplatz. Auf ihrem Kleid prangte die goldfarbene Fibel, die Franz am Morgen bei Johann Täschner abgegeben hatte. Oder täuschten ihn seine Augen schon wieder?

Das muss lange her sein.“ Alheit holte ihn aus seinen Gedanken. „Was spielen wir?“

Nicht noch mal das langweilige Zeug von gestern“, meldete sich Stefan zu Wort.

Franz lachte gezwungen. „Nehmen wir was von vorgestern, wenn du dich daran noch erinnern kannst.“

* * *

In dieser Nacht träumte Franz vom Tanz auf dem Friedhof. Alheit und er spielten eine feierliche Melodie. Stefans Trommel rollte unheilverkündend. Ringsum öffneten sich die Gräber, Totengerippe stiegen heraus. Sie fassten einander an den Knochenhänden und zogen im Reigen über die Gräber. Franz spielte immer schneller, er konnte nicht anders. Die Toten sprangen umso wilder umher, bis die Gebeine klapperten.

Alheit und Stefan schienen von all dem nichts zu merken. Sie hielten ungerührt ihre Töne und den Takt, wie Franz sie vorgab. Vielleicht erlebten die beiden gerade völlig andere Träume, vielleicht von einem Fest auf der Burg.

Der Tote, der die Schlange von seinesgleichen anführte, kam ganz nah an Franz vorüber. Ein kalter Hauch wehte den Modergeruch der Leichen über die Spielleute. Franz erschauerte und blieb an einem schrecklich falschen Ton hängen, als er Ulrich erkannte.

Wie in der Nacht zuvor sagte er den Namen. Aber diesmal verschwand die unheimliche Gestalt nicht sofort. „Du bist tot“, stellte Franz fest.

Das schien den Geist zu beruhigen. Er schwenkte ab und tanzte mit seinen Gefährten zwischen den Kreuzen davon, bis alle in ihren Gräbern versunken waren. Die Musik wurde leiser, Franz konnte einschlafen.

* * *

Fortsetzung folgt.

Bild: aus der Schedelschen Weltchronik, gemeinfrei