Es folgt die heutige Portion Lesestoff: „Die Spange“, Teil 3 meiner historischen Kurzgeschichte mit Kurzweil, Pfeffersack und Nachtgespenst. Hier geht es zu den Teilen 1 und 2.

Lesestoff - Die Spange

Johann Täschner nahm die Spange erstaunt entgegen. „Ja, ich weiß, wem sie gehört. Habt ihr sie auf dem Friedhof gefunden?“

Franz öffnete den Mund, besann sich aber auf der Stelle. „Ja“, sagte er. „Da hat sie gelegen, zwischen den Gräbern.“

Der Handwerker schüttelte den Kopf. „So etwas zu verlieren und es noch nicht einmal zu merken … Aber ich bringe die Fibel wieder nach Hause. Nochmals vielen Dank, dass ihr gespielt habt.“

Damit schien die Sache erledigt. Die drei zogen mit ihren Instrumenten auf den Marktplatz und spielten dort für alle, die sie hören wollten.

Bei jedem Schritt wurde Franz der Klumpen in seinem Leib schwerer. Das Schmuckstück hatte Käthe der Meistertochter gehört. Eines Tages war es verschwunden gewesen, und sie hatten lange danach gesucht. Oder täuschte sich Franz? Wenn nicht, gehörte es wohl heute noch Käthe der Kaufmannsgattin. Warum hatte sie es ausgerechnet bei Franz verloren?

Er schüttelte sich. Der Albtraum der vergangenen Nacht machte ihm zu schaffen. Wenn er an diesem Tag den Wein mied, wenn sie auf dem Markt spielten und nicht auf dem Friedhof, würde sich das wieder legen.

Die Spielleute suchten sich einen Platz am Rand des Marktplatzes. An der Mauer der Heiliggeistkirche hofften die Höker aus der Umgebung, mit den Fremden, die zum Turnier gekommen waren, gute Geschäfte zu machen. Die Leute hörten eine Weile zu, manche tanzten oder fragten nach Stücken, die ihnen gefielen. Stefan sprang mit Begeisterung vor der Menge einher und vollführte Kunststücke mit der Trommel.

Franz ließ ihn gewähren. Er wartete, auch wenn er nicht wusste, worauf. Auf Hermann oder seine Frau? Sie mussten hier in der Nähe wohnen. Und der Krämer konnte sich die vielen Kunden kaum entgehen lassen.

* * *

Als die Spielleute eine Pause einlegten, nutzte Franz die Gelegenheit für einen Abstecher in eine Seitengasse. Er sah den Weg zur Werkstatt von Meister Eberhard vor sich, als ob ihn jemand für ihn aufgezeichnet hätte. Dabei war er so lange nicht mehr hier gewesen. Vielleicht arbeitete Ulrich noch dort, wenn nicht, mochte einer der jetzigen Gesellen wissen, wohin es ihn verschlagen hatte. Das redete Franz sich auf dem kurzen Weg ein und versuchte, das hohlwangige Gesicht aus seinem Albtraum zu verdrängen.

Er klopfte an die Tür des Fachwerkhauses. Nach einiger Zeit näherten sich schlurfende Schritte, die Tür ging auf und eine alte Frau schaute heraus. Das musste die Meisterin sein. Sie war krumm geworden, seit Franz sie zuletzt gesehen hatte. Aber sie würde seine Frage gewiss beantworten können.

Dreimal musste Franz den Namen des Gesellen rufen, bis er zu ihr durchdrang.

Ja, einen Ulrich hatten wir auch mal“, sagte die Frau wie zu sich selbst. „Aber der ist nicht mehr da. Der hat sich davongemacht, der Feigling. Hätte mir beinah die Käthe …“ Dann fiel ihr offenbar ein, wo der Knecht sich aufhielt. „Warum willst du das überhaupt wissen? Pack dich!“ Sie schlug die Tür zu.

Erschrocken trat Franz einen Schritt zurück. „Davongemacht?“ Sie konnte ihn natürlich nicht mehr hören.

Dafür kam ein Mann keuchend die Gasse herauf. „Suchst du jemanden?“

Franz wandte sich ihm zu. Nein, diesen Mann kannte er wirklich nicht, auch nicht aus einem Traum. „Gehörst du zu Meister Eberhard?“

Der andere nickte.

Er hatte einen Gesellen namens Ulrich …“

Ach, der.“ Der Mann warf einen Blick zurück, zum Fluss, wo er hergekommen war. „Keine schöne Geschichte. Kriegst du Geld von ihm?“

Franz schüttelte den Kopf. „Er ist weg, habe ich gehört.“

Jetzt deutete der Mann in die andere Richtung, zur Peterskirche hin. „Wie man’s nimmt … da oben liegt er. Und wenn man sich die Meisterin manchmal anschaut, geht er um.“

Er geht um.“ Franz folgte dem Fingerzeig des Mannes mit dem Blick. „Dann bekomme ich wirklich nichts mehr von ihm. – Vielen Dank“, brachte er noch heraus.

* * *

Fortsetzung folgt.

Bild: aus der Schedelschen Weltchronik, gemeinfrei