Es folgt eine neue Portion Lesestoff: „Die Spange“, Teil 2 der historischen Kurzgeschichte mit Kurzweil, Pfeffersack und Nachtgespenst. Hier geht es zu Teil 1.

Lesestoff - Die Spange

In der Nacht drückte Franz ein Alb. Das war noch nie vorgekommen. Vergeblich versuchte er, das Gewicht von seiner Brust zu schieben. Er rang nach Atem, drehte und wendete sich, aber die schwarze Last wollte nicht weichen.

Dafür sah er bei jeder Wendung ein Gesicht vor sich, lang und schmal, umrahmt von haselnussbraunen Locken. Der Mann sah ihn mit stechenden Augen an, als ob er auf eine Antwort wartete. Aber Franz konnte ihm keine geben. Er wusste noch nicht einmal, wie die Frage lautete.

Du bist Ulrich“, sagte er schließlich und setzte sich halb auf.

Was ihm bisher trotz aller Mühe nicht geglückt war, ergab sich nun ganz ohne Anstrengung. Der Alb rutschte von seiner Brust und verschwand im Stroh.

Franz lag trotzdem noch wach. Wo kam diese Erinnerung jetzt her? Ja, er war wieder einmal in Heidelberg, nicht weit von der Werkstatt, in der er sich damals für einen ganzen Winter verdingt hatte. Das war vor zehn Jahren gewesen, und Ulrich ein junger Geselle, der länger im Haus des Meisters bleiben wollte. Am liebsten gar als Schwiegersohn.

Franz hatte sich seinen Kummer um die Tochter des Meisters angehört – jene Käthe, die heute mit Hermann auf dem Friedhof getanzt hatte. Dann hatte Ulrich seine unbeholfene Werbung wohl doch aufgegeben.

Er schüttelte sich, um die verblassenden Bilder aus der Vergangenheit endgültig zu vertreiben und noch etwas Schlaf zu finden.

* * *

Am nächsten Morgen richtete Alheit die Kiepe mit den Instrumenten. Sie zuckte zusammen, als sie in die Tiefe des Korbes griff. „Was ist das?“, murmelte sie. „Das gehört nicht uns, oder?“

Zu viel Geld?“, fragte Stefan und reckte seine lange Gestalt in ihre Richtung. „Gib es mir.“

Sie hielt Franz die offene Hand hin. Darauf lag eine Messingspange, so groß wie ihre Handfläche, fast wie eine Blüte geformt und mit Emailtupfen verziert.

Schwer“, sagte Alheit. „Das ist keine billige.“

Wo hast du sie gefunden?“, fragte Franz.

Ganz unten in der Kiepe.“

Wie soll sie da hineingekommen sein?“ Er sah sich nicht nach Stefan um. Der Junge hatte ein unglaubliches Geschick, mit den Fingern an Sachen hängen zu bleiben, die ihm gut zupasskamen, dann aber bald von anderen vermisst wurden.

Alheit presste die Lippen aufeinander und zuckte die Schultern.

Das muss gestern Abend beim Tanz gewesen sein“, sagte Stefan. „Die waren doch alle aufgeputzt wie zur Hochzeit.“ Seinem Blick nach zu urteilen dachte er gerade an ein bestimmtes Mädchen. „Ich könnte …“

Alheit schloss schnell die Hand. „Wir bringen sie Meister Johann. Der wird wissen, welcher von seinen Gästen sie vermisst.“

Franz nickte. So war es sicher das Beste.

* * *

Fortsetzung folgt.

Bild: aus der Schedelschen Weltchronik, gemeinfrei