Es folgt die heutige Portion Lesestoff: „Die Spange“, Teil 10 (und Ende) der historischen Kurzgeschichte mit Kurzweil, Pfeffersack und Nachtgespenst. Hier geht es zu den Teilen 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8 und 9.

Lesestoff - Die Spange

Alheit erwartete die beiden aufgeregt in ihrem Quartier. „Was hast du erfahren?“, fragte sie, kaum dass Franz eingetreten war.

Er setzte sich ins Stroh und langte nach der Weinkanne. Alheit schenkte ihm ein. „Von unserem Gastgeber“, sagte sie. „Dafür sollen wir morgen Abend für seine Gäste spielen.“

Franz nickte. Am liebsten hätte er gleich mit den Plänen für diesen Auftritt angefangen.

Jetzt erzähl endlich“, murrte Stefan, der wie schlafend dalag.

Franz tat ihm den Gefallen. Am Ende des Berichts saß Stefan aufrecht und mit offenem Mund da.

Was sagst du dazu, Pater?“, wandte sich Alheit an Baldwin.

Ich kann euch sagen, was die Kirche lehrt“, erwiderte der. „Er braucht einen Fürsprecher bei Gott, bevor er die nächste arme Seele in Versuchung führen kann.“

Ob unsere Gebete ihm da helfen?“, fragte Stefan. „So fromm sind wir doch nicht.“

Doch“, entgegnete Baldwin. „Maria hilft, auch wenn Spielleute sie anrufen.“

Stefan nickte und summte das passende Lied dazu.

Alheit sah ihn zweifelnd an. „Können wir nicht …“ Sie unterbrach sich. „Nein. Wir haben keinen Beweis dafür, dass Ulrich ermordet wurde.“

Nur das Wort eines Geistes“, sagte Baldwin.

Und das gilt noch weniger als das eines Spielmanns.“ Franz setzte sich auf. „Aber er hat meinen Namen genannt, gleich ein paarmal. Das …“

Das verheißt nichts Gutes“, sagte Baldwin. „Er wird dich weiter verfolgen und plagen, bis du seinen Auftrag ausgeführt hast.“

Franz betrachtete Alheits verbundene Hand. So konnte es nicht weitergehen. „Den Geist werden wir nicht los“, sagte er nachdenklich. „Aber vielleicht dieses verfluchte Ding.“

* * *

Er wog die Messingspanne in der Hand. Sie musste an einen Ort, wo ein ruheloser Geist keine Macht über sie hatte. Wo konnte das sein?

Bis jetzt war sie jeden Morgen wieder da“, erinnerte Alheit.

Willst du sie jetzt doch verkaufen?“, fragte Stefan.

Wie oft soll ich dir noch sagen, dass das nicht geht?“, erwiderte Alheit. „Wirf sie besser in einen Abort.“

Franz schüttelte den Kopf. Vor Gestank würde der Geist gewiss nicht zurückschrecken. „Wenn der eine Franz nicht helfen kann, dann vielleicht ein anderer“, sagte er schließlich. Er beschloss, dass es draußen hell genug war. Und sollten gute Mönche nicht ohnehin einen Großteil der Nacht im Gebet verbringen?

Mühsam kam er auf die Beine, steckte die Fibel innen an seinen Ärmel. Dann nahm er die Kiepe mit den Instrumenten auf. „Vielleicht weiß der heilige Franz ja auch ein Ständchen zu schätzen?“

E N D E

Bild: aus der Schedelschen Weltchronik, gemeinfrei