Wie versprochen gibt es jetzt etwas Lesestoff aus dem Mittelalter: „Die Spange“, Teil 1 meiner historischen Kurzgeschichte mit Kurzweil, Pfeffersack und Nachtgespenst. Mehr Historisches und Phantastisches zum Lesen findet sich auf der Seite Bibliothek – Geschriebenes. Ich wünsche gute Unterhaltung.

Lesestoff - Die Spange

Die Sonne näherte sich langsam dem Hügelkamm mit der oberen Burg. Die Tore der Stadt Heidelberg würden bald schließen, und in der Nacht gehörte der Friedhof den Toten. Noch sah es nicht danach aus. In dem ummauerten Bereich zu Füßen der Sandsteinkirche feierte eine Gesellschaft junger Leute aus der Stadt. Wein und Braten gingen zur Neige, dafür tanzten sie um so ausdauernder zwischen den Gräbern einher. Ihre Musikanten, ein Mann, eine Frau und ein schlaksiger junger Bursche, ließen sich zwar etwas bitten, aber dann fanden sie doch immer noch einen Reigen, den sie spielen konnten.

Wieder einmal rief der Mann in die Runde: „Das wird unser letztes Stück für heute. Danach überlassen wir das Singen dem Nachtwächter.“

Natürlich konnte die kleine Truppe jeden Heller gebrauchen, den der frischgebackene Meister Täschner ihnen zugesagt hatte, und auch alles, was die anderen Tänzer ihnen zuwarfen. Trotzdem hatte Franz keine Lust, die Nacht hier unter den Mauern der Peterskirche zu verbringen, wo ihnen ihr Auftraggeber doch ein Quartier im Haus eines Verwandten versprochen hatte.

Ach komm, Spielmann“, entgegnete einer der älteren Mittänzer im pelzbesetzten roten Surcot, „das sagst du jetzt schon zum dritten Mal.“

Es wird höchste Zeit, es wahr zu machen“, erwiderte Franz. „Sagt nicht, dass euch niemand zu Hause erwartet.“

Wer denn?“, fragte die Frau neben seinem Gegenüber spitz.

Franz schluckte. Die Stimme kannte er, das Gesicht … er war nur sicher, dass die Frau des Sprechers bei ihrer letzten Begegnung ein ärmlicheres Gewand mit weniger Schmuck getragen hatte. Und der Mann war längst nicht so wohl genährt gewesen. Die beiden dagegen schienen ihn jedoch nicht zu erkennen. Vielleicht irrte er sich ja.

Wir bringen die Gesellschaft schon hinein“, sagte der Mann jetzt. „Dich auch, Spielmann, wenn es sein muss.“

Noch dieser Tanz“, wiederholte Franz und sah seinen Auftraggeber an, „dann pfeifen wir Meister Johann zu seinem Haus.“

Einverstanden!“, rief der. „Wir müssen nicht schon am Abend vor dem Turnier mit den Wachen aneinander geraten.“

Das Paar lachte leise. „Ihr könnt ja bei uns weiterfeiern, wenn Johann sich lumpen lässt“, sagte der Mann.

Davon war keine Rede“, widersprach der Täschner. „Drinnen in der Stadt schmeckt der Wein genauso gut wie hier draußen.“

Franz hob die Schalmei, schaute Alheit an, sie nickten einander zu und bliesen den Tanz, den sie immer zum Abschluss spielten. Stefan schlug die Trommel, geistesabwesend wie so oft, als ob er schon das Opfer für seinen nächsten Streich auswählte.

Der wohlhabende Bürger und seine Frau schlossen sich dem Tanz der jungen Leute an. Sie sprangen fast noch lebhafter als alle anderen, als wollten sie beweisen, dass sie es noch konnten. Franz zog das Tempo an. Als die ersten Tänzer mit hochrotem Kopf aus der Reihe taumelten, trat er einen Schritt vor. Alheit und er brachten die Melodie zu Ende, der Kreis kam zum Stehen.

Er hatte einige Augenblicke Zeit zum Atem holen. „Und jetzt“, verkündete er dann, „geleiten wir Meister Johann Täschner feierlich nach Hause.“

Alheit stimmte eine Prozessionsmelodie an, zu der schon fromme Pilger das Lob der Muttergottes gesungen und fahrende Scholaren den Wein gepriesen hatten. Der eifrige Bürger kannte offenbar noch eine Variante. Als sie bei der zweiten Strophe das Speyerer Tor erreichten, hörte Franz den volltönenden Tenor von hinten: „Nimm dich nur sehr in Acht, wenn du hier in der Nacht mit dem Tod dich umgibst.“

Ungebeten kamen Franz Erinnerungen in den Sinn. Der Sänger hieß Hermann, ein Krämer … und die Frau …

Die Torwächter riefen ihnen hinterher, als sie in die Gasse zum Augustinerkloster einbogen. Franz beachtete sie nicht. Mochten die Eingesessenen ihnen erklären, was zu sagen war.

In der Stadt löste sich die Gesellschaft jedoch bald auf. Kaum ein Dutzend Leute zog mit bis zum Haus des Täschners, und dort bewiesen die Nachtwächter sogleich, dass sie ihren Dienst besonders ernst nahmen, wenn sich so viele Fremde in den Mauern aufhielten.

Hermann beschwerte sich bei dem jungen Meister, weil er seine Freunde so billig abfertigen wollte. Aber dieser ließ sich nicht mehr umstimmen. Er entlohnte der die Spielleute, mit einer Kanne Wein zusätzlich zu dem vereinbarten Geld, und schickte sie mit den Verwandten, die sie aufnehmen wollten, in ihr Quartier.

In gebührendem Abstand folgte die kleine Truppe ihren Gastgebern durch die Gassen, wo trotz aller Bemühungen der Nachtwächter etliche Leute umherwankten.

Es ist doch noch gar nicht richtig dunkel“, behauptete Stefan, ähnlich wie die Zecher, die mit den Wachen rechten wollten. „Wir finden bestimmt noch jemanden, der uns hören will.“

Morgen“, sagte Alheit. „Der Tag wird lang genug.“

Sie fanden ihre Unterkunft nicht weit vom Neckar. Der Hausherr ließ ihnen in einem Schuppen im Hof ein Strohlager richten. Als erster warf sich Stefan mit einem Seufzer hinein. Seine Pläne, an diesem Abend noch für andere Leute zu spielen, waren vergessen.

* * *

Fortsetzung folgt.

Bild: Schedelsche Weltchronik, gemeinfrei