Es folgt eine neue Portion Lesestoff: „Die Klinge aus Salz und Mondschein“, Teil 9 und Ende der fantastischen Kurzgeschichte von Alice Auciello. Hier geht es zu den Teilen 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7 und 8.

Lesestoff - Die Klinge aus Salz und Mondlicht

Mit liebevollem Blick stieß Imaja ihre dunkle Schwanzflosse gegen die ihrer Tochter. „Du hast großartig gekämpft. So wie ich es von dir erwartet hatte.“

Du hast mich beobachtet!“, erkannte Silla. „Letzte Nacht, als ich bei Aláti war.“

Ich beobachte dich schon seit vielen Gezeiten. Seit du begonnen hast, dich frühmorgens nach draußen zu schleichen, um den Schwertkampf zu erlernen. Ich habe all deine Stürze gesehen, all deine Narben und ich habe dich sogar beobachtet, als du das erste Mal die steinernen Klingen als Übungsschwerter gestohlen hast.“ Sie lächelte amüsiert. „Da wusste ich, dass du so bist wie ich.“

Aber …“

Mit einer Handbewegung brachte Imaja ihre Tochter zum Schweigen. „Als ich jung war, habe ich, so wie du, alles getan, um das Kämpfen zu lernen und Aláti würdig zu sein. Die Salzklinge gehörte zu meiner Familie, seit Herjun sie an der tiefsten Stelle des Meeres aushärtete. Aláti und ich kämpften viele Gezeiten lang gemeinsam gegen die schwarzen Wesen, die in der Dunkelheit des Meeres hausen und hin und wieder hervorkommen, auf der Suche nach Beute. Doch es kam die Zeit, da wurde das Gerücht verbreitet, dass die Schwerter der Meerjungfrauen verflucht und vergiftet wären und den Meeren nur Böses brächten. Also schloss ich Aláti in seine Schatulle und euer Vater gab das Schwert als seines aus, um es vor der Zerstörung zu retten.“

* * *

Und stimmt das?“, fragte Silla und strich vorsichtig über das Muschelheft ihres geliebten Schwertes. „Ist Aláti verflucht?“

Ihre Mutter schüttelte den Kopf. „Nein. Dieses Gerücht streuten gewisse Meermänner, die gesehen hatten, wie wild die Meerjungfrauen mit ihren Schwertern kämpfen konnten, und es deswegen mit der Angst zu tun bekamen. Seitdem hat keine Meerjungfrau mehr ein Schwert geführt. Bis jetzt.“ Sillas Mutter lächelte ihr zu und sie lächelte zurück.

Und Aláti gehört jetzt mir?“

Ja, jetzt kann es dir niemand mehr wegnehmen. Ich bin so stolz auf dich!“ Wieder stupste Imaja ihre Schwanzflosse gegen Sillas. „Ich bin aber auch sehr traurig, dass du uns verlassen wirst. Das Leben in der Einsamen Garde ist hart und verlangt einige Opfer.“

Ich weiß“, sagte Silla und sie meinte es ernst. „Doch ich bin bereit, diese Opfer zu bringen. Ich möchte große Taten vollbringen und unser Reich schützen, damit meine Familie in Frieden leben kann.“

Sillas Mutter griff nach ihrer Hand.

In diesem Moment sauste eine gelb gesprenkelte Muräne herbei und wickelte sich fest um Sillas Arm. „Ich glaube, ich werde doch nicht so einsam sein auf meiner Wanderung entlang der Ränder der Meere“, sagte sie und lachte.

* * *

Zum letzten Mal blickte sie sich in ihrer Anemone um und schulterte dann ihren Beutel aus Tang. Noch immer kam es ihr wie ein Wunder vor, Alátis Muschelgriff in die Hand zu nehmen und das Gewicht des Schwertes in ihrer Hand zu spüren.

Vor dem Korallenriff hatte sich ihre Familie im Mondlicht versammelt. Als sie ihnen einen letzten Blick zuwarf, trat Ajan vor und streckte ihr die Hand entgegen. Verblüfft griff Silla danach. „Möge Neptun mit dir sein“, sagte ihr Bruder. Er lächelte nicht, doch Silla erkannte Anerkennung in seinen Augen.

Ein letztes Mal winkte sie ihrer Familie zu und als sie sich mit schnellen Flossenschlägen von ihrem Zuhause entfernte, Aláti fest in der Hand, hörte sie, wie der vollkommene Gesang ihrer Geschwister immer leiser wurde. Nun konnte sie allein dem Klang ihres Schwertes lauschen, dem leisen Summen und Schwingen der Salzklinge. Diese Melodie und Alátis Licht würden sie durch die schwärzeste Dunkelheit führen und die tiefsten Gewässer überwinden lassen. Gemeinsam waren sie stark, gemeinsam würden sie alles schaffen. Endlich fühlte Silla, dass sie dort angekommen war, wo sie sein sollte.

E N D E

Über die Autorin: Alice Auciello, geboren im Jahr 1999, wuchs in Konstanz am Bodensee auf, wo sie schon früh begann, kleine Geschichte zu schreiben und diese mit grauenhaften Zeichnungen zu verzieren. Am liebsten schrieb die damalige Leistungsschwimmerin natürlich über Meerjungfrauen und andere Wasserwesen.

Seit 2018 studiert Alice Angewandte Medien- und Kommunikationswissenschaften in Thüringen, nebenbei arbeitet sie an ihrem ersten Roman.

Bild: Montipora (CC BY 2.0) , US Fish and Wildlife Service Headquarters, via Wikipedia