Es folgt eine neue Portion Lesestoff: „Das Gold des Leprechauns“, Teil 9 der phantastischen Kurzgeschichte von Nora Meister. Es geht wieder ins Meer – und zurück an Land, bevor das Himbeereis schmilzt. Hier finden sich die Teile 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7 und 8.

Lesestoff - Das Gold des Leprechauns

Unwillkürlich entschlüpfte mir: „Naja, der Leprechaun ist auch nicht gerade das, was ich freundlich nennen würde. Ihn zu verärgern ist nicht schwer, er selbst gibt sich ja auch nicht gerade Mühe, nett zu sein.“

Diese Worte zauberten das Lächeln zurück auf des Königs Lippen. „Das habe ich schon gehört. Dennoch ist er einer der heimischen Schutzgeister, die uns Zuflucht gewährt haben. Das können wir nicht einfach so schamlos ausnutzen.“

Lautes Geschrei ertönte jenseits der Tür. Diese schmolz wieder zu einer Pfütze, der Diener erschien mit einem zappelnden Paket auf der Schulter. Er schwankte beim Gehen, seine Last schien sich mit aller Gewalt gegen ihn zu wehren. Erleichtert verbeugte er sich und ließ das Paket auf den Boden herab, wo es auf eigenen Füßen zu stehen kam.

Tatsächlich handelte es sich bei dem verschnürten Ding um ein Kind! Ein kleiner Junge mit zornesrotem Gesicht, der sich wand und fürchterlich schimpfte. „Mach mich los, du ausgetrockneter Stinkfisch! Ich befehle es dir! Du Wurm am Angelhaken des Poseidon! Ich werde dich an der Schwanzflosse aufhängen lassen!“

„Genug!“, donnerte der König.

Sogar ich erschrak.

* * *

Der Junge hörte auf zu zetern und wandte sich, so grazil es mit den Fesseln ging, zu uns um. „War das dein Befehl? Musst du mich fesseln lassen, vor all meinen Freunden? Das ist entwürdigend! Nimm mir die Fesseln ab!“, forderte der Dreikäsehoch. Der Kleine wusste ja ganz genau, was er wollte. Ich war fasziniert.

„Halt den Mund. Die Fesseln werden schon nötig gewesen sein. Du benimmst dich ja immer wie ein zorniger Igelfisch.“ Der König klatschte in die Hände, woraufhin die Fesseln zu einer Pfütze schmolzen, die sich am Boden sammelte. „Sohn, hast du dem Leprechaun von Blackwater einen Goldtopf gestohlen?“

Ich schüttelte ungläubig den Kopf. Das sollte der Prinz von Atlantis sein? Dieses zornige Kind? Faszinierend.

Der kleine Rotzlöffel fragte keck: „Und wenn es so wäre? Der grüne Knilch ist ein Fiesling! Ich kann ihn nicht leiden. Er soll an seinen Ohren gehängt werden!“ Mit verschränkten Armen stand er da und stellte Forderungen, der hatte vielleicht Nerven!

„Antworte. Hast du dich von Breitschnabel zur Blackwater Bridge bringen lassen und das Gold des Leprechauns gestohlen?“, fragte der König mit einem scharfen Unterton. „Du weißt genau, wie die Regeln lauten. Das geht nicht! Und über deine … Freundschaft zu diesem dahergelaufenen, räuberischen Pelikan werden wir auch noch ein Wörtchen reden müssen! Sich in seinem Schnabel herumfliegen lassen und anderer Leute Eigentum stehlen. Wie kannst du es nur wagen? Wo hast du das Gold versteckt? Sag es mir!“

Der Prinz ballte die Fäuste, stampfte mit dem Fuß auf und schrie mit rotem Kopf: „Vergiss es!“ Danach drehte er sich um und rannte zur Tür hinaus, die sich nur mit Mühe rechtzeitig verflüchtigen konnte.

Der König seufzte: „Kinder… eine wahre Landplage.“

* * *

Fortsetzung folgt.

Weiteren optimistischen Eskapismus gibt es hier, hier und ab hier.

Die Autorin: Nora Meister, Baujahr 1992, konnte sich in frühen Jahren nicht allzu sehr fürs Lesen begeistern. Eigene Geschichten über schulpflichtige Schnecken verfasste sie allerdings schon im Grundschulalter. Im Laufe der Zeit gewann auch das Lesen für sie an Bedeutung, sodass sie nun Herrin über ein brechend volles Bücherregal ist. Ihr verworrenes Leben mit Studium, Judo, Ehemann und viel zu vielen Tieren entwirrt sie, indem sie noch immer Geschichten schreibt: mittlerweile ohne Schnecken, dafür mit (viel zu viel) Fantasie. Auch wenn sie von fernen Inseln träumt, lebt und schreibt sie doch am liebsten im schönen Odenwald, wo denn auch sonst?

Bild: via Wikipedia, CC BY-SA 3.0