Es folgt eine neue Portion Lesestoff: „Das Gold des Leprechauns“, Teil 8 der phantastischen Kurzgeschichte von Nora Meister. Es geht wieder ins Meer – und zurück an Land, bevor das Himbeereis schmilzt. Hier finden sich die Teile 1, 2, 3, 4, 5, 6 und 7.

Lesestoff - Das Gold des Leprechauns

Schließlich machten mich die Meermenschen auf ein sehr großes, prachtvolles Gebäude aufmerksam. Dies schien unser Ziel zu sein: der Palast von Atlantis. Steinerne Wächter, jeweils mehrere Meter hoch und sehr bedrohlich anzusehen, flankierten das Portal, durch das wir schritten. Ich kam mir sehr klein, unbedeutend und definitiv fehl am Platze vor. Wir passierten mehrere Hallen und Innenhöfe mit Brunnen, die denen der Stadt ähnelten. Überall sah ich Leute, die mich neugierig musterten, eine Horde Kinder hüpfte um unsere Gruppe herum.

Zu guter Letzt standen wir vor einer riesigen Tür. Ein Mann in einfachem, doch reich verzierterm Gewand, vermutlich ein Diener, klopfte mit einem Stab daran, woraufhin sich die Tür mit leisem Seufzen und anschließendem lauten Platschen in Wasser auflöste. Sehr imposant, dieser Special-Effect!

Die Kinder blieben mit ehrfürchtigen Mienen zurück, auch meine Begleiter ließen mich alleine vortreten, während ich mich nun dem König von Atlantis nähern durfte. Mittlerweile hätte es mich nicht mehr gewundert, wenn ich nun auf Nessie treffen würde … Aber der König war ein ganz normal gebauter Herr mittleren Alters. Er sah aus wie ein Mensch, jedoch vermutete ich einen verborgenen Nixenkörper. Tatsächlich saß er am Rande eines Brunnens und hielt die Hand ins Wasser, als ich eintrat und sich die Tür mit leisen Glucksen wieder zurecht formte.

„Ah, der Besuch ist da. Ich habe schon vernommen, du bist aus einem bestimmten Grund hier, Selkie?“, sprach er mich an. Einmal mehr erläuterte ich die Geschichte von Leprechaun, Goldtopf und Pelikan. Daraufhin verfinsterte sich die Miene meines Gegenübers, er knirschte mit den Zähnen.

„Oh, ich kann mir denken, wer das war. Wir wollen hier in Frieden leben, mehr nicht! Seit die Ozeane sich aufheizen, ist es für uns in manchen Gebieten der Weltmeere zu gefährlich. Hier haben wir ein so schönes Zuhause gefunden, wollten uns anpassen und mit den heimischen Geistern gut stellen. Nur einer ist so dreist und gefährdet diesen Frieden immer wieder.“ Er rief einen Diener herbei und befahl ihm, „ihn“ zu holen.

Oha, ein mysteriöser Fremder?

* * *

Fortsetzung folgt.

Weiteren optimistischen Eskapismus gibt es hier, hier und ab hier.

Die Autorin: Nora Meister, Baujahr 1992, konnte sich in frühen Jahren nicht allzu sehr fürs Lesen begeistern. Eigene Geschichten über schulpflichtige Schnecken verfasste sie allerdings schon im Grundschulalter. Im Laufe der Zeit gewann auch das Lesen für sie an Bedeutung, sodass sie nun Herrin über ein brechend volles Bücherregal ist. Ihr verworrenes Leben mit Studium, Judo, Ehemann und viel zu vielen Tieren entwirrt sie, indem sie noch immer Geschichten schreibt: mittlerweile ohne Schnecken, dafür mit (viel zu viel) Fantasie. Auch wenn sie von fernen Inseln träumt, lebt und schreibt sie doch am liebsten im schönen Odenwald, wo denn auch sonst?

Bild: via Wikipedia, CC BY-SA 3.0