Es folgt eine neue Portion Lesestoff: „Das Gold des Leprechauns“, Teil 6 der phantastischen Kurzgeschichte von Nora Meister. Es geht wieder ins Meer – und zurück an Land, bevor das Himbeereis schmilzt. Hier finden sich die Teile 1, 2, 3, 4 und 5.

Lesestoff - Das Gold des Leprechauns

Ich pfiff ihm zu, dass ich zuerst Luft holen müsse. Natürlich konnten Meermenschen Wasser atmen und sich ganz normal unterhalten, während ich auf Luft angewiesen war. „Aufgeblasenes Pack!“, dachte ich im Stillen, wunderte mich aber gleich über diesen Ausbruch.

Daraufhin umringten die Meermenschen mich und geleiteten mich zu einem unterseeischen Berg, der unter uns lag. Dortzeigte sich tatsächlich eine Höhle, in die wir hinein schwammen. Statt einer Decke aus Fels erwartete uns tatsächlich die Wasseroberfläche! Das erschien mir zwar unmöglich, dennoch akzeptierte ich es dankbar und schöpfte Luft.

Die Höhle verfügte über ein Sims, an dem sich die Meermenschen tummelten. Ah, Luft atmen konnten sie also auch. Sie hievten sich aus dem Wasser und nahmen Platz.

Auch ich versuchte dieses Kunststück, allerdings gelang es mir nur, seitwärts auf das Sims zu rollen, wo ich auf dem Rücken liegen blieb und zappelte. So war das ja eigentlich nicht gedacht gewesen.

Meine Begleiter kicherten und halfen mir, mich zumindest auf den Bauch zu drehen. Allerdings winkten sie ab, als ich versuchte, mich aus meiner Haut zu schälen. Das sollte ich mir für den Aufenthalt in ihrer Stadt aufheben. Ichsetzte zu einer Menge Fragen an, doch meine Begleiter wollten zuerst wissen, ob ich in friedlicher Absicht zu ihnen käme.

Theoretisch hatte ich nicht vor, einen Krieg zu beginnen, also bejahte ich diese Frage. Das schien für den Augenblick zu genügen.

Nach einer kurzen Pause rollte ich zurück ins Wasser, auch die Meermenschen glitten vom Sims herab ins tiefe Wasser. Wir schwammen durch einen Gang weiter ins Innere des Berges, bis ich schon glaubte, wir müssten ihn schon längst durchquert haben. Immer wieder hielten wir an, um Luft zu schöpfen. Ich aus purem Verlangen, die Meermenschen wohl aus Mitleid mit mir.

Plötzlich erschien ein Licht vor uns, das mich fürchterlich blendete. Tatsächlich bemerkte ich gar nicht, dass wir den Tunnel verlassen hatten.

Erst, als sich meine Augen an die Helligkeit gewöhnt hatten, fiel mir auf, dass wir uns in einem riesigen Becken befanden, das über eine Kuppel voller Luft verfügte. Wir befanden uns in einer unterseeischen Stadt! Ich bemerkte, dass ein Teil der Häuser hier über Wasser gebaut waren, andere unter der Oberfläche. Das verwirrte mich nun doch sehr. Tatsächlich schwammen meine Begleiter auf den Rand des Beckens zu, setzten sich auf dessen Vorsprünge und zogen sich rückwärts aus dem Wasser. Als sie vollständig an Land waren, verwandelten sich ihre Flossen in Beine und Hosen. Das erstaunte mich ungemein, erklärte aber die Häuser oberhalb der Wasseroberfläche. Wieder hatte ich etwas Neues gelernt!

* * *

Fortsetzung folgt.

Weiteren optimistischen Eskapismus gibt es hier, hier und ab hier.

Die Autorin: Nora Meister, Baujahr 1992, konnte sich in frühen Jahren nicht allzu sehr fürs Lesen begeistern. Eigene Geschichten über schulpflichtige Schnecken verfasste sie allerdings schon im Grundschulalter. Im Laufe der Zeit gewann auch das Lesen für sie an Bedeutung, sodass sie nun Herrin über ein brechend volles Bücherregal ist. Ihr verworrenes Leben mit Studium, Judo, Ehemann und viel zu vielen Tieren entwirrt sie, indem sie noch immer Geschichten schreibt: mittlerweile ohne Schnecken, dafür mit (viel zu viel) Fantasie. Auch wenn sie von fernen Inseln träumt, lebt und schreibt sie doch am liebsten im schönen Odenwald, wo denn auch sonst?

Bild: via Wikipedia, CC BY-SA 3.0