Es folgt eine neue Portion Lesestoff: „Das Gold des Leprechauns“, Teil 13 und Schluss der phantastischen Kurzgeschichte von Nora Meister. Es geht wieder ins Meer – und zurück an Land, bevor das Himbeereis schmilzt. Hier finden sich die Teile 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10, 11 und 12.

Lesestoff - Das Gold des Leprechauns

„Setz dich doch zu uns und iss etwas“, sagte einer der Männer am Lagerfeuer, „wir helfen dir dann, deinen Schatz weiter zu tragen. Wo muss er denn hin?“

„Zur Blackwater Bridge.“

„Ah, interessant. Wusstest du, dass dort ein Leprechaun wohnen soll? Pass auf, sonst verwandelt er dein Plastik hier noch in echtes Gold! Wobei … der Kerl scheint ziemlich faul zu sein, schon seit Ewigkeiten hat ihn keiner mehr gesehen. Die Bridge ist ein tolles Versteck!“

Ha, da hatte ich ja nochmal Glück gehabt. Nicht nur, dass ich mir noch einmal kostenlos den Bauch vollschlagen durfte, nein, die Kerle waren auch noch so nett, mir den Topf abzunehmen und ihn die ganze Strecke bis zur Blackwater Bridge zu tragen!

Dort verabschiedeten sie sich, ohne irgend etwas als Gegenleistung zu erbitten. Wenn die wüssten, was sie da getragen hatten! Zu viel Ale schien sich also genau wie deutsches Bier negativ auf die geistigen Aktivitäten auszuwirken.

Als ich wieder alleine unter der Brücke stand, erschien der Leprechaun mit einem lauten Knallen vor mir. Er taumelte leicht, ich hatte also recht gehabt mit der Pub-Theorie.

„Ah, da bisse ja. Und mein´ Schatz hasse auch mitgebracht. Suppa!“, lallte er.

Na toll, der Kerl war ja tatsächlich sturzbetrunken!

„Werd erstmal nüchtern, du Saufnase. Ja, ich hab deinen Schatz zurück geholt. Bedank dich aber auch bei den Meermenschen, die haben schließlich geholfen. Und hör mit der Sauferei auf, die Menschen glauben schon, du seist nicht mehr im Geschäft“, fuhr ich ihn an.

Er salutierte. „Jawoll, Madamchen!“

Er taumelte, hob seinen Zeigefinger und betrachtete ihn eine Weile. Der Finger schien ihm zu gefallen, denn er fing an, damit Kreise in die Luft zu malen. Dabei murmelte er unverständlich vor sich hin.

Ich bekam Ohrensausen, mir wurde schwindelig.

Plötzlich machte der Kobold „Oh!“, drückte mir mein Fell in die Hand, danach vollführte er weitere merkwürdige Bewegungen mit seinem Finger.

Mir wurde immer schwummriger vor Augen, ich konnte kaum noch klar sehen.

Ein leise gerülpstes „Danke“ wehte mir entgegen, dann verschwanden Brücke und Kobold vor meinen Augen.

Ich schüttelte den Kopf.

Vor mir stand mein Mann und schaute mich entgeistert an. „Geht es dir gut? Du siehst aus, als hättest du einen Geist gesehen! Dein Eis tropft, pass auf.“

Ich schaute an mir herab. In der linken Hand hielt ich mein Eis, an meinem Arm glänzte das Armband der Meermenschen. Über dem rechten Arm hing ein graubrauner Pulli, die Farbe eines Robbenfells. Mein Mann musterte mich kritisch, ihm schien jedoch nichts aufzufallen.

„Was meinst du? Sollen wir nächste Woche noch einmal den Sasae tsurikomi ashi im Training üben oder wieder zum O Goshi zurückkehren. Unsere Erwachsenen könnten mal eine Auffrischungskur gebrauchen.“ Judo, immer noch.

Ich war wieder zu Hause.

E N D E

Weiteren optimistischen Eskapismus gibt es hier, hier und ab hier.

Die Autorin: Nora Meister, Baujahr 1992, konnte sich in frühen Jahren nicht allzu sehr fürs Lesen begeistern. Eigene Geschichten über schulpflichtige Schnecken verfasste sie allerdings schon im Grundschulalter. Im Laufe der Zeit gewann auch das Lesen für sie an Bedeutung, sodass sie nun Herrin über ein brechend volles Bücherregal ist. Ihr verworrenes Leben mit Studium, Judo, Ehemann und viel zu vielen Tieren entwirrt sie, indem sie noch immer Geschichten schreibt: mittlerweile ohne Schnecken, dafür mit (viel zu viel) Fantasie. Auch wenn sie von fernen Inseln träumt, lebt und schreibt sie doch am liebsten im schönen Odenwald, wo denn auch sonst?

Bild: via Wikipedia, CC BY-SA 3.0