Es folgt eine neue Portion Lesestoff: „Das Gold des Leprechauns“, Teil 11 der phantastischen Kurzgeschichte von Nora Meister. Es geht wieder ins Meer – und zurück an Land, bevor das Himbeereis schmilzt. Hier finden sich die Teile 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9 und 10.

Lesestoff - Das Gold des Leprechauns

Geraume Zeit später kam ein Diener herbei gelaufen. Er verkündete voller Stolz, der Schatz des Leprechauns sei wieder aufgetaucht, der Prinz jedoch sei schon wieder verschwunden. Der König nickte müde mit dem Kopf. Danach straffte er sich jedoch und traf eine Entscheidung.

„Du kannst das Gold nicht transportieren, wenn du dein Fell trägst, du brauchst deine Flossen zum Steuern. Ich werde dir eine Leibgarde mitgeben, wenn du zurück an Land möchtest. Nur den letzten Abschnitt am Fluss musst du alleine schaffen, im Süßwasser können wir nicht schwimmen. Außerdem wird der Fluss zu flach, man könnte deine Begleiter sehen. Ist das in Ordnung?“

Ich bejahte. So gut es mir auch in Atlantis gefiel, mir fehlte der Wind, die Sonne, die Erde. Und ganz langsam machte ich mir auch Sorgen um mein Zuhause… Wie lange war ich nun eigentlich schon fort? Mein Mann würde mich bestimmt auch gerne einmal wieder sehen.

Also beschloss ich, unverzüglich aufzubrechen. Der König begleitete mich höchstpersönlich zurück zu dem Becken, in dem ich angekommen war.

Dort warteten schon die Meermenschen auf uns, die mich hergebracht hatten.

Zwischen ihnen stand ein großer, gusseiserner Topf, der fast bis zum Rand mit goldenen Münzen gefüllt war. Das war also der Schatz, den ich so eifrig gesucht hatte. Ich verabschiedete mich vom König und von der Stadt Atlantis, stieg in mein Fell, das schon für mich bereit lag, und stürzte mich ins Wasser. Meine Begleiter, die gemeinsam den Schatz trugen, folgten mir.

Die Rückreise durch den Kenmare River dauerte keineswegs so lange wie die ursprüngliche Suche, denn diesmal hatte ich ortskundige Führer, die mich schnell zum Ausgangspunkt meiner Reise brachten.

An der Mündung des Flusses, der mich zurück zur Brücke und zu meinem Koboldfreund bringen würde, rollte ich mich wenig elegant ans Ufer. Es war stockdunkel, der Mond ging gerade hinter den Hügeln Irlands auf.

Die Meermenschen saßen am Ufer, ihre langen Flossen trieben in der Strömung. Zwischen ihnen stand der Topf voller Gold. Er war wirklich riesig. Und er schwankte. Plötzlich kam die Oberfläche der Goldmünzen in Bewegung, ein Kopf erschien über dem Rand des Gefäßes. Der Prinz von Atlantis!

Der Rotzlöffel hatte sich im Topf versteckt! Alle erschraken fürchterlich. Nur ich reagierte blitzschnell. An den Ohren hob ich den Kleinen aus seinem Versteck und übergab ihn den Meermenschen.

Diese packten ihn an beiden Händen, während er sich vehement sträubte, und zogen ihn laut platschend zurück ins Meer.

* * *

Fortsetzung folgt.

Weiteren optimistischen Eskapismus gibt es hier, hier und ab hier.

Die Autorin: Nora Meister, Baujahr 1992, konnte sich in frühen Jahren nicht allzu sehr fürs Lesen begeistern. Eigene Geschichten über schulpflichtige Schnecken verfasste sie allerdings schon im Grundschulalter. Im Laufe der Zeit gewann auch das Lesen für sie an Bedeutung, sodass sie nun Herrin über ein brechend volles Bücherregal ist. Ihr verworrenes Leben mit Studium, Judo, Ehemann und viel zu vielen Tieren entwirrt sie, indem sie noch immer Geschichten schreibt: mittlerweile ohne Schnecken, dafür mit (viel zu viel) Fantasie. Auch wenn sie von fernen Inseln träumt, lebt und schreibt sie doch am liebsten im schönen Odenwald, wo denn auch sonst?

Bild: via Wikipedia, CC BY-SA 3.0