Es folgt die nächste Portion Lesestoff, “Dämlich, aber froh”, Teil 9 der phantastischen Kurzgeschichte mit ausgiebiger Eiersuche. Hier geht es zu Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5, Teil 6, Teil 7 und Teil 8.

Lesestoff - Dämlich, aber froh

Endlich bekam Harry sein Ersatzhuhn und tauschte es früh am nächsten Morgen, bevor er zur Arbeit ging, gegen die Henne mit den angeschnittenen Schwanzspitzen aus. Die brachte er in den vorbereiteten Schlag im Keller. Dort leuchtete eine Tageslichtlampe genau entsprechend dem Sonnenauf- und untergang, es gab Stroh, Erde zum Scharren und frisches Unkraut. Das Huhn gackerte aufgeregt und zappelte, als Harry es bei Kraftfutter und Wasser absetzte.

* * *

Kaum stieg er nach der Arbeit aus dem Auto, kam Emel auf ihn zu. Das war günstig, denn er wollte ihr gern für die restlichen zwei Wochen Hühnerhaltung das Eier ausheben übertragen. Er hatte das nicht mehr nötig.

„Mit Sophie stimmt was nicht“, sagte sie. So hieß eine der Marans-Hennen im Flyer von Rent-a-Chicken. Ohne die Markierung am Schwanz hätte Harry sie nie von ihrer Kollegin Fleur unterscheiden können.

In der Tat herrschte Aufruhr im Hühnervolk. Eine braune Henne wollte zum Futtertrog, die anderen hackten sie weg.

„Hat vielleicht mit dem falschen Hahn geflirtet“, sagte Harry.

„Mit welchem Hahn?“ Emel sah ihn an, als zweifelte sie an seinem Verstand.

„Oder sie hat sich auf der Stange so breit gemacht, dass die anderen runtergefallen sind.“

„Da war schon vor ein paar Tagen was an ihren Schwanzfedern. Ich glaub, die anderen mobben sie. Wir müssen was unternehmen.“

„Aha.“ Warum sah dieses Kind so genau hin? Mädchen in ihrem Alter sollten Make-up-Videos anschauen, nicht huehnerhaltung.org lesen. Er wechselte das Thema. „Andere Frage: Kannst du für den Rest der Zeit das Eier ausheben übernehmen? Wir haben jetzt eine Baustelle in Neustadt, da muss ich länger fahren …“

Emel zuckte die Schultern. „Meinetwegen. Aber erst mal brauchen wir ein Stück Zaun, noch einen Futter- und einen Wassertrog.“

„Warum das denn?“

„Damit wir Sophie von den anderen trennen können.“

„Aha“, sagte Harry wieder. „Da fragst du am besten Herrn Wels. Der kann das mit der Vermietungsfirma klären …“

Gezeter aus dem Hühnergehege. Drei weiße Hennen und eine braune jagten die andere braune quer durchs Karree.

„Die sind nicht zu Hause.“ Emel machte Hundeaugen. „Können Sie die Sachen nicht holen? Der Baumarkt hat doch bestimmt noch auf.“

„Ich schau mal, was sich machen lässt.“ Als stellvertretender Mistwart und kommissarischer Eierbeauftragter war Harry für Einkäufe nicht zuständig. Über die musste Dieter entscheiden.

Emel hielt ihm einen Geldschein hin. „Reicht das? Wenn nicht, geb ich Ihnen den Rest später.“

Für einen Moment blieb Harry der Mund offen stehen. „Bestimmt“, sagte er dann. „Ich zieh mich nur noch schnell um.“

Er warf auch einen kurzen Blick in Sophies Gehege im Keller. Anscheinend saß sie in ihrem Häuschen, sie sagte ab und zu „gack“. Das klang recht zufrieden, und Harry freute sich auf den stetigen Nachschub an goldenen Eiern.

Im Raiffeisenmarkt wusste er jetzt, durch welche Türen er gehen musste, um nicht in das Reptilienhaus oder die Freiflughalle zu kommen. Der Mann, den er dort bei seinem letzten Besuch aufgeweckt hatte, erkannte ihn trotzdem wieder. „Aha“, sagte er, als er Harrys Einkäufe scannte, „die Hühnerschar wächst. Ist doch ein schönes Hobby.“

Harry lieferte das bestellte Material ab und ging endgültig nach Hause. Er hörte noch eine Weile, wie Emel ihre Geschwister beim Hühnerpferch-Umbau herumkommandierte.

* * *

Als er am nächsten Abend nach Hause kam, lag in Sophies Nest ein goldenes Ei. Sie stand stolz daneben, den Kopf schief gelegt, als ob sie fragen wollte: „Na, hab ich das nicht toll gemacht?“

„Doch“, sagte Harry und strich ihr übers Gefieder. Dann griff er nach dem Ei, und Sophie hackte nach seiner Hand. Nur ganz leicht, es blieb kaum ein Kratzer. Und sie schaute ihn wieder so fragend an.

„Nö“, sagte er. „Das find ich jetzt nicht so toll.“

Er holte das Ei trotzdem aus dem Nest und nahm es mit nach oben zur Küchenwaage. Es war ein schönes, dickes Ei. Vielleicht würde er noch ein paar Euro mehr dafür bekommen als für das vorhergehende.

In dieser Nacht war der Albtraum weniger schlimm. War es überhaupt einer? Zwar trug Harry zur Grillparty diesmal ein Hühnerkostüm, aber er konnte ungestört ein Bier trinken und sich dann zurückziehen. Er verkroch sich in eine Ecke, wo es dunkel war und warm. Immer kleiner wurde er an diesem gemütlichen Fleckchen. Seine Arme schrumpften, seine Hände zogen sich eng an den Oberkörper zurück. Seine Beine wurden kürzer und dünner. Aber irgendwie störte das alles gar nicht mehr. Er war dämlich, aber froh, und sagte „Gack.“

E N D E

Mehr Lesestoff gibt es hier. Ab morgen gibt es hier eine Leseprobe zu “Die Rooftop-Singers“.

Bild: Simon Meyer, foto-x.ch, CC BY-SA 3.0