Hier kommt die nächste Portion Lesestoff: “Dämlich, aber froh”, Teil 2 der fantastischen Kurzgeschichte mit ausgiebiger Eiersuche.

Lesestoff - Dämlich, aber froh

Maranshenne, kupferschwarz, auf Wiese

Am nächsten Tag ging Harry fröhlich zur Arbeit. Es war sein letzte Einsatztag an der aktuellen Baustelle, das das Gerüst wurde abgebaut und er konnte früher Feierabend machen. Er nutzte die Gelegenheit, sein Ei beim Juwelier prüfen zu lassen. Schließlich war nicht alles Gold, was glänzte.

Der Händler nickte sachkundig. „Ach, hat der großzügige Osterhase wieder zugeschlagen“, sagte er. „Es kommt Ihnen vielleicht unwahrscheinlich vor, aber ich möchte wetten, dass das echtes Gold ist.“

„Testen Sie es trotzdem“, erwiderte Harry. Seine ganzen schönen Pläne von gestern Abend hingen von dem Ergebnis ab. Ohne Gold kein Hühnerhof, ohne Hühnerhof kein weiteres Gold, und ohne weiteres Gold keine Frührente.

Der Test fiel positiv aus, und der Juwelier machte ein Angebot.

Harry musste an sich halten, nicht sofort ja zu sagen. Er nahm sich immerhin die Zeit, den Preis noch einmal nachzuprüfen. Nach kurzem Verhandeln stimmte er trotzdem zu.

Um seinen Fund und die zukünftigen Erfolge zu feiern, gönnte er sich eine kleine Craft-Beer-Tour. Wenn er erst Hühner hatte, konnte er nicht mehr einfach so für ein Wochenende verschwinden.

* * *

Vorerst ging er weiter zur Arbeit und hielt Ausschau nach Rent-a-Chicken. Die Firma war nicht so leicht zu finden, wie Harry gehofft hatte.

Er traf sie eher zufällig wieder, auf dem Gelände des Altenheims St. Martha. Dort sollten Harry und seine Kollegen die reichlich vergraute Fassade wieder etwas herrichten.

Auf der Grünfläche zwischen den hohen Gebäuden, wo die Senioren ungefährdet ein paar Schritte hin und her schläppeln konnten, war ein noch kleineres Stück mit elektrischem Weidezaun abgeteilt und darauf stand ein Bauwagen mit der Aufschrift Rent-a-Chicken. Etwa ein halbes Dutzend braune und weiße Hennen scharrten und pickten im Gras.

Als Harry gegen Feierabend vom Gerüst herunterkam, stand am Pferch schwankend eine alte Frau im Nachthemd. Die konnte er hier eigentlich nicht brauchen, wenn er sich mal schnell nach einem goldenen Ei umschauen wollte.

„Junger Mann“, rief sie ihm zu. „Holen Sie mir mal meine Brille da aus dem Pferch.“

„Ich hab Feierabend“, murrte er. Solche Jobs durfte man nicht mit allzu großer Begeisterung übernehmen. Trotzdem öffnete er die Einfriedung und durchkämmte das Gras nach der Brille. Schließlich entdeckte er ein dünnes Drahtgestell, in der Mitte entzweigebrochen, mit einem dicken Klecks auf dem einen Glas. Das andere hatte einen mächtigen Sprung. Er nahm sie vorsichtig in die Hand. Im Auto war doch bestimmt irgendwo Isolierband, oder? Und transparentes Abklebeband für das Glas.

Direkt neben der unglücklichen Brille lag ein goldenes Ei, schätzungsweise Größe L. Genau das, was Harry gesucht hatte. Er steckte es in die Hosentasche und brachte der Alten ihre kaputte Brille. „Ich kleb Ihnen das“, sagte er laut. Sie war ja bestimmt auch schwerhörig. „Ich muss bloß das Zeug dazu aus dem Auto holen.“

Begeistert fuhr Harry nach Hause, wog sein Ei und rechnete aus, was er dafür bekommen würde.

Großartig. Nur wollte er es diesmal auf einem anderen Weg verkaufen. Der Juwelier hatte sich letztes Mal schon so misstrauisch angehört. Egal, noch ein Ei oder so, dann könnte Harry sich länger frei nehmen und auf die Jagd nach dem richtigen Huhn gehen.

* * *

Fortsetzung folgt.

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Bild: Simon Meyer, foto-x.ch, CC BY-SA 3.0