Passend zu Ostern gibt es neuen Lesestoff: “Dämlich, aber froh”, Teil 1 meiner fantastischen Kurzgeschichte mit umfassender Eiersuche. Ich wünsche gute Unterhaltung.

Lesestoff - Dämlich, aber froh

Harry fuhr nach Hause. Endlich war es abends wieder hell, die Straße trocken, rechts und links nur Wiesen, freie Sicht. Da konnte er mal Gummi geben und über die Hügelkuppe schießen wie im Flug.

Dahinter waren Tiere auf der Weide, ziemlich viele, ziemlich kleine Tiere, und sie strömten auf die Straße zu.

Hühner. Nicht gerade das typische Weidevieh. Da sauste ein Grüppchen unter dem Zaun durch und kabbelte sich auf der Straße.

Harry bremste scharf, riss das Lenkrad zur Seite. Eine Hupe tönte.

Hatte es nun gekracht oder nicht?

Harry fuhr rechts ran, stieg aus und den Hügel wieder hinauf. Nein, da lag kein plattgefahrenes Federvieh auf der Straße.

Er atmete auf und merkte, wie sehr er zitterte.

Bevor er die letzten paar Kilometer in Angriff nahm, ging er lieber noch ein Stück über die Wiese. Mitten zwischen Gras und Hühnern stand eine Art Bauwagen. Vielleicht fand er dort eine Kontaktadresse, wo er sich melden konnte, falls doch etwas schiefgegangen wäre.

Er drehte langsam eine Runde um den Wagen, misstrauisch beäugt von den braun glänzenden Hennen und einer schwarz gescheckten Ziege. „Rent-a-Chicken“ stand auf der Seite des Wagens, sonst nichts. Harry fotografierte trotzdem. Er atmete noch ein paarmal tief durch und machte sich auf den Rückweg. So langsam knurrte ihm doch der Magen.

Da funkelte etwas im Gras, als die Sonne darauf schien. Harry ging hin.

Ein Ei. Aber es war nicht eierschalenfarben sondern golden. Deshalb glänzte und blinkte es so. Harry schaute sich um. Wo war die versteckte Kamera? Am Wagen entdeckte er nichts, was danach aussah. Er hob das Ei auf und steckte es ein. Es fühlte sich schwerer an als es sich für diese Größe gehörte. Vielleicht fing er auch an zu spinnen, aber darüber konnte er zu Hause nachdenken.

Als Harry in seinem kleinen Häuschen an einem ebenso kleinen, quadratischen Niemandsland angekommen war, fühlte er immer noch das Gewicht des goldenen Eis in seiner Hosentasche. Während das Nudelwasser heiß wurde, legte Harry das Ei auf die Küchenwaage. Es wog etwas über neunzig Gramm. Gold war eben schwerer als Eiweiß und Dotter.

Bis die Nudeln gar waren, hatte er das Ganze in Feinunzen umgerechnet und den aktuellen Goldpreis festgestellt. Vor ihm auf dem Tisch lagen mehr als zwei Monatsgehälter.

Natürlich musste er das Ei noch legal verkaufen, sonst hatte er nichts davon, aber das brauchte er wiederum nicht zu überstürzen. Diese Art von Ei wurde bestimmt nicht faul.

Mechanisch holte er sein Essen vom Herd, bevor es anbrannte, und schaufelte es in sich hinein, während er überlegte, was er mit all dem Geld anfangen könnte.

* * *

Fortsetzung folgt.

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Bild: Simon Meyer, foto-x.ch, CC BY-SA 3.0