Es folgt etwas Lesestoff am Stück: meine fantastische Kurzgeschichte »Tanzbärbel« mit gefangenem Ritter, viel Arbeit, wenig Tanz und Musik.

Lesestoff - Die Tanzbärbel 1

 

Tanzbärbel

Es war einmal ein Mädchen namens Bärbel, das hatte zwei Schwestern. Die Älteste sang den lieben langen Tag, die Zweite kannte viele wunderbare Geschichten, die sie erzählte, und Bärbel selbst wollte nichts als tanzen. Darum nannten die Leute sie die Tanzbärbel. Wann immer man im Dorf hörte, dass auf dem Schloss ein großer Ball stattfand, sagte Bärbel: »Wartet nur ab, eines Tages bin ich auch dabei, und das wird wunderschön.«

Aber kein Bote kam vom Schloss, um sie zum Ball zu laden. Also tanzte sie bei den Festen im Dorf und wünschte sich dabei aufs Schloss.

Doch dann hatten mit einem Mal alle Feste im Königreich ein Ende. Man hörte nichts mehr von Bällen oder Turnieren im Schloss, und auf den Dörfern feierte man weder Kirchweih noch Hochzeit. Kein Spielmann kam mehr über die Berge, der ältesten Schwester der Tanzbärbel verschlug es die Stimme. Die Leute spotteten, wann denn nun der Ball stattfinden würde, zu dem Bärbel geladen wäre. Sie aber sagte: »Wartet nur ab, eines Tages bin ich auch dabei, und das wird wunderschön.«

Das Leben im Dorf wurde eintönig. Selbst die Jahreszeiten wollten einander nicht mehr recht abwechseln, wenn niemand die Sonnenwende, den Frühling oder die Ernte feierte.

Da kam eines Tages eine fremde Frau ins Dorf. Man fragte sie, wer sie sei und wohin sie wolle. Da antwortete sie: »Ich bin die Wandermuhme, ich wandere durch das Königreich und kümmere mich um Dinge, die im Argen liegen. Jetzt suche ich jemanden, der für Kurzweil sorgt, solange die Spielleute uns meiden. Man hat mir gesagt, in diesem Ort soll eine gute Sängerin leben.«

Da kam Bärbels älteste Schwester und wollte singen. Aber ihre Stimme war matt, sie brachte keine Melodie heraus. »Nein«, sagte die Frau, »mit dir kann ich nichts anfangen.«

Da kam die zweite Schwester und wollte der Frau eine Geschichte erzählen. Aber sie hatte alle ihre Helden vergessen, stammelte nur ein paar Sätze. »Nein«, sagte die Frau. »mit dir kann ich nichts anfangen.«

Da kam Bärbel und wollte tanzen. Sie erinnerte sich an all die Bälle, auf denen sie nie gewesen war, und tanzte zu einer Melodie in ihrem Kopf ein Menuett. »Ja«, sagte die Frau, »mit dir kann ich etwas anfangen. Komm du mit mir.«

So zog die Tanzbärbel mit der Wandermuhme davon, um Kurzweil zu verbreiten. Aber den beiden wollte das nicht gelingen. Die Leute schauten kaum von ihrer Arbeit auf, wenn Bärbel ganz allein auf einem Anger tanzte.

»Was müssen wir tun«, fragte Bärbel, »damit wieder Spielleute zu uns kommen?«

Die Wandermuhme schaute hinauf zu den Bergen. »Wir müssen das Geheul am Pass der Winde beenden«, sagte sie. »Dort machen alle Musikanten kehrt, die unser Königreich besuchen wollen.«

»Was heult denn da? Wölfe?«

»Ich weiß es nicht«, sagte die Muhme. »Ich habe nichts gesehen, als ich dort war.«

Trotzdem zogen sie zum Pass der Winde. Schon von weitem hörten sie schrilles Geheul, das ihnen durch Mark und Bein ging.

»Siehst du«, sagte die Wandermuhme, »da ist nichts als der graue Fels. Es muss der Wind sein, der hier heult.«

Bärbel schüttelte den Kopf. Es klang eher wie die Jungen im Dorf, die den Gesang ihrer Schwester nachäfften. Sie hielt sich die Ohren zu und ging näher heran.

»Siehst du, was da heult?«, rief die Muhme von hinten.

»Ja.« Bärbel kehrte zurück. »Da sitzen drei Männlein, fast so grau wie der Fels hinter ihnen.«

»Oh«, sagte die Muhme. »Dann müssen wir die wohl wegschaffen.«

»Aber wie machen wir das?«, fragte Bärbel.

»Ich weiß nicht«, sagte die Wandermuhme. »Um Ungeheuer kümmert sich mein Bruder, der Ritter Wagemut. Aber der sitzt seit dem letzten Turnier gefangen in der Trutzfeste, bis ich sein Lösegeld aufbringe oder er sich freikämpft. Das wird eine Weile dauern, denn Turniere gibt es zurzeit ja nicht.«

»Und das Lösegeld?«

»Tausend Goldstücke verlangt der Trutzherr. So viel Geld hat niemand.«

»Nicht einmal der König?«

»Vielleicht«, sagte die Muhme. »Aber der König hat mich ausgeschickt, damit ich für Kurzweil sorge. Lass uns weiterziehen, ob wir nicht einen anderen Weg finden.«

»Wo hast du denn schon überall gesucht?«, fragte Bärbel.

Die Wandermuhme seufzte. »Überall, wo mich meine Füße hingetragen haben.«

»Warst du schon bei dem Haselbaum, der Gold und Silber über einen wirft?«, fragte Bärbel. Von dem hatte ihre Schwester immer erzählt. Man musste ihn besuchen, wenn man zum Ball im Schloss wollte, aber Bärbel hatte ihn nie gefunden.

»Ja, bei dem war ich, aber er hat mir nicht geholfen. Wir könnten noch einmal zu ihm gehen.«

Sie machten sich auf, den Kirchhof zu finden, wo der hilfreiche Haselbaum wuchs. Dabei kamen sie durch das ganze Königreich. Überall sahen sie die Leute bei der Arbeit, nie beim Feiern.

Endlich fanden sie den Baum, und Bärbel meinte, er müsste doch jetzt Nüsse tragen. Aber das tat er nicht. Er stand nur da mit seinen grünen Blättern und wartete, dass der Herbst käme.

Die Wandermuhme legte die Hand an den Stamm der Hasel und sagte den Spruch auf: »Bäumchen rüttel dich und schüttel dich, wirf Gold und Silber über mich.«

Sie wartete einen Augenblick, dann nahm sie die Hand wieder weg. Nichts geschah.

»Siehst du«, sagte sie, »so ist es mir beim letzten Mal auch ergangen.«

»Dann will ich es jetzt versuchen.« Bärbel machte es genau wie die Wandermuhme und sagte ebenfalls: »Bäumchen rüttel dich und schüttel dich, wirf Gold und Silber über mich.«

»Willst du zum Ball im Schloss?«, fragte das Bäumchen.

»Ja«, erwiderte Bärbel.

»Kannst du auch tanzen?«

»Ja.«

»Dann zeig es mir. So lange du vor mir tanzt, soll es Goldstücke auf dich regnen.«

»Vielen Dank, Bäumchen.« Bärbel machte einen Knicks, dann erinnerte sie sich wieder an all die Bälle, auf denen sie nicht gewesen war, und tanzte mit all den jungen Herren, die sie nicht getroffen hatte. In die Melodien in ihrem Kopf mischte sich bald das Klingen von Münzen, und als Bärbel sich von dem letzten jungen Herrn verabschiedete, lagen tausend Goldstücke um sie herum auf dem Boden.

Schnell sammelten die beiden das Geschenk des Bäumchens ein und machten sich auf den Weg zur Trutzfeste, um den Ritter Wagemut auszulösen.

Der Trutzherr murrte und knurrte, als sich die Wandermuhme anmelden ließ, um das Lösegeld für ihren Bruder zu zahlen. Aber er hatte versprochen, den Ritter für tausend Goldstücke freizugeben, und er hielt Wort. Nun zog Ritter Wagemut mit der Wandermuhme und der Tanzbärbel zum Pass der Winde, um die drei heulenden Männlein zu beseitigen. Dort angekommen, griff er nach seinem Schwert, aber Bärbel hielt ihn auf. »Lasst uns erst etwas Anderes versuchen«, sagte sie.

Sie ging auf die Männlein zu und rief sie an. Sie heulten einfach weiter.

Bärbel rüttelte eins an der Schulter. »Warum heult ihr denn so?«

Das Männlein brach ab und sah sie böse an. »Wir heulen nicht, wir singen.«

»Ach so«, sagte Bärbel. »Und wann hört ihr auf zu singen?«

»Wenn jemand zu unserem Gesang tanzt«, antwortete es.

»Tanzen kann ich«, sagte Bärbel. »Aber so, wie ihr singt, geht das nicht, und hier auf dem steilen, engen Weg sowieso nicht. Kommt mit hinüber auf die Wiese, dort können wir miteinander tanzen und singen.«

»Aber wenn wir den Weg freigeben, dann kommen die anderen«, sagte das Männlein.

»Und was meinst du mit: So wie wir singen, kann man nicht dazu tanzen?«, mischte sich das zweite ein. »Gehörst du etwa auch zu den anderen, die sagen, dass wir keine Musik machen können?«

»Nein«, erwiderte Bärbel, »aber wer Musik machen will, muss üben, und dem Herrn Ritter müssen wir das Tanzen erst beibringen. Das wird nicht so schnell gehen.«

»Ach so«, sagten die grauen Männlein. »Dann geben wir uns Mühe.«

Bärbel führte erst die drei Männlein auf die Wiese etwas abseits vom Pass, dann den Ritter Wagemut und die Wandermuhme. Aber jetzt konnte sie nicht einfach nach der Musik in ihrem Kopf tanzen. Die Muhme und der Ritter mussten sie auch hören, und die drei grauen Männlein mussten dazu singen. So schön wie auf dem Ball im Schloss würde es nicht werden. Da fiel ihr das Lied von den sieben Sprüngen ein, das ihre Schwester immer gesungen hatte, bevor ihr die Stimme versagte. Das sang sie den Männlein vor, und sie zeigte der Muhme und dem Ritter, wie sie im Dorf dazu getanzt hatten.

Die Männlein heulten bald im Takt und nach ein paar Strophen trafen sie auch die Töne. Sie machten sich darüber lustig, wie steif sich die Menschen immer wieder vom Boden aufrappelten. Beim dritten Durchlauf fanden sie das passende Tempo, und als die Muhme nach: »‘s ist sieben!«, wieder auf die Beine kam, wagte sich der erste Spielmann mit Flöte und Trommel über den Pass und spielte das Ende des Stückes mit.

Dann begann er einen neuen Tanz, den die Muhme und der Ritter mit Bärbel lernen mussten. Wieder freuten sich die Männlein über ihre ungelenken Bewegungen, und sie heulten mit, wie der Musikant spielte. Da kamen noch mehr Spielleute über die Berge, mit Harfen und Fideln und Schalmeien, und die ganze Gesellschaft zog mit Musik durch das Königreich. Die Leute in den Dörfern ließen ihre Arbeit liegen und kamen zum Feiern zusammen. Im Schloss fand ein großer Ball statt, Bärbel war dabei, und es war wunderschön.

E N D E

Bild: Wilhelm Gause, Hofball in Wien, gemeinfrei