Es gibt wieder etwas Lesestoff am Stück: „Die Herrin der Insel“,  meine fantastische Kurzgeschichte mit schwankendem Boden, fliegendem Teppich und faulem Zauber.

Lesestoff - Die Herrin der Insel 1

Konzentriert führte Warbede die ausgebreiteten Arme vor der Brust zusammen und zog sie an, bis die Fingerspitzen ihre Nase berührten. Die Grotte um sie herum taumelte wie ein Kreisel, der an Schwung verliert. Warbede hielt sich mit Mühe auf den Beinen und intonierte den Schlussgesang.

Aber es war wieder nicht gelungen. Diesmal war das Ergebnis sogar noch schlechter als beim letzten Mal. Ihre Insel verlor den Halt und würde in dieser Nacht wohl endgültig entzweibrechen.

Wenn nicht jemand zu Hilfe kam. Jemand, der zaubern konnte. Ihr Nachbar Dariat zum Beispiel.

Warbede verließ die Grotte und ging zum Strand. Der Boden hob und senkte sich unberechenbar, manchmal langsam, gleitend, dann ungestüm wie ein bockendes Pferd. Das Holz, das sie für ein Leuchtfeuer zusammengetragen hatte, war zum großen Teil davongerollt. Warbede schlug Feuer und entzündete das, was übrig war. Dann sammelte sie die verstreuten Äste ein.

Nach einer unendlich erscheinenden Stunde legte Dariats Boot an Warbedes Insel an.

Ist es wieder mal so weit?“, fragte er, als er an Land watete. Er trug nur eine Hose aus grobem Stoff in einer unbestimmbaren Farbe, die eine Handbreit über dem Knie endete. Ebenso unbestimmt war die Farbe des Haarwaldes, in dem gerade noch Mund, Nase und Augen zu entdecken waren. Ohne weitere Worte gingen Warbede und Dariat zur Grotte, nahmen neben dem Häufchen Sand in seiner Tonschale Aufstellung, das immer schneller davonrieselte, und begannen den Introitus. Warbede folgte Dariats Bewegungen genau und wiederholte seine Worte, auch wenn sie nicht alles verstand.

Der Sand zu ihren Füßen rutschte zu einem sauberen Kegel zusammen, der Boden stabilisierte sich.

Danke“, sagte Warbede. „Wenn ich nur wüsste, wie …“

Hast du vielleicht etwas zu essen für einen müden Zauberer?“, unterbrach Dariat sie grinsend.

Natürlich.“ Während der Nachbar zum Leuchtfeuer am Strand zurückkehrte, holte Warbede Fladenbrot und Gibada, ihrer Meinung nach noch immer die beste Frucht, welche die Inseln zu bieten hatten.

Dariat langte tüchtig zu. Nach zwei Fladenbroten und einem halben Dutzend der sonnengelben Früchte fragte er: „Warum lernst du eigentlich nicht zaubern?“

* * *

Wie oft hatte sich Warbede das auch schon gefragt. Zuletzt, als Erebo der Adept gegangen war und sie allein auf der Insel zurückgelassen hatte. Aber dann sah sie wieder die scharfe Nase unter dem lila Schleier vor sich und hörte die eintönige Stimme vom allzeit Seienden und allerorts Anwesenden dozieren.

Kennst du die Schwestern vom Yelesser-Orden?“, fragte sie.

Dariat lachte. „Ja, die haben schon viele in die Flucht geschlagen. Aber es geht auch anders.“ Er wedelte mit einer Scheibe Gibada. „Ich bin zum Beispiel nach K’salm gepilgert.“

Warbede schauderte unwillkürlich. „Nach K’salm pilgern jene, welche die Zauberei ausüben wollen, um sich weltliche Genüsse zu verschaffen.“ Sie hatte das Gefühl, mit Schwester Dolas Stimme zu sprechen. „Wer die wahrhafte Erleuchtung sucht, geht nach Oseyo. Wer den Menschen dienen will, geht nach Eres. Wer kein Geld hat, geht nach Camputal.“ Sie wurde immer leiser.

Lass mich raten: Du warst auf dem Weg nach Camputal, als du ausgestiegen bist?“

Warbede nickte.

Aber jetzt hast du Geld“, fuhr Dariat fort. „Du kannst dir Oseyo leisten, mit deinem eigenen Reisemarschall, wenn du willst.“

Ich bin nicht sicher, ob ich die wahrhafte Erleuchtung suche.“ Warbede stocherte nachdenklich in der Glut.

Dann pilgere woanders hin. Egal, was die lila Schwestern dir erzählt haben, es gibt dreizehn heilige Orte.“

Warbede sagte nichts. Dann fragte sie: „Wie läuft deine Ernte?“, um dem Gespräch eine neue Richtung zu geben.

Dariat grinste. „Schon verstanden. Aber es läuft gut. Ich komme mit dem Trocknen kaum nach. Und bei dir?“

Mein Meerpfeffer wird dieses Jahr noch süßer. Hoffentlich will ihn noch jemand kaufen.“

Dariat schnaubte. „Keine Frage. Die Liltener werden dir die Füße küssen.“

An diese Händler hatte Warbede auch schon gedacht. „Wenn ich sie nur rechtzeitig treffe.“

Vor Emyal, meinst du? Das ist nicht schwer, der setzt sich immer erst in Bewegung, wenn der Handelstag schon fast zu Ende ist.“

Dariat verabschiedete sich. „Sag Bescheid, wenn du auf Pilgerfahrt gehst, ich passe so lange auf deine Insel auf.“

Warbede versprach es ihm, auch wenn sie noch nicht daran glaubte.

* * *

Doch der Handelstag kam. Sie lud die Körbe mit goldgelb getrocknetem Meerpfeffer in ihr Boot und ruderte zur Hauptinsel. Auch das würde mit Zauberei leichter gehen. Dann könnte sie die arkanen Strömungen unter den Inseln nutzen.

Dariat sollte Recht behalten. Die Liltener kauften Warbedes gesamte Ladung und zahlten doppelt so viel, wie sie für ihre letzte Ernte bekommen hatte. Warbede fragte sich, was sie mit all dem Gold anfangen sollte. Mit leiser Wehmut dachte sie an ihre Gefährten, mit denen sie die Insel vor vier Jahren erobert hatte. Auf fünf Köpfe verteilt, war der Reichtum nicht so überwältigend erschienen. Doch die anderen waren weitergezogen, ihren eigenen Träumen nach.

Bei näherem Hinsehen stellte sie fest, dass nicht nur die Yelesser-Brüder und -Schwestern auf der Hauptinsel vertreten waren. Alle Pilgerorden, von denen sie je gehört hatte, schienen hier ein prächtiges Haus zu unterhalten. Die Sprösslinge der reichen Inselherren sollten ihre Pilgerreise mit dem „richtigen“ Orden antreten.

Warbede jedoch, die reiche Inselherrin selbst, war nicht willkommen. „Wir nehmen nur junge Leute unter zwanzig“, sagte man ihr, immer wieder in andere Worte gekleidet.

Nachdem sie bei sieben Orden vorgesprochen hatte, wollte Warbede auf den Rest verzichten. Sie hatte ihre Pilgerfahrt schließlich aufgegeben und die Insel erobert, damit sie nicht zaubern lernen musste. Sie war auch so reich geworden, reicher als ihre Eltern und all ihre Verwandten zusammen. Aber jetzt hatte die Vergangenheit sie eingeholt, ihre Insel drohte zu versinken, und nur Zauberei konnte sie retten.

Stabilisatoren“, las sie an einem versteckten kleinen Stand, der im Markttrubel kaum auffiel. Ellenlange Stäbe lagen auf dem Verkaufstisch, aus Kristall, Holz, Metall – jedem erdenklichen Material.

Wenn die Fontäne unter Eurer Insel nicht gleichmäßig sprudelt“, erklärte der Händler, als er ihr Interesse bemerkte.

Was sollen sie kosten?“, fragte Warbede.

Das ist sehr unterschiedlich“, sagte der Händler. „Je nach der Beschaffenheit Eurer Insel eignet sich dieser Stab besser oder jener …“

Glaub ihm kein Wort, Mädel“, krächzte jemand. Warbede fuhr herum. Fast auf Tuchfühlung stand hinter ihr eine runzlige, braungebrannte Frau mit einem breiten Streifen aufrecht stehender Haare entlang des Scheitels und Diamanten anstelle der Eckzähne. „Du brauchst sein Zeug nicht, auch keinen von den überflüssigen Zauberern, die hier herumlungern und ein paar Kröten verdienen wollen. Ich mach das ganz allein, das kannst du auch.“ Sie nahm eine Tonflasche vom Gürtel und trank einen kräftigen Schluck.

Halt die Klappe, Chrede“, fauchte der Händler. „Ja, früher, bevor sie ans Saufen gekommen ist, da war sie die Heldin der Inseln“, fuhr er fort.

Diamanten-Chrede?“, fragte Warbede ungläubig.

Die Frau verbeugte sich schwungvoll. „Zu Euren Diensten.“

* * *

Einen Orden gab es noch, bei dem Warbede zweifelte, ob sie ihn besuchen sollte oder nicht. Doch das Zusammentreffen mit Diamanten-Chrede hatte ihr wieder Zuversicht gegeben. Sie machte sich auf zum Quartier des Moletay-Ordens. Dieser versprach, alle, die sich ihm anvertrauten, binnen eines halben Jahres zu Zauberern zu weihen, die nicht nur einen Zweig der Magie, sondern alle kannten.

Wie soll das gehen?“, fragte Warbede den jungen Mann im vielfarbigen Habit, der sie begrüßt hatte.

Wir begleiten unsere Pilger zu allen dreizehn heiligen Städten statt nur zu einer …“

Bevor Warbede eine Frage einwerfen konnte, sprach er weiter: „Das geht natürlich weder zu Fuß, noch zu Pferd, noch mit der Ruderkiste, wie es die Tradition verlangt. Wir nehmen den fliegenden Teppich.“

Warbede verzog spöttisch das Gesicht; sie dachte an die Predigten der lila Schwestern über den Wert der Zeit, die sie auf ihrer Pilgerfahrt zubrachten. „Und das wirkt?“, fragte sie.

Schaut mich an“, sagte der junge Mann.

Eure Zauberfertigkeit sehe ich Euch nicht an.“

Ach so, ich vergaß. Zauberer erkennen einander natürlich.“

Natürlich.“

Hier.“ Er schob Warbede einen umfangreichen Folianten hin. „Das haben bedeutende Zauberer zu unseren Reisen geschrieben.“

Sie blätterte. Hier waren wirklich die Großen der Zunft aufgeführt, Dimir, Eyno, Pegan Eglay … Nicht einmal Anoll fehlte. Diesen Eintrag las Warbede besonders gründlich. Dass die anderen Herausragendes geleistet hatten, wusste man. Aber wenn der Moletay-Orden dem früher für seine Unfähigkeit bekannten Zauberer hatte helfen können, musste die Methode wohl wirken.

Das Datum stimmte. Etwa einen Monat nach seinem kometenhaften Aufstieg an der Akademie zu Eres bedankte er sich bei „Bruder Ralcur“ für die lehrreiche Reise. Auch das Akademiesiegel schien echt zu sein.

Ja, es ist wahr“, sagte der junge Mann, „ich war sein Begleiter.“

Dann könnt Ihr auch mich begleiten“, sagte Warbede.

Er reichte ihr ein Amulett, eine handtellergroße Zinnscheibe, die mit dreizehn verschiedenfarbigen Steinen besetzt war. „Das solltet Ihr von nun an immer tragen, es ist das Zeichen der Moletay-Pilger.“

* * *

Zwar dauerte der Flug nach Camputal nicht lange, dennoch wurde es unterwegs dunkel. Warbede erwartete, dass Bruder Ralcur nun eine Lichtkugel um sie beide legen würde, wie es Erebo der Adept immer getan hatte, wenn sie nachts über ihre Insel wandern mussten. Doch er nahm aus seinem umfangreichen Bündel vier Kristallwürfel, die er an die Ecken des Teppichs setzte. Sie glommen auf und wurden nach und nach heller. Dann verlor ein Würfel den Halt und stürzte ab. Bruder Ralcur fluchte, tat aber nichts, um den schnell kleiner werdenden Lichtpunkt wieder einzufangen. Von da an hielt sich Warbede mit ihrem Gepäck möglichst fern von den Rändern des Teppichs.

Bei der Landung wurde der Teppich zu allem Überfluss beschädigt. Nicht nur das Gewebe riss auf dem rauen Untergrund, es flogen auch Funken, und ein klägliches Quietschen war zu hören.

Keine Sorge“, sagte Bruder Ralcur aufgeregt, „ich werde das in Ordnung bringen, nachdem ich Euch zur Akademie geleitet und der Obhut eines Meisters übergeben habe.“

Warbede nickte. „Ihr habt ja eine Woche Zeit.“

Doch der Moletay-Bruder wirkte noch immer sehr beunruhigt, als er mit Warbede durch die engen Gassen der Stadt zur Akademie ging. Dort nahm sie ein Rimarde im kriegerischen Lederhabit seines Ordens in Empfang. Unsicher starrte Warbede ihn an. Er hingegen schien sie gar nicht wahrzunehmen und wechselte nur mit Bruder Ralcur die traditionellen Begrüßungsformeln. Dann machte sich der Begleiter eilig auf den Weg.

Erebo?“, fragte Warbede ungläubig.

Warbede? Also bist du es doch!“ Sie fielen einander in die Arme. „Komm, die Exerzitien haben Zeit bis morgen, heute feiern wir Wiedersehen.“

Erebo meldete sich vom Pfortendienst ab. Er hatte seine Schülerin aufgenommen, nun war ein anderer an der Reihe. Statt in die Lehrsäle der Akademie führte er Warbede durch ein wahres Labyrinth schmaler Gassen zu einer Schänke. „Hier gibt es immer einen guten Tropfen … he, wo bleibst du denn?“

* * *

Warbede stand noch an der Ecke, die sie zuletzt passiert hatten, eng an die Wand gepresst, und winkte ihm, nicht näher zu kommen. Nur wenige Schritte entfernt schaute sich Ralcur misstrauisch um, bevor er in einen Laden trat. Er hatte den bunten Habit abgelegt und trug eine lange Rolle unter dem Arm. Erst, als er von der Straße verschwunden war, holte Warbede Erebo hinzu.

Was ist das da drüben für ein Laden?“, fragte sie. „Ich kann das Schild nicht lesen.“

Reparaturen aller Art“, las Erebo.

Reparieren die auch fliegende Teppiche?“

Fliegende Teppiche? Die sollte der Zauberer, der damit fliegt, selber flicken können.“

Und wenn er gar kein Zauberer ist?“

Dann sollte er die Finger vom Fliegen lassen“, knurrte Erebo. „Aber was ist hier eigentlich los?“

Warbede erzählte ihm, was sie beobachtet hatte.

Der Moletay-Orden, so, so“, sagte Erebo. „Ich habe mich schon gewundert, als er mit dir angekommen ist. Du hast deine Pilgerfahrt doch nicht beendet, oder?“

Nein, deshalb bin ich doch bei ihm.“

Langsam gingen die beiden zur Schänke. Bei einem Becher Wein ließ sich über all das besser verhandeln.

Der Moletay-Orden“, erklärte Erebo, „begleitet eigentlich geweihte Zauberer, die ihre Kenntnisse erweitern oder ihre Kräfte regenerieren wollen. Dass sie Pilger begleiten, ist mir neu.“

Warbede erzählte, was Bruder Ralcur ihr angeboten hatte.

Und du glaubst, dass der Kerl gar kein Zauberer ist?“, fragte Erebo.

Genau. Einen Teppich kann jeder fliegen. Und: Natürlich erkennen Zauberer einander – das kann er der Katze erzählen.“

Erebo wiegte den Kopf. „Das ist schon wahr, und du siehst auch gerade aus wie eine Zauberin. Deshalb habe ich dich nicht gleich erkannt. An deinem Begleiter habe ich nichts Auffälliges bemerkt.“

Warbede überlegte: „Kann man das auch mit einem Artefakt bewerkstelligen? Vielleicht in den Habit eingenäht?“

Das ist nicht ganz abwegig. Wir müssten deine Kleider absuchen.“

Das Amulett“, sagte Warbede. „Das hat er mir gegeben, und ich trage es immer.“ Sie nahm es ab und legte es vor sich auf den Tisch.

Erebo nickte. „Jetzt kann der Tisch zaubern, aber das wird bald verblassen. Es hilft nichts, damit müssen wir zum Erzzauberer.“

Und Ralcur? Müssen wir ihn nicht beobachten? Oder den Laden?“

Du hast recht, am besten beide“, sagte Erebo. „Zu fünft war das Leben einfach leichter. Ich versuche mal, ein paar jüngere Ordensbrüder darauf anzusetzen.“

* * *

Warbede fühlte sich auf schwankendem Grund, wie auf ihrer Insel, als sie dem Erzzauberer von Camputal und seinen zwölf Beratern Rede und Antwort stand. Einige hielten sie für eine Betrügerin, die Unfrieden säen wollte. Wenn Camputal gegen den eiligen Orden vorging, würde das auch Folgen für Eres, Oseyo, K’salm und die anderen heiligen Orte haben. Sie konnte nicht viel anderes tun, als immer wieder ihre Beobachtungen zu schildern.

Die Rimarden, die das Moletay-Ordenshaus beobachtet hatten, waren fündig geworden. Sie brachen Ralcur mit seinem Teppich herein. Er trug zwar ein abenteuerlich gebundenes Kopftuch, sonst aber nur Hemd und Hose, und die versammelten Zauberer erkannten ihn nicht als einen der Ihren.

Und was jetzt, Inselherrin?“, fuhr er Warbede an. „Wie willst du jetzt zu deinem Zauberstab kommen?“

Ich brauche keinen Zauberstab, wenn ich nicht zaubern kann.“

Du dürftest auch keinen führen“, sagte der Erzzauberer, „und der Moletay-Orden hat nicht das Recht, dir einen zu verleihen.“

Oh doch“, widersprach Ralcur. „Jeder Orden hat dieses Recht. Wir haben es lange nicht ausgeübt, aber …“

Das wird zu prüfen sein. Sperrt ihn ein“, sagte der Erzzauberer. „Wir wollen beraten, wie wir weiter vorgehen.“

Damit waren auch Warbede und Erebo entlassen, und sie gingen in die bekannte Schänke, um ihren Sieg zu feiern.

Das war eine echte Heldentat, Warbede“, sagte Erebo. „Die Betrüger haben sich da eine wahre Goldmine aufgebaut: Reisen, Zauberstäbe, Artefakte … und gerade die reichen Inselherren bezahlen fröhlich viel Geld dafür.“

Ich muss die Insel stabilisieren“, erwiderte Warbede.

Aber das …“ Erebo sah sie ungläubig an. „Das kannst du doch.“

Warbede schüttelte den Kopf. „Was ich kann, genügt nicht mehr. Der Nachbar hat mir schon ein paarmal geholfen.“

Erebo brummte unschlüssig. „Das verstehe ich jetzt nicht. Diamanten-Chrede … eigentlich die meisten Inselherren …“

Vielleicht bringen wir mit unserem ungeschickten Eingreifen die arkanen Strömungen mit der Zeit aus dem Gleichgewicht“, überlegte Warbede laut.

Das könnte sein. Ich muss das noch weiter erforschen.“

* * *

Und wie lerne ich jetzt zaubern?“

Erebo seufzte. „Also, die Herren der Akademie wollen dich nicht einlassen. Du bist unter falschen Voraussetzungen und nicht der Tradition entsprechend angereist.“

Heiliger Yelesser“, rief Warbede. „Soll ich etwa von Utailea zu Fuß nach Camputal laufen? Dort habe ich beim letzten Mal aufgehört.“

Erebo nickte. „Ja, das wäre wohl gut. Ich begleite dich.“

Warbede rechnete nach. Die Wanderung nach Utailea und zurück würde sie sechs Tage kosten, die anschließenden Exerzitien in der Akademie höchstens einen Monat. Sie wäre sehr viel schneller wieder auf ihrer Insel als geplant.

Am nächsten Morgen brachen Warbede und Erebo auf. Nach dem geforderten Fußmarsch und den Exerzitien wurde Warbede in Camputal zur Zauberin geweiht.

Sie hatte das Gefühl, ein neues Sinnesorgan bekommen zu haben. Wie eine schwarze, glänzende Kugel saß es in ihrem Körper und zeigte ihr Dinge, die sie vorher nicht wahrgenommen hatte. Die Zauberfertigkeit anderer sah für sie nun ebenfalls aus wie eine schwarze Kugel unterhalb des Brustbeins. Sie war auch durch Kleidung aller Art hindurch zu erkennen.

Als sie am Haus des Moletay-Ordens vorbeiging, spürte sie die feindselige Energie eines Angriffs auf sich zurasen, bevor sie überhaupt einen Menschen entdeckt hatte. Reflexartig entfaltete sich die schwarze Kugel zu einem mannshohen Schild. Erst danach sah Warbede eine Frau im bunten Habit am Boden sitzen und sich den Kopf halten.

Jetzt bin ich Kampfzauberin“, sagte sie, als sie einige Zeit später mit Erebo durch den Inneren Garten wandelte. „Ich kann meine Insel gegen Seeungeheuer oder den raffgierigen Emyal verteidigen, falls es nötig wird. Aber davon, wie ich die magische Fontäne darunter stabilisiere, war nie die Rede.“

Wohl hatte sie versucht, sich vorzustellen, wie sie mit der schwarzen Kugel in ihrem Leib die arkanen Strömungen unter der Insel lenken konnte, doch es fiel ihr schwer. Lag das wirklich nur an der Entfernung?

Es gibt wohl keine Schule, die sich ausdrücklich damit befasst“, sagte Erebo, „höchstens vielleicht Oseyo. Die fühlen sich für alles zuständig, aber …“

Mein Nachbar Dariat ist nach K’salm gepilgert.“

Und ich nach Eres. Es bleibt sich also gleich.“

* * *

Warbede schüttelte den Kopf. „Das gefällt mir nicht. Es ist ein Unterschied, ob man gerade so keinen Schaden anrichtet oder ob man tatsächlich weiß, was man tut. Können wir nicht unseren eigenen Orden aufmachen? Der die Inseln erhält?“

Du hast Einfälle. Hast du die Welt der Zauberer nicht schon genug durcheinandergebracht?“

Ich glaube nicht.“

Warbede verschaffte sich nochmals eine Audienz beim Erzzauberer und seinen Beratern und unterbreitete ihnen ihren Plan.

Wir haben uns schon gefragt, wann jemand darauf kommen würde“, sagte der Erzzauberer.

Das wären natürlich keine vollgültigen Zauberer“, warf ein Berater ein.

Unter unserer Leitung …“

Warbede nickte zufrieden.

Da sie nun den Segen des Erzzauberers hatte, ließ sich Erebo leicht überreden, mit ihr zu fliegen. Er holte den Teppich aus dem Lager der Akademie, und er übernahm auch das Fliegen. Warbede vertraute ihm. Sie setzte sich bequem auf den Teppich und genoss es, die winzig kleine Welt weit unter ihnen und die Wolken um sie herum zu beobachten. Dennoch fühlte sie bald eine Leere in sich aufsteigen. Konnte sie nun selbst fliegen? Oder doch nicht? War jetzt der richtige Augenblick, es zu versuchen? Sie entschied sich, ihre Zweifel hinunterzuschlucken und die ersten größeren Zauberexperimente am Boden zu unternehmen.

Dariat begrüßte die beiden mit einem Festmahl aus allem, was seine Insel derzeit zu bieten hatte, und mit einem breiten Grinsen: „Du kannst gleich zeigen, was du gelernt hast, Warbede. Drüben bei dir fängt es wieder an zu wackeln. Morgen früh wollte ich hinüber.“

Am nächsten Morgen fuhren sie zu dritt auf Warbedes Insel. Noch schwankte der Boden nur leicht. In der Grotte standen sie zunächst ein wenig ratlos. Wer sollte beginnen? Wessen Zauber sollten sie verwenden?

Warbede begann, wie sie es einst von Erebo gelernt hatte. In den langsamen Bewegungen spürte sie, wie sich der Strom auf sie zubewegte, mühsam und auf Umwegen. Schließlich erreichte er die schwarze Kugel. Die Insel stand still.

Nun war Warbede wirklich die Herrin der Insel.

* * *

Bild: Thomas Flück, CC BY-SA 3.0