Es folgt etwas Lesestoff am Stück, meine phantastische Kurzgeschichte „Der Auftritt unseres Lebens“ mit Blumenfeen, Kilts und Flachmann.

Lesestoff - Der Auftritt unseres Lebens 1

Ich hatte schon ein schlechtes Gefühl, als eines Tages Thirams Schwester, die große Magierin Lindea, mit zur Probe kam. Thiram ist ein guter Instrumentenbauer, da gibt es nichts, aber Lindea hat mehr Ideen, als für sie und ihre Umgebung gut ist.

Ich hab euch was mitgebracht“, verkündete sie, als sie mit wehender Robe auf den Dachboden von Idurs Scheune kam, wo wir proben durften. Natürlich hatte nicht sie etwas mitgebracht, sondern Thiram trug einen großen Korb mit verschlossenen Gläsern. Darin zappelte etwas.

Stellt eure Instrumente da hin,“ ordnete Lindea an, „und zieht euch in sichere Entfernung zurück, am besten auf den Hof.“

Was wird das denn, wenn’s fertig ist?“, fragte Vijleen, unsere Drehleierspielerin.

Euer Auftritt für Urosda.“

Da verschlug es auch Vijleen die Sprache.

Aber geht jetzt besser auf den Hof, bis ich hier fertig bin“, fuhr Lindea fort.

Wir stiegen die Treppe hinunter.

Das hat deine Schwester aber nicht ernst gemeint mit Urosda?“, fragte Idur der Gitarrist.

Natürlich nicht“, sagte ich.

Doch, natürlich“, sagte Thiram.

Vijleen runzelte die Stirn. „Ich hab keine Lust, in Urosda aufzutreten. Dafür bin ich schließlich bei der Aufnahmeprüfung für die Magierinnenakademie dreimal durchgefallen, dass ich mich mit dem ganzen Kram nicht mehr abgeben muss.“

Och, ich fänd’s lustig“, sagte Thiram. „Ich weiß zwar auch noch nicht, was Lindi vorhat, aber wenn wir damit in Urosda landen können, um so besser.“

Wir reden wirklich vom Großen Wettstreit der Arcanen Künste zur höheren Ehre der Erhabenen, gestiftet von der Erzgroßmeisterin Fürstin Eylime Najalie von Grubaz-Urosda?“ fragte Idur.

Genau davon reden wir“, sagte Thiram.

Bei diesem Wettbewerb trafen sich seit fast zweihundert Jahren alljährlich die besten Magierinnen (und auch einige Magier), um ihre eindrucksvollsten Zauber zur Unterhaltung des Publikums vorzuführen. Vielleicht war es in den Anfangsjahren wirklich um Ehre der Göttin gegangen, aber inzwischen war davon nichts mehr zu bemerken. Die heutige Fürstin legte mehr Wert auf perfekte Technik und geistreichen Witz.

Lindea streckte den Kopf zum Fenster heraus: „Ihr könnt wieder raufkommen.“

Wir kletterten die Hühnerleiter, die sich Treppe nannte, hinauf und beäugten unsere Instrumente misstrauisch. Sie schimmerten schwach. Ein Blick in Lindeas Korb zeigte mir, dass die Gläser nicht mehr verschlossen waren und auch nichts mehr zappelte. Ich klopfte mein Örgelchen von allen Seiten ab und wollte schon anfangen, die Pfeifen einzeln herauszunehmen, da sagte Lindea: „Jetzt probiert es doch einfach aus.“

Was machen wir?“, fragte Thiram und nestelte an seinen Flöten und Tröten, als ob nicht gerade unsere sämtlichen Instrumente verzaubert worden wären. „Den Becherbrecher?“

Idur schlug probehalber einen Akkord an. Vijleen stimmte. Ich behielt ihre Instrumente genau im Auge, und mir schien es, als flimmere die Luft darüber.

Thiram stimmte an und wir anderen fielen ein, die Gewohnheit war stärker als das Misstrauen.

Das Flirren in der Luft wurde stärker, es schloss sich in der Mitte zwischen uns zu einem Ring, aus dem sich vier handgroße Blumenfeen formten. Eine in Rosenrot, eine in Vergißmeinnichtblau, eine in Ringelblumengelb und eine in Margaritenweiß. Sie tanzten einen fröhlichen Reigen zu unserer Musik.

Meine Finger liefen selbständig weiter über die Tasten, während ich die kleinen Wesen anglotzte. Den anderen erging es offenbar ähnlich. Schließlich malte Thiram mit seiner Flöte den Schlusskringel in die Luft und wir beendeten das Stück.

Das war viel zu langsam“, beschwerte sich Ringelblume sofort mit zirpender Stimme.

Und im Takt wart ihr auch nicht immer“, fügte Rose hinzu. „Habt ihr niemanden, der trommelt?“

Das mach ich“, sagte Lindea. Sie griff sich die Rahmentrommel, die wir immer mitschleppten, obwohl wir sie nie brauchten, und kam in die Runde.

Und du glaubst, daß wir mit so einer Aufwärmübung in Urosda auftreten können?“, fragte Vijleen.

Aufwärmübung!“ Lindea plusterte sich auf und ließ einen Schwall Magietheorie auf uns niederprasseln.

Vijleen antwortete ihr mit einer eben so hitzigen Vorlesung, von der ich kein Wort verstand. Bis Lindea erwiderte: „Du hast ja nicht mal die Aufnahmeprüfung bestanden!“, und Vijleen zurückgiftete: „Und deine Mutter ist eine Bundesschwester deiner Meisterin!“

Da ging Thiram dazwischen: „Streiten könnt ihr später! Jetzt wird gespielt. Einmal das Programm rauf und runter.“

Na endlich“, zirpte die Margaritenfee. „Lange hätten wir es nicht mehr ausgehalten.“

Wir spielten unsere Lieblingsstücke, und die Feen tanzten dazu. Lindea haute tapfer auf die Trommel, meistens blieb sie sogar im Takt.

In den nächsten Tagen wagte ich es kaum, mein Örgelchen anzurühren. Würden die Feen auch beim Üben auftauchen? Wenn ja, wie würde ich als einzelner, magisch völlig unbegabter Mensch mit ihnen einig werden?

Als wir uns zur nächsten Probe trafen, stellte sich heraus, dass es den anderen ebenso ergangen war.

Thiram war entsetzt. „Uns steht der Auftritt unseres Lebens bevor, und ihr haltet es nicht mal für nötig zu üben? Jetzt geht’s aber los.“

In der Tat. Thiram traktierte uns mit musikalischen Feinheiten, von denen ich noch nie im Leben etwas gehört hatte. Dadurch, dass Lindea trommelte, kamen wir zwar nicht seltener aus dem Takt als sonst, aber es fiel mehr auf. Sie hatte übrigens auch die Rahmentrommel verzaubert, sodass jetzt noch eine veilchenblaue Fee zum Reigen erschien. Die fünf wurden immer unleidlicher, je öfter Thiram unser Spiel unterbrach, weil wieder etwas nicht gestimmt hatte.

Niedergeschlagen schlich ich nach der Probe nach Hause, mit dem festen Vorsatz, jeden Tag zu üben. Wenn ich werktags nach zehn Stunden Bücher heften nach Hause kam, taten mir zwar sämtliche Finger weh, aber trotzdem …

Beim ersten Versuch ging es noch gut. Meine Fee, Margarite, erschien und tanzte anmutig zu meinen Übungen. Am nächsten Tag beschwerte sie sich: „Es ist so langweilig alleine. Wie soll ich denn da richtig Reigen tanzen?“

Musst du denn jedes Mal kommen, wenn ich spiele? Auch, wenn ich nur Fingerübungen mache?“

Margarite nickte. „Auch, wenn du so langweiliges Zeug spielst wie heute.“

Ich beschloss, Lindea am der nächsten Erhabenentag zu fragen, ob sie den Zauber nicht ändern konnte. Die Feen brauchten nur zu erscheinen, wenn wir alle fünf zusammen spielten. Aber vorläufig konnte ich es Margarite nicht ersparen, jeden Tag zu mir zu kommen. Sie tanzte nicht mehr zu meinem Gepfeife, sondern machte Dehnübungen.

Als ich bei der nächsten Probe den Vorschlag machte, ging Lindea auf mich los. „Wie stellt ihr euch das denn vor, jeden Tag die Feen zu zitieren? Alle vier, jeder fast eine Stunde lang? Damit zieht ihr meine magische Energie für den ganzen Tag ab.“

Was? Mehr hast du nicht auf Lager?“ Vijleen lachte höhnisch. „Brauchst du auch schon das magische Potenzmittel meiner Meisterin?“

Da kennst du dich natürlich aus! Das Zeug ist genau richtig für Leute, die Angst haben, die Prüfung nicht zu schaffen.“

Thiram wedelte mit seinem größten Gemshorn. „Ruhe zum Donnerwetter! Wir müssen alle regelmäßig üben, daran ist nichts zu ändern. Vielleicht nicht alle jeden Tag, sondern immer nur einer oder zwei.“

Nein, nein, nein, nein, nein“, zirpte Rose dazwischen, als es wieder leiser war und man sie hören konnte. „So geht das nicht. Wir müssen auch üben, am besten jeden Tag. Wir müssen uns an die schwere Luft in eurer Welt gewöhnen und an die komischen Töne, die ihr Musik nennt, und erst recht an all den Lärm außen herum. Aber da sieht man’s mal wieder, ihr Menschen haltet euch für so mächtig, rennt herum und zitiert uns aus unserer schönen Feenwelt, aber dann habt ihr nicht die Kraft, uns beizustehen.“

Genau“, tschilpten die anderen Feen im Chor.

Und wenn wir hier sind und tanzen wollen, steht ihr nur da und streitet, und die Luft wird immer schwerer, bis wir es nicht mehr aushalten“, fügte Ringelblume hinzu.

Lindea holte Luft für eine Antwort, aber Vijleen legte ihr die Hand auf die Schulter. „Ich seh schon, ich kann dich auf unsere Abonnentinnenliste für Meisterin Pleiandras magische Potenzpillen setzen. Du würdest dich wundern, wer da noch alles draufsteht.“

Lindea gab sich geschlagen. Sie hörte aber wieder auf zu trommeln. Eine Fee weniger.

Verbissen arbeiteten wir weiter an unserem Programm. Ein halbes Dutzend Stücke brachten wir zusammen, die Lindea anspruchsvoll genug für ein so hochgebildetes Publikum fand. Für einen Buchbindergesellen, einen Gemüsehändlergehilfen, einen Instrumentenbauer und eine angehende Apothekerin waren sie schon fast zu anspruchsvoll. Unter dem ständigen Genörgel der Feen tüftelten wir kunstvolle Arrangements aus, die wir bis zur nächsten Probe wieder vergaßen und dann von neuem aufbauten.

Aber die Arbeit machte sich bezahlt. Als Altmeisterin Wilphilde von der Buchbindergilde starb und ich zur Beerdigung spielen musste, bekam ich hinterher viel Lob von meinen Mitgesellen zu hören. Wilphildes Erbin steckte mir heimlich noch zehn Taler zu.

Nach einigen Monaten schien es uns fast, als wären wir auf dem richtigen Weg zu einem gelungenen Auftritt. Da fand Lindea ein neues Problem: „Ihr braucht unbedingt etwas Anständiges zum Anziehen. Stellt euch nur mal vor, wer dort alles zuschaut – vielleicht die Königin …“

Idur schüttelte gleich den Kopf. Seine speckiger Lederrock tat seit zwanzig Jahren seinen Dienst und würde weitere zwanzig halten müssen – und Idurs Bauch bei seinem jetzigen Umfang bleiben. Ich spekulierte zwar schon lange auf einen neuen Festtagskilt, hatte mich aber damit abgefunden, dass vor meiner Hochzeit nichts daraus werden würde. Nur Vijleen fing sofort an, von bodenlangen Roben in leuchtenden Farben zu schwärmen, am liebsten komplett aus Seide.

Lindeas letzter Satz: „Macht euch keine Gedanken, ich leg euch alles vor“, wurde immer langsamer und leiser.

Thiram stutzte das Ganze wieder auf ein sinnvolles Maß: „Egal, wie vornehm die Zuschauer sind, wir müssen uns an die ständische Kleiderordnung halten …“

Du bist mein Gehilfe“, warf Lindea ein, „du kannst auch in Seidenroben gehen.“

Nein, wir kommen alle in schwarzen Kilts und bestickten Blusen, sonst sehen wir gar zu buntscheckig aus“, beschloß Thiram.

Vijleen verzog das Gesicht und murmelte etwas Unfreundliches, versprach dann aber, die Leibschneiderin ihrer Meisterin zu einem anständigen Nachlass zu überreden. Lindea atmete erleichtert auf. Sie bot nach wie vor an, alles vorzulegen. Der Auftritt in Urosda musste ihr wirklich viel bedeuten.

Zwei Monate später hatten wir unsere neuen Kleider. Seide war es nicht, aber feinste Wolle und hauchdünnes Leinen. Der Rücken der Bluse war mit einem üppigen Lebensbaum bestickt, von dem Ranken mit Früchten über die Ärmel und das Vorderteil liefen. Ich wollte mich gar nicht vom Spiegel trennen, so stattlich fand ich mich in meinem neuen Gewand. Jetzt konnte die Hochzeit kommen.

Aber erst hieß es, die abgewetzten Alltagskleider wieder anziehen für die Reise nach Urosda. Lindea hatte sich wieder in Unkosten gestürzt und eine Kutsche gemietet, in der wir mit sämtlichem Gepäck Platz fanden. Kutschieren mussten wir allerdings selbst. Idur hatte als einziger von uns etwas Erfahrung mit Maultierkarren, deshalb überließen wir ihm diese Aufgabe. Vijleen beschwerte sich zwar hartnäckig über die ungleichmäßige Gangart und das Geholper, aber als sie fuhr, wurde es auch nicht besser.

Gründlich durchgeschüttelt erreichten wir nach drei Tagen Urosda, gerade rechtzeitig zum Großen Wettstreit der Arcanen Künste zur höheren Ehre der Erhabenen, gestiftet von der Erzgroßmeisterin Fürstin Eylime Najalie von Grubaz-Urosda. Lindea schleppte uns zu einer der besseren Herbergen der Stadt, die für den Wettbewerb die Übernachtungspreise noch einmal kräftig erhöht hatte.

Ich will meine Kolleginnen nicht in einer zwielichtigen Absteige empfangen“, entgegnete Lindea, als ich darauf hinwies. Langsam wurde es mir unbehaglich, wenn ich an meine Schulden bei ihr dachte. Also dachte ich vorläufig nicht daran.

Wir badeten und und zogen uns um. Unsere Instrumente hatte bereits ein Hausknecht zum Stadtschloss der Fürstin gebracht, wenig später wurden wir von einer Kutsche abgeholt. Wie die Könige kamen wir uns vor bei diesem Luxusleben.

Das Hochgefühl hielt an, bis wir am Hintereingang des Stadtschlosses ausstiegen und unsere Konkurrentinnen sahen. Imposante Gestalten in raffiniert geschnittenen und üppig verzierten Magierinnenroben, die einander schon vor dem Wettbewerb mit ausgefeilten Illusionen zu beeindrucken versuchten. Dagegen sahen wir noch unbedeutender aus als die livrierten Diener, die überall herumliefen, um den Künstlerinnen und ihrem Publikum den Aufenthalt möglichst angenehm zu machen.

Macht euch keine Gedanken“, sagte Lindea wieder einmal. „Was die Kolleginnen da machen, sind Fingerübungen. Firlefanz. Illusionen. Keine echte Magie. Technisch sind wir tausendmal besser.“

Na, du musst es ja wissen.“ Idur fischte einen Flachmann aus der Tasche und entkorkte ihn mit den Zähnen. „Ich hab mein eigenes Mittel gegen die Aufregung.“

Wir wurden in unsere Garderobe komplimentiert, wo wir zu bleiben hatten, bis die Reihe an uns kam. Thiram versuchte, uns zu einer letzten Probe zu überreden, aber wir drängten uns lieber an der Tür, um nichts zu versäumen, was im Saal vor sich ging.

Schließlich trugen Lakaien mit unbewegter Miene zwei Stühle für mich und Vijleen in den Saal, dazu unsere Instrumente. Die Zuschauer auf den Rängen begannen schon zu kichern. Dann zogen wir in unseren bäurischen Trachten ein. Idur stellte sich nach rechts außen, Thiram links neben mich. Das Kichern wurde lauter.

Wir begannen unseren Auftritt mit „Trink den Wein, Schwesterlein“ – kein besonders anspruchsvolles Stück, aber es half, das Lampenfieber zu überwinden. Pünktlich zur zweiten Strophe erschienen unsere Feen und begannen ihren Tanz. Das Publikum verstummte. Alles schien glatt zu laufen.

Dann erklang ein schauerlicher Akkord aus meinem Örgelchen, und aus der flotten Trinkmelodie wurde „Mutter der Welt, erbarme dich“. Hastig nahm ich die Finger von den Tasten. Wie konnte ich mich ausgerechnet jetzt in mein Beerdigungsrepertoire verlaufen?

Aber die anderen hatten offenbar das gleiche Problem. Drehleier und Schalmei spielten den Choral weiter, Trommel und Gitarre brachen ab. Die Feen stießen Kopf voran zusammen, gerieten ins Trudeln und saßen schließlich verwirrt auf dem Fußboden. Mein Instrument nahm die Melodie wieder auf, ohne dass ich etwas dazu tat.

In der Mitte zwischen uns und den Zuschauern, wo eigentlich die Feen tanzen sollten, sammelte sich grauer Rauch und verdichtete sich zu einer Gestalt. Groß und schlank war sie, gekleidet in eine schlichte dunkle Robe, wie sie die Meisterinnen der Reform-Akademien nach dem Vorbild der Gründerinnen vor zweihundert Jahren auch heute noch trugen.

Vijleen hielt die Kurbel ihrer Drehleier fest, damit sich das Rad nicht drehen konnte, und begann zu singen: „Leer den Krug und schenk noch mal ein – Trink den Wein, Schwesterlein.“

Daraufhin rappelten sich die Feen auf, zwitscherten den Refrain mit und umtanzten die graue Gestalt mit unflätigen Gesten.

Idur drückte krampfhaft die Hand auf die Saiten und schloss sich den Sängern an. Ich presste mit aller Gewalt den Balg meines Örgelchens zusammen und wollte ebenfalls einfallen, doch ich bekam nur ein gravitätisches: „Führe uns dem Himmel zu, schenk uns dort die ewge Ruh“, heraus. Thiram blies den Choral mit hochrotem Kopf weiter, und die Schalmei übertönte uns alle.

Da löste sich ein roter Blitz aus dem Feenreigen und schoss Thiram auf die Nase. Ein Schrei, ein grässliches Quietschen, die Choralmelodie riss ab, die Rosenfee fiel mit einem Blütenblätterregen zu Boden.

Idur, Vijleen und ich schafften noch ein triumphierendes: „Schenket ein!“, ohne Begleitung. Dann erhob sich die Vorsitzende der Jury und hieß uns die Vorstellung beenden.

Nach einer wenig eleganten Reverenz führte Idur Thiram, dem das Blut aus der Nase lief, aus dem Saal. Vijleen und ich sammelten die Instrumente ein. Die Feen hoben unter aufgeregtem Tschilpen Rose in die Luft und trugen sie hinter uns her.

In der Garderobe wartete Lindea auf uns, aschgrau im Gesicht und kaum in der Lage, sich aufrecht zu halten. Margarite, Ringelblume und Veilchen überschütteten sie mit Vorwürfen. Doch sie kamen nicht weit. Bald verschwammen die vier Feen vor unseren Augen und glitten in ihre Welt hinüber. Lindeas Zauberkraft war aufgebraucht.

Idur holte seinen Flachmann aus der Tasche, den er heute schon stark strapaziert hatte. Aber je ein kräftiger Schluck für Lindea und Thiram war noch vorhanden. Die Magierin bekam wieder etwas Farbe, auch ihr Bruder kam langsam zu sich.

Was war das?“ fragte er mit verstopfter Nase.

Ehe ich: „Keine Ahnung“, sagen konnte, stürzte Vijleen ins Zimmer: „Schnell, rafft alles zusammen und dann raus hier.“ Ungestüm packte sie ihre Drehleier in den Kasten. „Das graue Ding war der Geist von Eylime Najalie. Die Jury glaubt, wir hätten ihn beschworen, und jetzt wollen sie uns wegen Nekromantie und revolutionärer Umtriebe drankriegen.“

Bild: Peter Stenzel via Flickr, CC BY-ND 2.0